Verdrossen

Neulich im Proberaum: Unser -nicht mehr so ganz nüchterner- Gitarrero ist doch tatsächlich der Ansicht, Demokratie wäre ja wohl kaum die ideale Staatsform, Wählen gehen wäre überflüssig und er könne sich eher einen Ältestenrat nach altgriechischem Vorbild oder einen menschenfreundlichen Diktator vorstellen. Da bekam er aber was zu hören! Ob mein Protest an diesem blass-sonnigen Morgen genau so entschieden ausgefallen wäre? Ich weiß es nicht.

Sicher, so richtig enthusiastisch wirkte unser Ex-Bundeswirtschaftsminister nie. Er verkörperte eher das politische Phlegma, den mitlaufenden Parteisoldaten. Wir hören nun, dass er sein Amt niemals wirklich gewollt hat, seine Benennung war dem bayerischen Parteienproportz geschuldet: Ein CSUler aus Franken musste es sein. Landsmannschaftlicher Wahnsinn, den es so wohl nur in der Bundesrepublik gibt. Entsprechend widerwillig kam er dann auch rüber: Meist ignoriert von der Regierungschefin, eine Notlösung an Stoibers Stelle, der lieber den bajuvarischen Ersatzkaiser geben wollte, wobei ein Wettstammeln zwischen den beiden sicher amüsant gewesen wäre. In der aktuellen Krise wirkte Glos immer wie eine überflüssige Randfigur: Das Karbunkel am Hintern des Kabinetts. Politikverdrossenheit ist eine unschöne Erscheinung in unserem Staatswesen, wenn sie aber die Amtsträger selbst befällt, dann läuft etwas völlig falsch. Im Grunde ist seine Aufgabe sicher die Folge des aktuellen Seehoferschen Parforceritts und das wirft ein Licht auf die Frage, ob das Gewicht der Parteien hierzulande nicht viel zu groß ist und die politische Willensbildung letztlich mehr behindert als nach vorne bringt.

Wechseln wir auf die andere Seite des politische Spektrums und wenden uns dem lokalen Geschehen zu: Bereits in grauer Vorzeit, als ich selbst ein wenig in die regionale linke Szene hineinschnuppern durfte, saßen sie überall und waren überall im Wege: Die Aachener Trotzkisten. Ich erinnere mich da an einen besonders hartnäckigen Vertreter, der so oft bei uns anrief und mich für mehr oder weniger subversive Aktionen gewinnen wollte, dass ich mich irgendwann konsequent verleugnen ließ. Die Zeiten haben sich zwar verändert, Leos Anhänger sind aber immer noch da. Wer in dem verlinkten Artikel den Namen eines „Indaners“ wiederfindet, der wird sich ein gezischtes „Hätt ich mir ja denken können.“ nicht verkneifen können. Also: Politische Selbstdemontage hüben wie drüben. Und: Noch knapp 4 Monate bis zu den Kommunalwahlen. Was bin ich verdrossen!

Note to self: Alles Gute für die „Kosmischen“, sie habens nicht leicht, werden aber hoffentlich wiederauferstehen. Musik: Rainbirds, Ludovico Einaudi, Radiohead.

2 Antworten auf „Verdrossen“

  1. jaaaaaaa!!! den mann auf dem foto kenne ich!!! und ich gestehe: auch ich habe mich vor beinahe zwei jahrzehnten konsequent verleugnen lassen (oder konsequent selbst verleugnet). der mann auf dem foto muss eine beängstigende telefonrechnung gehabt haben!
    hach, was waren das für zeiten, als im domkeller die weltrevolution konsequent am proletariat vorbeigeplant worden ist! sascha s., ein anderer der damals aktiven, tauchte später in köln bei der wasg auf – unkraut vergeht halt nicht. spannend wäre zu wissen, ob das (laut sascha) bei den aachener jusos lange jahre aufbewahrte banner „schülerpower gegen abiklauer“ noch in irgendeinem keller vor sich hin verstaubt – gelle, skiddie, das treibt einem doch tränen der erinnerung in die augen!
    und wegen der kommunalwahl: die kommt, aber nicht in vier monaten! zumindest höchst wahrscheinlich nicht – und glaube mir: wir wahlkämpfer vor ort sind alles andere als begeistert davon!

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