Pocket gophers and Mima Mounds

PG

Ich lasse mich ja gerne darüber aus, dass es in erster Näherung nur zwei menschliche Ordnungsprinzipien gibt: Das „Alles auf einen Haufen“-Prinzip und das „Alles gleichmäßig verteilen“-Prinzip. Anders ausgedrückt: Ins helle, helle Licht oder unter den Teppich mit dem ganzen Schmonzens. Genau deshalb fiel es den Menschen so schwer hinter das Geheimnis der Mima Mounds zu kommen. Dabei handelt es sich um niedrige abgeflachte kreisrunde bis ovale Erhebungen in der Landschaft, die vor allem in Nordamerika aber auch in anderen Teilen der Welt mit schöner Regelmäßigkeit auftauchen.

MMM

Jahrzehnte, ach was schreib ich, Jahrhunderte lang hat man versucht zu ergründen, ob nun geologische, seismische, meteorologische oder gar extraterrestrische Ursachen zur Entstehung der Hügel geführt haben. Letztes Jahr kamen nun ein paar Forscher offenbar dahinter. Der Urheber der Erhebungen ist biologisch, der Ordnung Rodentia (Nagetiere) zugehörig und bodenbewohnend. In Nordamerika sollen es jedenfalls die Taschenratten sein, die durch fortwährende Grabtätigkeit ganz besonders zur Zeit der Schneeschmelze immer höhere Hügel aufwerfen, weil sie nicht ersaufen wollen. Dieser Prozess führt im Laufe von Jahrhunderten zur Verhügelung ganzer Ebenen.

Natürlich hat man jetzt als Normalbürger romantisierende Bilder von zoologischer Feldforschung im Kopf. Man sieht vor dem geistigen Auge bärtige und Nickelbrillen tragende Männer mit Falthüten und ebensolche Frauen, die ihre Lebensaufgabe darin sehen dem Treiben der Taschenratten auf den Grund zu gehen, die Tierchen aus ihren Bauen auszugraben, sie zu wiegen und ihnen unter die Schwanzwurzel zu gucken, bis sie abends ermattet bei Cowboykaffee und Bohnen mit Speck ums Lagerfeuer sitzen und sich gegenseitig Taschenrattengeschichten erzählen. Die Realität ist nüchterner.

Kein Institut der Welt würde über Jahrzehnte Geld zur Verfügung stellen und kein einigermaßen ambitionierter Biologe würde über solch lange Zeit den Ratten beim Graben und den Hügeln beim Wachsen zusehen. Deshalb greifen die Forscher heutzutage zu computergestützten Modellen, getreu dem Motto: Simulation is for those, who can’t handle reality. Ich selbst durfte im Rahmen meiner Ausbildung ein Programm schreiben, in dem Käfer auf Bodenfallen trafen bzw. in ihnen jämmerlich ertranken. Wir sehen also, dass ein solches Vorgehen nicht nur die Nerven der Forscher, sondern auch den zoologischen Untersuchungsgegenstand schont. So, das Landschaftsbild im Taschenrattenmodell zeigt nach mehreren hundert Jahren und entsprechend vielen putzig pelzigen Generationen genau die Hügelbildung, die man in der Natur beobachtet. Dann schreibt man ein Paper, reicht es bei „Nature“ ein, die nehmen es tatsächlich und sobald es dort veröffentlicht ist, gilt die Sache mit den Ratten und den Hügeln als gegessen.

Ich würde wetten, dass der letzte echte Kontakt von Taschenratte und Taschenrattenexperten im Falle der Mima Mounds lange vor Beginn der Untersuchung stattgefunden hat und die Kenndaten zur Lebensweise der Tierchen bei der Parameterisierung des Modells aus zoologischen Standardwerten übernommen wurden. Und jetzt überlegen wir mal gemeinsam: Wie viel von dem Wissen, das nicht nur die spinnerten Hirne von Nagetierforschern erfüllt, sondern auch unseren Alltag bestimmt, stammt wohl inzwischen aus der Modellierung des Natürlichen? Und wie lebt es sich damit, dass wir inzwischen nicht mal mehr von Erkenntnis und Erfahrung, sondern nurmehr von kalter, abstrakter Mathematik abhängen? Wäre man eine Taschenratte, könnte man schon aus Trotz bei der nächsten Schneeschmelze ersaufen.

Note to self: Splendid Durchwurschtelung. Musik: Heathen, Disfiguring The Goddess, The Hive, Squat Club.

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