Eine Geschichte vom Herrn K

Es gibt liebe Kunden, nicht ganz so liebe Kunden und grausame Kunden. Heute hatte ich wieder mal so einen, nennen wir ihn Herrn K. Herr K generiert in einem durchschnittlichen Geschäftsjahr in dem Laden, für den ich tätig bin, einen Umsatz im zweistelligen Bereich (und das ist irgendwo eine Gnade). Wenn Herr K aber ein Problem mit seinem PC hat, dann muss alles sofort gehen, am besten schon gestern.

Während ich bei einem anderen Kunden vor Ort bin, geht meine Mobilfunke. Herrn Ks Rechner geht nicht an. „Der Ein/Ausschalter ist defekt. Ich muss ihn ungefähr 20mal drücken, bevor der PC startet.“ „Na gut, bringen Sie ihn rein. In einer halben Stunde bin ich im Büro.“ 20 Minuten später, ich sitze im Bus, kaue auf einem mäßigen Streuselbrötchen herum und denke darüber nach, dass der beginnende Winter mir diesmal doch ganz schön zusetzt und ob das am Alter liegt, geht erneut mein Handy. „Ich bin jetzt bei Ihnen, aber es ist ja niemand da.“ „Herr K, geben Sie mir noch 5 Minuten, ich bin auf dem Weg.“ „Gut, ich warte.“

„Ah Herr G (das ist mein Chef, mit dem ich gar keine Ähnlichkeit habe), da sind Sie ja endlich!“ Sagt Herr K 4 Minuten später, ich schließe das Büro auf und setze den PC auf den Werkstatttisch. Dann mache ich Anstalten mich meiner Jacke und der Kopfhörer zu entledigen. „Können Sie sofort danach gucken? Ich erwarte dringende E-Mails.“ „Na klar Herr K!“ sage ich, denke mir im Stillen etwas nicht zitierfähiges und ziehe betont langsam die Jacke aus, wickle das Kopfhörerkabel sorgfältig auf und mache erst mal meinen PC an. Dann schließe ich den Kunden-PC an, betätige den Schalter und siehe da, tatsächlich macht die Kiste keinen Mucks. „Sehen Sie, der Schalter ist kaputt. Dürfte ja eigentlich nicht sein, bei einem fast neuen Gerät.“ Auf dem PC ist vorne ein säuberlich beschriftetes Etikett angebracht, das den Kaufpreis und das Auslieferungsdatum ausweist. Da steht „Februar 2010“. Ach ja.

Ich betätige noch ein paar mal den Knopf, aber der Vogel ist tot. „Schauen Sie doch mal rein, ich warte so lange.“ Genau das hatte ich befürchtet. Vielleicht muss man wissen, dass Herr K, wenn er mit jemandem spricht, immer nah an den Adressaten heranrückt, sehr nah. Zu nah. Dazu kann er seine Hände nicht bei sich behalten, sondern zupft immer an seinem Gegenüber herum und schließlich läuft aus seinem rechten Mundwinkel immer ein dünner Speichelfaden Richtung Kinn (wenn man Glück hat, wenn Herr K in Wallung gerät, und das passiert häufig, ist die Spucke auch schon mal in ganz andere Richtungen unterwegs). Ich halte es ja mit Herbert Knebel („Hat sich keiner selbst gemacht, Hauptsache das Herz ist gut“), aber das Zusammensein mit Herrn K ist mitunter eine schwere Prüfung.

Ich öffne den Rechner, überprüfe die Verkabelung des Frontpanels, nehme die Verkleidung ab, um die Mechanik des Schalters zu checken – alles proper, was ich dem aufgeregt tänzelnden Herrn K umgehend mitteile. „Kriegen Sie es hin, kriegen Sie es hin?“ fragt Herr K und direkt danach „Wie lange wird das dauern?“ „Ich schau mal“ sage ich betont ruhig und bestimmt. Dann zupfe ich die Kabel für den Einschalter vom Header und überbrücke den Kontakt mit einem Schraubenzieher. Nix. „Das ist nicht der Schalter Herr K!“ „Woher wollen Sie das wissen Herr G?“ K klingt leicht überspannt und nestelt an meinem Pullover herum. Jetzt könnte ich einen Schnaps vertragen, dabei ist erst Mittag.

„Ich tippe auf das Netzteil“ sage ich, entwinde mich Ks Belagerung und mache ein paar Schritte zum Regal mit den Ersatzteilen. Ein passendes Netzteil haben wir da. „Ich schließe mal eben ein anderes an, dann wissen wir Bescheid.“ „Herr…, Herr…? Wollen wir nicht lieber auf Herrn G warten (!)? Es ist bestimmt der Schalter.“ „Du kleine miese Kröte“ denke ich mir. „Soll ich das Netzteil mal an deinem Gemächt anschließen? Dance faster, Kasper!“ Laut sage ich „Ach was, das ist eine Sache von 2 Minuten, gar kein Problem.“

2 Minuten später ist das Netzteil provisorisch angeschlossen, der PC startet nun selbstverständlich jedes Mal, wenn der „defekte“ Schalter betätigt wird. Herr K kann es nicht fassen und hebt nun an, meine diagnostischen Fähigkeiten laut und feucht zu lobpreisen. Ich baue derweil das alte Netzteil aus, das neue ein, schließe die Power LED gleich noch richtig an, was meinem Vorgänger, der die Kiste zusammengezimmert hat, nicht gelungen war, binde die Kabel ordentlich zusammen und bringe die Gehäuseverkleidungen wieder an. Herr K ist glücklich, will mir aber jetzt unbedingt noch eine Fehlermeldung zeigen, die ihm sein E-Mail-Programm immer entgegenschleudert. Diese besagt, dass es sich um eine ungültige Lizenzierung der Software handelt. Mit anderen Worten: Das Programm fiel vom Laster. Das versuche ich Herrn K begreiflich zu machen, aber das will er nicht hören. „Ich spreche noch mal mit Herrn G darüber“ sagt er. Ich merke, dass sich hinter meinen Augen etwas schmerzhaft zusammenzieht. „Bitte tun Sie das unbedingt Herr K“ sage ich, fahre den PC herunter, entkable ihn, packe ihn mir unter den Arm und eile zur Tür, ins Treppenhaus auf den eiskalten und bereits ziemlich dunklen Parkplatz. Herr K kommt kaum nach. Dann ist er weg und neben der Erleichterung schleicht sich auch der Triumph in mein Herz, noch einmal davon gekommen zu sein.

Note to self: Kommt durch, kommt nicht durch, kommt durch. Musik: Sharifa & Wordsong, Coldplay, James Blunt, Bonobo, Leftfield.

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