Die Top-Alben 2014 – Teil 2

Bringen wir es hinter uns. Da sind sie, die Plätze 5-1 meiner persönlichen Favoriten des fast vergangenen Jahres:

5

Platz 5: Sólstafir – Ótta
Eigentlich mochte ich die Isländer von Sólstafir nie besonders. Ihre Musik erschien mir überemotional und breiig zu sein, auch wenn ihre bisherigen Platten quer durchs Netz abgefeiert wurden. „Ótta“ hatte ich eine ganze Weile auf dem iPhone und irgendwann, auf einer spätabendlichen Fahrt auf einer Landstraße zündete die Packung dann durch. Wenn man in den letzten Rest der Abenddämmerung starrt, sich gerade fragt, warum das Leben manchmal so verdammt bitter schmeckt und alle Techniken der selbstgemachten verhaltenstherapeutischen Bewältigung versagen, dann ist „Ótta“ genau die richtige Scheibe: Eine melancholische Anklage, ein saures Testimonium der gequälten Seele, ein Abgesang auf die selbst auferlegte Kompatibilität zu all den Funktionierern. So nebenbei: Wunderschön ist diese Musik dann auch noch.

4

Platz 4: Animals As Leaders – The Joy Of Motion
Animals As Leaders bestehen eigentlich nur aus einem Menschen, er heißt Tosin Abasi. Zwar wird er bei Live-Auftritten von einem Gitarristen und einem Schlagzeuger unterstützt, die Studioaufnahmen macht er aber ganz alleine. Es handelt sich um verbastelte Instrumentalmusik mit harten und düdeligen Passagen, die sicher vielen Leuten zu kalt und künstlich ist. Mir nötigt das Projekt gehörigen Respekt ab, nicht nur weil Abasi ein prima Gitarrist ist, sondern weil er unbeirrt seinen Weg geht und so sein inzwischen drittes Album herausgebracht hat. Was er auf dieser Platte an kompositorischer Finesse, Spielfreude und stilistischen Gratwanderungen versammelt hat, krönt sein bisheriges Werk, auch wenn es die Headbanger, die Jazzer und die ewigen Fans des Progressive Rocks der 70er vor den Kopf stößt. Schönes Ding, empfehlenswert zu Hausarbeit und schwierigeren Reparaturen am Rechner.

3

Platz 3: Mayhem – Esoteric Warfare
Dieses Album habe ich bereits in einer ausführlichen Kritik gewürdigt. Ich dachte, es hätte das Zeug, den ersten Platz in 2014 zu belegen. Warum ist das nicht so? Nun, zunächst mal gilt immer noch das damals Geschriebene. Dieses Album ist ein Biest, ein absolutes Biest. Es ist böse, es ist 100% mitten ins Gesicht, es ist kalt wie Kaiser Karls Hintern auf dem Aachener Markt in einer Januarnacht, es ist schwarz wie ein schwarzes Loch. Aber wenn man es über Monate immer wieder hört, dann offenbart es doch Lücken. Manche Stücke sind eben ein wenig gleichförmig, hin und weder fehlt das letzte Quentchen Konsequenz und gerade beim Riffing denkt man sich hin und wieder „Wo ist jetzt der 5. Gang?“ Trotzdem bleibt „Esoteric Warfare“ ein beeindruckendes Statement einer Band, die viele sicher schon lange abgeschrieben hatten.

2

Platz 2: Decapitated – Blood Mantra
Als ich hörte, dass Decapitated ihre Rhythmusgruppe ausgetauscht haben, hielt ich das zunächst für ein Unglück, zumindest bis ich vor ein paar Wochen „Blood Mantra“ das erste Mal hörte. Nach ein paar Takten verwandelten sich meine Bedenken jedoch in ein breites Grinsen. Decapitated kommen aus Polen, ihre Musik ist für mich eine konsequente Fortentwicklung vom Groove-Metal der frühen 90er (Pantera, DevilDriver, Prong) und Djent (Meshuggah, Periphery, Textures), der in den letzten Jahren immer populärer wurde, hin zu einem hochpräzisen, wütenden, giftig brodelnden Cocktail. Gegenüber den letzten Veröffentlichungen haben Decapitated ihren Stil nochmals verfeinert und zeigen auf dem aktuellen Album ihr ganzes Können. Es sind schmutzige Reißer auf der Scheibe, verschachtelte Miniaturen und gnadenlose Draufhauer. Die Polen beweisen vor allem eines: Technischer Metal kann ins Tanzbein gehen, er muss kein kopfiges Gefrickel sein. Für mich war und ist diese Platte eine Offenbarung.

1

Platz 1: Thantifaxath – Sacred White Noise
Eigentlich müsste ich jetzt zwei bis drei DIN A4-Seiten darüber schreiben, wo Black Metal heute steht, was aus dem primitiven Gekloppte der Kirchenanzünder von damals inzwischen geworden ist und warum mich diese Musik so sehr berührt. Keine Bange, ich werde es nicht tun. Thantifaxath kommen aus Toronto, es handelt sich um ein Trio, dessen Mitglieder mir und dem Netz unbekannt sind. Außer ein paar lokalen Buddies weiß gegenwärtig kein Mensch, wer diese wunderbare, hochintelligente Musik eigentlich macht. Mit „Sacred White Noise“ kann man aufstehen, sich die Zähne putzen, chillen, schuften, träumen, ausflippen und sich morgens um halb vier doch noch ein Bier aufmachen. Es ist Musik, die fortlaufend Fragen stellt und gleichzeitig alle beantwortet. Es ist Musik, die Kopfkino geradezu herausfordert und dabei gleichzeitig romantische Komödien und Horrorfilme ablaufen lässt. Die einzige deutschsprachige Rezension dieses Albums, die ich im Netz gefunden habe, ist ein Verriss (sogar ein ganz gut geschriebener). Das ist kein Wunder. Thantifaxath dürften die meisten Metaller gnadenlos überfordern. Das klingt vielleicht überheblich, aber so ist es nicht gemeint. Diese Band wird nie den Geschmack der breiten Masse treffen und hoffentlich nie aufhören, die haarigen, bierseligen „Wacken“-Brüller vor den Kopf zu stoßen. Lassen wir es dabei. „Sacred White Noise“ ist mein Juwel des Jahres, eine gnadenlos, widerwillig anlaufende, schlecht geölte Maschine, eine Azurjungfer in der Morgensonne auf wippendem Schilf, ein Schrei in der Nacht. Und ich habe ihn gehört.

Note to self: Der Bus der gequälten Seelen. Music: Thantifaxath.

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