Seltsam berührt

Warum zum Teufel schon wieder ein Artikel über neue Alben, die außer mir wahrscheinlich nur wenige hundert bis maximal tausend Menschen überhaupt jemals hören werden? Ja warum? Mit musikalischem Sendungsbewusstsein hat es ganz bestimmt nicht zu tun, auch nicht mit dem Bedürfnis sich vom Massengeschmack abheben zu wollen. Naja, also wenn ich heute in die Single Charts für Deutschland reinschaue, dann kenne ich genau einen Interpreten, nämlich die Sportfreunde Stiller, alle anderen Namen sagen mir überhaupt nix. So weit ist es mit mir also schon gekommen.

KDH

Das neue Album „Hubardo“ von „Kayo Dot“ wird es wahrscheinlich nicht als CD, sondern nur als Download und als Vinyl-Pressung für die Sammler geben. Der Grund ist einfach: Von der letzten Platte hat man so wenige Exemplare verkauft, dass man mehr oder weniger pleite ist. So mancher Hörer dieses Werks wird sich denken „Das ist auch kein Wunder“. Kayo Dot sind Nachfolger der Avantgarde-Kapelle „maudlin of the Well“: Der kreative Kopf der Formation ist der New Yorker Toby Driver. Eine stilistische Einordnung der Musik ist nicht möglich: Von Freejazz über zappaeske Graffiti, Doom Metal und psychedelische Beschwörungen bis hin zu amoklaufenden Werbespots ist alles vorhanden. Manchmal klingt es auch nur einfach nach „Die 10b dreht im Musikunterricht völlig ab“. Schlicht folgt auf üppig, es wird gebrüllt, geflüstert aber auch ganz klar und unaffektiert gesungen. Neben Gitarre, Bass, Schlagzeug und Keyboards kommen Xylophon, Violine, Trompete, Saxophon und ein Blasinstrument vor, das wie eine abgesägte Klarinette klingt. In vielen Stücken finden sich brettharte Übergänge von kakophonisch nach wohlstrukturiert nach Aufbruch Richtung Nirwana. So klingt eine Platte jenseits aller kommerzieller Absichten, ein trotziges Aufstampfen und Ausrufen „Wir machen unser Ding“. Ja, find ich klasse!

rb

Man soll es nicht für möglich halten, aber in meiner Heimatstadt gab es mal eine Black Metal Band, die es immerhin zu überregionaler Bekanntheit gebracht hatte, diese Band hieß Nagelfar und der Schlagzeuger nannte sich Alexander von Meilenwald. Besagter von Meilenwald hat nach Auflösung von Nagelfar ein Projekt namens „The Ruins of Beverast“ ins Leben gerufen und das neuste, gerade erschienene Machwerk dieses Ein-Mann-Projekts nennt sich „Blood Vaults“ (eigentlich ist der Titel viel länger, viel abstruser und viel cooler, aber lassen wir es dabei). Jetzt kann man sich natürlich fragen, warum es gerade im Black Metal so viel Ein-Mann-Kapellen gibt (Arbeitszeiten? Proberaumausstattung? Trinkgewohnheiten? Körpergeruch?) Wir wissen es nicht und wollen auch nicht spekulieren. Einerseits bietet der neue schwarze Rundling genau das Erwartete, nämlich heiseres, bedeutungsschwangeres Geflüster, mäßig flottes aber gekonntes Geknüppel, viele doomige Passagen, Chöre aus der Rubrik „heretische Mönche und ketzerische Nonnen“ und ein paar cleane Gitarren aus der Wanderabteilung. Andererseits wirkt die Platte weniger ziellos und schuselig als die mir bekannten Vorgänger. Trotzdem muss man schon eine Menge Zeit mitbringen und in der richtigen Stimmung sein, um diesen Tonträger hinreichend goutieren zu können. Mir ist er trotz erkennbarer Bemühungen, sich auf neue Entwicklungen im BM einzulassen, ein wenig zu traditionell. Ein kreativer Input von gleich- oder ähnlich gesinnten Mitkomponisten würde dem Ausnahmedrummer von Meilenwald sicher guttun. Ein Extrasternchen gibt es für das Cello in „A Failed Exorcism“, da passt alles zusammen.

FTST

„Facing The Swarm Thought“ kommen aus Augsburg und es gibt sie schon länger. Wer aber jetzt an „Puppenkiste 2.0“ denkt, der liegt völlig daneben, denn seit der ersten EP, die es 2007 für umme auf einer von mir damals sehr geschätzten Internetseite zum Download gab, hat sich einiges bei den Schwaben getan. Vom kernigen aber doch irgendwie ziemlich beliebigen Metalcore hat man sich inzwischen jedenfalls ein gutes Stück entfernt und agiert deutlich mutiger. Das Label Mathcore klebt auf der neuen Platte „Bridges“ und das stimmt auch, allerdings handelt es sich um eher traditionellen Mathcore mit Arrangements wie man sie bei „Converge“ findet. Mir taugt das ausgezeichnet. Es muss nicht jede junge Mathcore-Kapelle wie „Rolo Tomassi“ klingen, im Gegenteil. Die Platte ist wild, brutal und kein bisschen nachsichtig. Mich würde mal interessieren, wie viel vom fertigen Produkt live, also „aus dem Raum“ aufgenommen wurde, denn der Sound des Albums ist insgesamt sehr ungewöhnlich. Ein bisschen so als hätte man noch eine semipermeable Membran zwischen Band und Hörer aufgespannt, die nur die gemeinen Frequenzen durchlässt und dafür die runden, entspannteren Schwingungen zurückhält. Schönes Album.

Note to self: Der Geschmack der Zersetzung. Musik: All of the above.

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