Krümmung

Bei der Durchsicht der letzten zahlreichen neuen Beiträge (beachtlich!) in der flusslandschaft überkommt mich einerseits Wehmut (OK, das ist sicherlich auch der Jahreszeit geschuldet. Gegen die ständige Dunkelheit hilft eigentlich nur die Erinnerung an die Leichtigkeit jungendlicher Sommer.), andererseits die Sehnsucht nach etwas wirklich Frischem. Irgendwie ist ja schon klar, dass mit den Jahren auch die Wichtigkeit der Erinnerungen zunimmt, schließlich ersetzen sie nach und nach die hoffnungsvollen Erwartungen und Chancen. Es ist schon merkwürdig: Es gibt jahrelange Abschnitte, die scheinbar spurlos an mir vorbei gegangen sind, von denen nichts blieb als ein paar Quadratzentimeter zusätzliche Kahlheit und die halbvernebelte Müdigkeit nach traumlosen Schläfen. Scheinbar muss es deswegen heißen, weil in letzter Zeit immer häufiger bizarre Bruchstücke aus diesen Zeiten in den grellbunten Ringkämpfen am Ende der Nacht auftauchen und mich bis in den Tag verfolgen, wo sie kleine fiese Fragen stellen und sich nicht abschütteln lassen. War es wirklich so schlau wesentliche Teile des Hauptstudiums vor Carrombrettern zu verbringen? Haben die zahlreichen kilometerlangen Fahrten zwecks Fluchthilfe und die nachfolgenden Komplettverbarrikadierungen die Chancen auf ein nachhaltiges Wahrhaftigwerden zu früh und zu gründlich zerstört? Hätte man der süßen Wärme geteilter Nachtlager damals nicht etwas gründlicher und ernsthafter nachspüren sollen, in der Hoffnung, dass davon etwas unzerbrechlich überdauert? Hätte sich der naheliegende Sinn der Gesamtveranstaltung für mich in wohltemperierten Fläschchen und vollgeschissenen Windeln erfüllen können? Hätte ich dann die kleinen Jungs, die über Nacht zu übermännlichen Vätern geworden sind, mit weniger Häme betrachtet und etwas mehr von ihnen übrig behalten als eine Liste von Telefonnummern mit zweifelhafter Aktualität? Würde der Riemen, an dem es sich zu reißen gilt, mir nicht ganz so sehr wie eine Karotte vorkommen, die an einer Angelrute unerreichbar vor mir pendelt? Sinnlos ist die Suche nach Antworten, denn zu tief ist die Grube und damit das Licht mich träfe müsste sich die Erde anders krümmen.

Note to self: Dreigroschenabend. Musik: Izah, World Downfall, Machine Head.

2 Antworten auf „Krümmung“

  1. Teilweise haben wir diese „jahrelangen Abschnitte“ gemeinsam erlebt, so kommt es mir zumindest vor, vielleicht trügt mich aber auch meine Erinnerung in diesen trüben Tagen, aber ich denke gerne an diese Zeit zurück. Und diese „kleinen fiesen Fragen“ stellen sich so oder so, jedenfalls wenn das jeweilige Gehirn komplexere Vorgänge unterstützt. Auch die Frage nach der „Wahrhaftigwerdung“ ist kein irgendwann abgeschlossener Prozess. Im Gegenteil, neue Gedanken, Fragen entstehen jeweils in allen Lebensphasen neu. Mit Dir damals Carrom zu spielen war schön und ich habe dabei von Dir gelernt! Denen nachzutrauern, die irgendwann andere Wege gegangen sind, ist müßig. Und die Windelfrage kannst Du dir immer noch beantworten, ersetze dazu einfach die Karotte wenn Du magst. Die „Häme“ allerdings, war vielleicht sogar berechtigt. Aber diese Form der Abgrenzung und des Selbstschutzes bei sich gerade entwickelnden Eltern kann man selbst mit persönlicher Erfahrung irgendwann nur noch mit freundlicher Distanz betrachten. Und denke einfach mal an die einen oder anderen, die wohl ganz eigene Erfahrungen machen durften. Merke: Die jeweilige Krümmung hängt immer vom eigenen Standpunkt ab!

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