Bei allem Wohlwollen…

… konnte Peer mich gestern nicht umhauen, auch wenn er mich positiv überrascht hat. Ehrlich gesagt schaute ich das große TV-Duell von Kanzlerin und Herausforderer nur mit einem Auge und war mit dem anderen in der nebeligen Themsemündung unterwegs (Nachfragen zwecklos). Als Steinbrück bei der ersten Frage in sein Anfangsstatement hineinstolperte, musste man sich echte Sorgen machen. Je länger die Sendung andauerte, um so sicherer und schlagfertiger wurde er und errang in Summe einen knappen Sieg.

Wir wissen natürlich, dass während eines solchen Duells kaum jemand wirklich Politikinhalte abwägt und daraufhin die eigene Wahlentscheidung trifft. Aber emotional und psychologisch ist die Sendung eine hochspannende Angelegenheit: Wer guckt wann wie? Wer kann Störsender (=Interviewer) besser ausblenden? Wer fährt wie dem Kontrahenten in die Parade? Dominieren platte Breitseiten, oder wird geschickt fintiert? Das alles vor dem Hintergrund bereits verteilter Rollen: Hier die Landesmutti mit entwaffnendem Durchwurschtelwillen, dort der im Bereich Sympathiewerte abgeschlagene, aber rhetorisch überlegene Kandidat. Auch wenn man als Zuschauer nicht vorurteilsfrei ist und eher eine Bestätigung für den eigenen Standpunkt sucht: Merkel war teigig, langatmig, harmonisierend, unscharf und manchmal eine Spur zu selbstzufrieden. Aber nur zweimal wurden ihre so charakteristischen herabhängenden Mundwinkel gezeigt (PKW-Maut und NSA-Abhörskandal) und das auch nur kurz und in der Halbdistanz. Dagegen war Steinbrück scharf, schnell, kopfig und manchmal ein wenig zu detailverliebt. Seine Einlassungen wirkten mitunter wie auswendig gelernt. Außerdem wurde er permanent beim konzentrierten Zuhören von vorne in Nahaufnahme mit leicht geöffnetem Mund gezeigt.

Ist es nicht kennzeichnend, dass Merkels Halskette das größte Aufsehen erregte? Welcher geniale Spin Doctor oder Personal Outfitter hat dieses Accessoire ausgewählt? Hand aufs Herz: Wer hat nicht im Verlauf der Sendung irgendwann gedacht: „Ah schau, sie hat eine deutschfarbige Kette um“ In Wirklichkeit war es übrigens eine belgischfarbige Kette. Dieses Stück Modeschmuck könnte das halbe Prozent bringen, dass zurzeit zwischen Schwarz-Gelb und großer Koalition liegt, kein Scherz. Anders ausgedrückt: Kann sich jemand an die Krawatte von Steinbrück erinnern?

Da sind wir dann auch schon bei einem Thema, das ich unbedingt noch beleuchten möchte: Die gestrige Auseinandersetzung war natürlich auch ein kleiner Gender-Krieg. Es überrascht daher nicht, dass lt. Meinungsumfragen Steinbrück bei den Männern und Merkel bei den Frauen besser ankam. Das mag auch daran liegen, dass der liebe Peer das „-innen“ im politisch korrekten „Bürgerinnen und Bürger“ so gerne verschluckt (ich muss immer an Honecker und die Deudschedemogradscherebublig denken). Und wenn wir die ach so beliebte Quote mal zu Ende denken: Sollte Deutschland nicht stets von einer Frau und einem Mann gemeinsam regiert werden?

Letzte Anmerkung: Auf Peter Kloeppel und Maybrit Illner hätte ich gut verzichten können. Raab, den ich eigentlich nicht mag, punktete mit seiner „King of Kotelett“-Ansprache an Steinbrück und Anne Will war eindeutig die Chefin im Ring. Sollte das gestrige Duell verhindert haben, dass die Wahlbeteiligung auf einen historischen Tiefstand sinkt, hätten wir alle gewonnen.

Note to self: Ich ess Blumen! Musik: The Ocean, The Dillinger Escape Plan, Zas, Jahressampler 2012 und 2013 (draft)

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