Der 4. Stern

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Ich hatte kein gutes Gefühl. Überhaupt kein gutes. Der Tag bis zum Anpfiff war eine einzige Übersprungshandlung. Was habt ihr heute gedacht, als ihr aufgewacht seid? „Uh Mistwetter.“ Oder „Ich muss pinkeln.“ Oder „Erst mal Kaffee.“? Ich habe gedacht „Heute ist das Spiel.“ Und von Stunde zu Stunde bewegte sich mein Geisteszustand unerbittlich in Richtung Wahn.

Ab dem Anpfiff (Laune völlig im Keller wegen Khediras Wade) hatte ich dann die Grenze zur Unzurechnungsfähigkeit endgültig überschritten. Spätestens nach Kroos Katastrophenkopfball und dem Fehlschuss von Higuain hatte ich mich in ein Häuflein Elend verwandelt und mit jedem Vorstoß der Gauchos wurde es nicht besser. Als Messi den Ball aus dem Fünfmeterraum nicht versenkte und Boateng das Leder ins Aus drosch fielen mir die Alpen vom Herzen. Ganz anders beim Abseitstor der Argentinier, da hatte ich erstens den Durchblick und war mir zweitens sicher, dass das italienische Schiri-Team es ebenfalls richtig gesehen hatte, weil Italiener einfach Spezialisten für Abseits sind.

Es war kein typisches Finale: In der ersten Halbzeit ein temporeiches Klassespiel, in der zweiten Hälfte eine Abnutzungsschlacht (ich hasse eigentlich solche Vergleiche, aber diesmal kommt es hin) und als feststand, dass es eine Verlängerung geben würde, da tanzte das Wort „Italien“ in meinem Kopf. Das wäre der schlimmste aller Albträume: Ein eiskaltes Tor kurz vor Schluss, keine Chance zurückzuschlagen. Davon hatte ich in den letzten Tagen mehrfach geträumt.

Ich habe nie an ein Elfmeterschießen geglaubt, denn Unsere hätten es verloren. Unser diesbezügliches Glück haben wir in den letzten Turnieren aufgebraucht. Ich halte viel von dem Bild, dass Glück wie ein Stück Seife ist, je häufiger man es verwendet, umso kleiner wird es. Die N11 konnte kaum noch laufen, die Argentinier aber auch nicht. Die äußerst bösen Fouls häuften sich entsprechend, Mascherano und Aguero hätten beide mit Gelb-Rot vom Platz gestellt werden müssen. Ich begann zu schimpfen, auch und gerade über Mario Götze, der, obwohl frisch eingewechselt, nicht ganz so gut gegen den Ball arbeitete.

Wenn ich mich an große Spiele erinnere, dann gibt es Szenen, die wie in Zeitlupe in mir ablaufen. Das 4:0 bei der WM 2010 gegen Argentinien ist so ein Moment. Schweinsteiger von links, er legt ihn sich vor, dann noch mal, der Argentinier grätscht vorbei. Schweini schiebt ihn rüber und Friedrich drückt ihn rein. Als Schürrle die letzten Körner mobilisierte und an der Seitenlinie entlang sprintete hielt ich die Luft an. Der Argentinier spekuliert und sieht schlecht aus. Schürrle bringt ihn, eine Spur zu scharf vielleicht. Götze steht gar nicht so gut zum Ball, er dreht sich noch ein bisschen, kriegt ihn sauber auf die Brust, macht den Fuß lang und trifft ihn genau so, wie er ihn treffen muss. Es gibt keine andere Möglichkeit dieses Tor zu machen. An diesen Moment werde ich mich mein ganzes Leben erinnern.

Die Minuten bis zum Abpfiff sind pures Fieber. Der Schiri gibt noch mal zwei Minuten drauf, dann noch mal zwei, weil Schweinsteiger zum hundertsten Mal am Boden liegt. Dann der Pfiff. Meine Fäuste trommeln auf die Tischplatte. Ich brülle. Draußen brüllen auch alle. Vierundzwanzig Jahre, seit dem ist viel passiert, nicht nur auf Fußballfeldern. Der Rest der Nacht ist ein Rausch: Messis leere Augen, als er auf die Tribüne geht und als Spieler des Turniers ausgezeichnet wird. Die Jubelszenen der deutschen Mannschaft. Lahm, der fast zerbrechlich wirkt, als er den Pokal in den Himmel hebt. Irgendwann schalte ich die Glotze aus, draußen reißen sie die Stadt ab. Dann ebbt der Jubel ab. Es ist still. Da sitze ich. Geschafft, als hätte ich selber gespielt. Voller Stolz. Erfüllt von grenzenloser Hingabe an das beste Spiel, das die Menschen erfunden haben.

0 Antworten auf „Der 4. Stern“

  1. Mein lieber Skidman,
    die WM ist vorbei. Nun kann man die Abende wieder in trauter Gesellschaft bei entspannten Dialogen und sogar ganz ohne Glotze meinetwegen im Garten verbringen. Ja, es war verdammt spannend, es hat Nerven gekostet und so manche Zelle dahingerafft. Das war es wert, wir sind Weltmeister, wir alle ;ö)

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