Lieber Sigmar

Warum zur Hölle, schaue ich mir die Live-Berichterstattung vom SPD-Parteitag an, wenn auch nur mit einem Auge auf dem „second screen“? Das hat damit zu tun, dass ich unbedingt erfahren muss, wie der Vorstand die bevorstehende Koalition der Grausamkeiten an die Basis verfüttern will. Und dann interessiert mich natürlich, wie stark die „strategische Wende“ , also die Entscheidung, Bündnisse mit der Linkspartei nicht mehr kategorisch auszuschließen, im Plenum thematisiert wird. Vorläufige Zusammenfassung zu 1: Man muss schwammig bleiben, denn man verhandelt ja noch. Versprochen wird eine Menge, gehalten werden muss nix, man verhandelt ja noch. Gabriel, Kraft und Steinbrück geben bekannt als Tiger abgesprungen zu sein. Und ich befürchte, dass sie als Bettvorleger landen werden. Aber die Basis ist begeistert. Überhaupt Steinbrück: Auch wenn mir seine wirtschafts- und finanzpolitischen Vorstellungen viel zu liberal sind, muss man ihm doch bescheinigen, bis zu seiner heutigen Rede, die den Rückzug aus der ersten Reihe bedeutet, stets er selbst und auf Linie geblieben zu sein. Das würde man manch anderem Genossen auch wünschen.

Zu 2: So leidenschaftlich die Ablehnung der Linken in der SPD in den vergangenen Jahren betrieben wurde, die längst überfällige Kehrtwende in diesem Punkt wird von der Partei in merkwürdiger Gelassenheit vollzogen. Ich hatte mit emotionalen Ausbrüchen gerechnet – Fehlanzeige. Und damit wird die jahrelange Verweigerungshaltung als politische Idiotie entlarvt. Nicht weil die Linke die einzige Alternative zum Gewinn einer wirklichen Gestaltungsmehrheit im Bund ist, sondern weil man sich dann der Marginalisierung, die auch diesmal als Ergebnis der Koalition mit dem Kanzlerinnenwahlverein übrig bleiben wird, entziehen kann. Und die politischen Inhalte? Ja mein Gott, Geld ist keins da, die Macht haben die Banken und vor der Hacke ists duster. Also werden sich immer die pragmatischen Wurschtler durchsetzen und die gibt es in allen Parteien. OK, das war jetzt sehr zynisch und zynisch will ich immer weniger sein. Also: Sollten die Linken ihre abenteuerlichen außenpolitischen Vorstellungen aufgeben und die Sozen sich auf ihre demokratisch-sozialistischen Wurzeln besinnen, dann könnte eine rot-rote Zusammenarbeit fruchtbar und ertragreich sein.

Selten hat man die SPD so geschlossen gesehen. Dafür gibt es einen einfachen Grund: In den kommenden Jahren wird sich entscheiden, ob man den Trend stoppen kann, der ein erhebliches Gefälle aufweist. Dabei geht es darum, ob die Partei eine neue Identität formen kann mit einem scharfen, konfrontativen, glaubhaften Profil. Die Duckmäuser wird man nicht gewinnen können, die wählen eh alle Merkel. Also Sigmar, lass jucken.

Note to self: Na komm, werd bloß nicht weich. Musik: Keine, Glotze.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.