Fein raus sein

Für die Fischer auf Lampedusa könnte es doch ein zweites Standbein sein, gegen Gebühr ertrunkene Afrikaner aus dem Mittelmeer zu ziehen. Nein, das ist nicht zynisch. Das ist Realität in einem Land, das die Rettung von Menschen in Seenot damit zu unterbinden versucht, dass man die Retter damit bedroht, sie im Nachgang der Schlepperei anzuklagen. Nur nebenbei sei angemerkt, dass dieses Land die illegale Einwanderung als Straftatbestand einordnet und gegen die Migranten Geldstrafen von 5000€ pro Kopf verhängt. Die Republik Italien hat unter dem Einfluss rechtspopulistischer Parteien extrem scharfe Einwanderungsgesetze erlassen und da das nicht half, hat man Einwanderer auch schon mal mit einem Transitvisum und einem Zugticket Richtung Deutschland in Marsch gesetzt. Italien hat im vergangenen Jahr rund 15.000 Asylbewerber aufgenommen, Deutschland 65.000.

Martin Schulz, der Präsident des EU-Parlaments, hat heute verlangt, dass Deutschland mehr Flüchtlinge aufnehmen solle. Hat er recht? Wenn man die Stellungnahmen der Foristen auf SPON und Co. liest, so könnte man denken, dass die Deutschen ein Haufen hartherziger, fremdenfeindlicher Egoisten sind, die auf den Zinnen und Türmen der Festung Europa stehen. Das ist ja schon schlimm genug, schlimmer noch ist, dass diese Foristen, die so laut die Einwanderung in die sozialen Netze Europas kritisieren, mit grenzenloser Dummheit geschlagen sind. Der durchschnittliche Lebensstandard der Europäer trägt zur Verelendung Afrikas mit Fischereiabkommen, subventioniertem Export von Geflügelteilen, Milchpulver, Waffen bei. Unsere Entwicklungshilfe wandert wenigstens zum Teil direkt in die Taschen der korrupten Oberschicht. Das ist eine Seite der Medaille.

Die andere Seite ist noch viel unangenehmer: Der Wunsch des Durchschnittsafrikaners nach Wohlstand in EU-Maßstab ist zwar verständlich, aber genau so wirklichkeitsfern wie die Annahme der Europäer, ihr Wohlstand könnte sich auf lange Sicht konservieren lassen. Wollte die gesamte Menschheit auf Hartz IV Niveau leben, bräuchten wir die Ressourcen zweier Planeten Erde, so einfach, so brutal ist es.

Also, was hilft? „Bildung“ sagen die einen und verkennen, dass in Nordafrika und in Teilen Asiens inzwischen eine gut ausgebildete junge Generation mit immer geringerer Chance auf Teilhabe heranwächst. „Teilen“ sagen die anderen und nehmen nicht wahr, dass diejenigen, die am leichtesten abgeben könnten, schon lange aus dem Modell „solidarische Gesellschaft“ ausgestiegen sind, man schaue sich nur die Aufstellung der 500 Reichsten Deutschlands an, die heute veröffentlicht wurde. „Krieg“ sagen die Zyniker und rechnen schon den Zeitpunkt aus, ab dem es dann richtig knallen wird.

Wir müssen zugeben, dass wir dieses Problem nicht lösen können. Egal ob wir aus sozialdarwinistischer, humanistischer, technokratisch rationaler, christlicher, globalisierungskritischer oder romantisch verklärender Sicht argumentieren. Alle Ansätze scheitern letztlich an der Natur des Menschen, an seinem Wunsch möglichst gut und sorgenfrei zu leben, und sei es auch auf Kosten der anderen. Was wir aber tun können, ist das Problem zu verkleinern statt zu vergrößern. Das bedeutet die kriminellen Tätigkeiten multinationaler Konzerne in der so genannten Dritten Welt zu unterbinden. Das bedeutet auch Lebensmittelexporte auf absolute Nothilfeszenarien zu beschränken. Aber vor allem bedeutet es, alle Maßnahmen zu fördern, die das Bevölkerungswachstum begrenzen. Es ist noch gar nicht so lange her, dass europäische Armutsflüchtlinge in Massen nach Nord- und Südamerika auswanderten. Der Unterschied zu heute ist der, dass die Welt damals vergleichsweise leer war. Amerika war deswegen leer, weil etwa 80% der indigenen Bevölkerung von Pocken, Masern, Grippe und dem Christentum dahingerafft worden waren. Igeln wir uns also weiter ein und malen wir düstere und schöne Bilder von dem, was die Evolution der Mikroorganismen möglicherweise für uns bereithält.

Note to self: Ein-aus-ein-aus-ein. Musik: Sunbather.

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