Angenehm

Unter all den Adjektiven, Adverbien und Partizipformen, die unsere Sprache für rundweg positiv empfundene und erfahrene Dinge, Mitmenschen und Tätigkeiten besitzt, gibt es eines, das alle anderen aussticht. Natürlich gibt es auch spektakulärere: „Inspirierend“, „erfüllend“, „lecker“, „cool“, „dufte“, „endgeil“, „fett“, „krass“ und so weiter. Doch haftet diesen Worten meist etwas Schrilles oder Gestelztes an. „Gut“, „schön“, „frisch“, „edel“, „wertvoll“ wirken dagegen fast schon zu schwach in einer Umwelt, die uns von morgens bis abends anzuschreien scheint.

Dagegen hat das Wort „angenehm“ einen ganz anderen Klang, vielleicht wegen der Anhäufung der stimmhaften Nasale „n“ und „m“, aus der nur das butterweiche „g“ als Hintergaumenlaut ein wenig herausragt. „Angenehm“, das klingt nach einer Katze, die sich schnurrend in unserem Schoß zusammenrollt, nach einem leise simmernden Eintopf, nach einem Stück nicht zu süßer und nicht zu bitterer Schokolade, nach einem genau richtig temperierten Fußbad nach einem langen Tag. Man kann jemandem ein „schönes Wochenende“ wünschen, doch wird er sich viel mehr über ein „angenehmen Feierabend“ freuen, weil er sich dann einbezogener und verstandener fühlt. Eine neue Bekanntschaft kann ein „netter Kerl“ sein, wenn er uns aber wirklich beeindruckt, werden wir ihn einen „angenehmen Mann“ heißen. Wenn Stimmen, Gerüche oder Geschmacksempfindungen „angenehm“ sind, dann haben sie nichts üppig schmeichelndes, sie drängen sich nicht auf.

Da sind wir dann schon bei der Kehrseite der Medaille: „Angenehm“ trägt eben auch ein Quantum Biederkeit, Bürgerlichkeit, betäubende Sättigung in sich. Alles was „blendend“, „frappierend“, „exzellent“ ist, findet in der Öffentlichkeit statt, dagegen steht „angenehm“ für den Rückzug ins Private. „Angenehm“ hat eine kleine Schwester, sie heißt „Gemütlich“ und dieses Geschwisterpaar lebt auf abgestecktem Terrain, das eben auch die Mittagsruhe, die Hausordnung und die Kehrwoche beherbergt.

Trotzdem sollten wir mit „angenehm“ nicht zu hart ins Gericht gehen. Mögen wir uns auch von Zeit zu Zeit nach wirklich Aufregendem sehnen, das wir „spitzenmäßig“, „einzigartig“ oder „fantastisch“ finden können, es würde viel zu schnell verblassen, wenn wir ihm nicht bei einem Glas Wein auf dem Sofa, eingekuschelt in unsere Lieblingsdecke nachspüren könnten. Der unschlagbare Vorzug des Angenehmen ist, dass es genügend Platz lässt für das, was mehr als angenehm ist, war oder sein könnte. Nach meiner Beobachtung ist es ziemlich unvorteilhaft für uns Menschen, wenn wir dieses Freiraums verlustig gehen. Dann können wir nämlich unvermittelt „verdammt unangenehm“ werden.

Note to self: Der Triumph in den Ardennen, ein strategischer Geniestreich. Musik: Van Der Graaf Generator, Seasick Steve, The Kill, Balance.

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