Das! Kannst! Du! Nicht! Tun!

AFR

Chris Martin (Coldplay) hat gesagt, Arcade Fire seien die beste Band der Welt. Andreas Borcholte (SPON) hat das aktuelle Album „Reflektor“ mit der Traumnote 10 bewertet. Der Hype um die Grammy-Gewinner hat inzwischen erdbebenhafte Ausmaße angenommen. Die Auskopplung der ersten Single, die Veröffentlichung von weiteren Schmeckmüsterchen, all das erzeugte Schockwellen jenseits jeder Vernunft. Also kann ich diese Platte nicht verreißen, das geht einfach nicht. Oder?

Zur Klärung: Für mich spielt es keine Rolle, ob die Kanadier inzwischen zu einem der meistbeachteten Acts auf dem Planeten geworden sind oder ob sie für die neue Scheibe einen Edelproduzenten verpflichtet haben. Mein Lieblingsalbum von Arcade Fire ist nach wie vor „Neon Bible“, weil es kaum eine andere Platte gibt, die so viel an emotionalen Verwerfungen erfahrbar macht. Ich schreibe nicht deswegen diesen Verriss, weil alle anderen das Album so toll finden, ganz bestimmt nicht.

Fangen wir mal mit dem Positiven an: „Reflektor“ ist eine mutige Platte, weil eine konsequente stilistische Neuausrichtung erfolgt ist. Es ist eine sperrige Platte, die sich kaum am Mainstream orientiert. Es ist gleichwohl eine typische Platte, weil viele Elemente des Songwritings von Win Butler erhalten geblieben sind. Das ist es dann aber auch. Jetzt wird es grottig:

„Reflektor“ will so etwas wie ein Konzeptalbum sein, auch wenn James Murphy (LCD Soundsystem, der Produzent) das vehement bestreitet. Leider fehlt es dem Album aber an Zusammenhang, es gibt keinen Spannungsbogen, gerade die von vielen Kritikern lobend erwähnten Höhepunkte (Tracks 2 und 3 auf Disk 2) sind hinsichtlich Originalität, Arrangement und inhaltlicher Tiefe eine einzige Enttäuschung. Am Anfang von Disk 1 befindet sich ein 10 Minuten langer „Hidden Track“, der wohl so etwas wie eine Collage sein soll, die den Entstehungsprozess der Platte im Studio abbildet. Die Qualität und Positionierung dieses Tracks macht jeden Versuch, sich dem Album als Gesamtwerk zu nähern, von vorne herein zunichte. Ein Gimmick für Hipster? Nein, eine Zumutung.

Die Band löst sich auf dem Album vom schräg instrumentierten Indie-Rock, der vorher Kennzeichen der Kapelle war, und bewegt sich Richtung Dance, Dub, Synthiepop der 80er. Das könnte ganz spannend sein, wenn man ein bisschen Sorgfalt investiert hätte, um das Schmeichelnde und die Brüche in diesem Konzept herauszuarbeiten und zu polieren. Die Single „Reflektor“ zeigt, dass das möglich gewesen wäre. Es gibt aber zahlreiche Tracks auf dem Album, die so lieblos hingerotzt und so wenig zu Ende gedacht sind, dass es fast wehtut. Was man der Schrammelkapelle noch durchgehen ließ oder als besonders reizvoll empfand, wird vor dem Hintergrund maschineller Discobeats zum unausgegorenen Zwischenprodukt. Gleichzeitig ist das ganze Album ungeheuer bemüht, trieft vor bedeutungsvollen Wendungen, gibt sich gespreizt, ist aber bei genauerem Hinsehen hohl und leer. Und gerade wenn man versucht gekonnt minimalistisch zu sein, geht das Ganze komplett in die Hose. Ich darf das schreiben, ich bin ein Opfer der frühen 80er und ihrer ganzen musikalischen Grausamkeit.

Es gibt Details auf der Platte, die mich wahnsinnig machen: Die Mehrzahl der Chöre (Nanananananahhhh), Tempowechsel, die klingen als hätte man mit einem billigen Soundeditor Schnipsel zusammengestückelt, Retrosynthies, die auch nach 30 Jahren immer noch erbärmlich klingen, selbst wenn man sie mit Bläsern kombiniert, die auch in einem Spaghettiwestern auftauchen könnten. Aber das Allerschlimmste sind die künstlichen Steeldrums auf „Here comes the night time“. Ekelerregend.

Kurz und gut: Das Album ist Müll. Schade.

Note to self: …die keine Heiterkeit besäßen, sondern nur ein Gelöbnis…. Musik: Arcade Fire.

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