Dein Wille geschehe

Das in den letzten Tagen fast am häufigsten verwendete Wort zur Erklärung des insgesamt doch recht unerquicklichen Ergebnisses der Bundestagswahl ist „Wählerwille“. In diesem Wort ist so viel Gedankenlosigkeit und Fehlzuschreibung versammelt, dass man bei ständiger Wiederholung des Terminus Angst um die eigene geistige Gesundheit haben muss.

OK, lassen wir Herrn Schopenhauer („Der Mensch kann zwar tun, was er will, aber nicht wollen, was er will.“) mal außen vor, um die Angelegenheit nicht unnötig zu verkomplizieren. Das Wort Wählerwille erzeugt in meinem Kopf stets das Bild eines emsigen, mit biochemisch-olfaktorischen Ketten gefesselten Ameisenvolkes, das nicht nur über Schwarmintelligenz, sondern eben auch über ein gemeinsames Wollen verfügt. Der Begriff impliziert nämlich, dass der Wille der 95jährigen Irmgard Z. aus Königs Wusterhausen, die seit 1990 die Partei Bibeltreuer Christen wählt, und der Wille des 19jährigen Thorben-Christian U. aus Köln, der bei seiner ersten Bundestagswahl die Piraten angekreuzt hat, irgendetwas miteinander zu tun hätten. Was ist mit dem Willen derer, deren Stimme gar nicht im Parlament repräsentiert ist? Was ist mit denen, deren Stimmabgabe nicht durch „Was ich will“, sondern in erster Linie durch „Was ich auf keinen Fall will“ begründet war.

Angesichts der Tatsache, dass die Wahlgewinner keine Mehrheit haben und diejenigen, die die Mehrheit haben, nicht regieren wollen, ist das derzeitige Herumeiern um Sondierungen und „Rote Linien“ Ausdruck des Kaubonbon-Problems: Wir alle erinnern uns an jenen hirnrissigen Werbespot aus den Achtzigern:

Schiedsrichter: „Wollt ihr Verlängerung?“
Stadion: „Nein!“

Schiedsrichter: „Wollt ihr Elfmeterschießen?“
Stadion: „Nein!“

Schiedsrichter: „Was wollt ihr denn?“
Stadion: „MAOAM, MAOAM“

Dieser tiefschürfende und gleichzeitig surreale Dialog entlarvt die bigotte Anbiederung der politischen Kaste an den Souverän, die immer bei der Verwendung des Begriffs „Wählerwillen“ mitschwingt. Oder ist schon jemals ein Stadionbesucher vom Kampfrichter gefragt worden, wie das Spiel fortgesetzt werden sollte? In meiner Jugend sprach man nach der Wahl noch von „Wählerauftrag“. Und dieses Wort illustrierte trefflich, dass die Volksvertreter vom Volk hinter das Lenkrad gesetzt werden, so als ob man einem Handwerksbetrieb mit der Auftragserteilung die Zügel in die Hand gibt und dann erlebt, wie der Auftragnehmer das Badezimmer in eine Trümmerlandschaft verwandelt und dann eine saftige Rechnung präsentiert.

Machen wir uns nichts vor: Ca. 80% politischer Entscheidungen bestehen aus Sachzwängen, die restlichen 20% bestehen aus den Ideen der politisch Handelnden (außer Angela Merkel, die völlig Ideenfrei ist). Umfragen vor der Wahl zeigten, dass die Bundesbürger mit satter Mehrheit eine große Koalition mit Mutti als Kanzlerin wünschten. Warum setzt man Regierungen zukünftig nicht nach dem Ergebnis solcher Umfragen zusammen? Vermeidung jeder Konfrontation, Duckmäusertum auf ganzer Linie, die Königin der Raute als Weglächlerin von Ewigkeit zu Ewigkeit. Offensichtlich ist es das, was wir wollen.

Note to self: Wäre es doch nur der Not-so-funny-bone. Musik: Karnivool, Cloudkicker, Rolo Tomassi, Pharmakon.

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