Strafraumbeherrschung

OK, warum gehen Menschen zum Fußball? Ablenkung, Ventil, Kumpels treffen, Bier im frühen Nachmittag, Gewohnheit, Aufgehen in der Masse, laut und primitiv sein, wo man doch sonst gezähmt und gehorsam ist? All das, aber es kommt noch etwas hinzu: Viele Menschen im Stadion glauben, dass das Geschehen auf dem und um den Platz authentisch und ehrlich ist. Man mag sie für naiv halten, wenn man einen Hang zum Zynischen hat, nur haben Zyniker in Fußballstadien nichts verloren, diese Orte sollten reserviert sein für Romantiker, Träumer, für Liebhaber von Tragödien. Und wer sich über das pseudoreligiöse Getue ereifert, soll meinethalben zum Synchronschwimmen gehen.

Fußball und Kirche, das geht nicht ohne Funktionäre. Man mag sie nicht, aber braucht sie doch. Über den Papst des runden Leders Sepp Blatter habe ich hier vor einiger Zeit schon mal geschrieben. Was Alexander VI. für die katholische Kirche war, ist Blatter für die FIFA: Ein durchtriebenes, narzisstisches, korruptes, machtverliebtes Monster, das bis vor wenigen Tagen mit Zweikomponentenkleber an seinem Sessel befestigt zu sein schien. Die Entwicklungen der letzten Stunden lassen darauf hoffen, dass die Ära Blatter früher zu Ende gehen könnte als befürchtet.

Warum die Schweizer Behörden nun ausgerechnet einem Ersuchen des amerikanischen Justizministeriums stattgegeben haben und einige Handlanger des Systems Blatter vorläufig festgesetzt haben, darüber lässt sich trefflich spekulieren. Es mag auch daran liegen, dass Fußball in den USA eben eher eine Randsportart ist, keine heilige Kuh wie in Europa und anderen Teilen der Welt. In dem Zusammenhang sei daran erinnert, dass in der Vergangenheit die Vereinigten Staaten mit Verve gegen die Machenschaften Europäischer Großbanken ins Feld zogen, wohingegen die eigenen Institute mehr oder weniger mit Samthandschuhen angefasst wurden. Den Status einer moralischen Instanz haben die Amerikaner schon lange verloren, ich brauche da nicht ins Detail zu gehen. Aber darum geht es wahrscheinlich auch nur am Rande: Gerade im nordamerikanischen Verband CONCACAF hatte die Vorteilsnahme und Bestechlichkeit auf der Leitungsebene abenteuerliche Ausmaße angenommen.

Die US-Justizministerin wettert gegen die Vergabe-Praxis für die Weltmeisterschaften seit mindestens 20 Jahren, also ist auch die Sommermärchen-WM 2006 davon betroffen und eben nicht nur die skandalösen Entscheidungen zugunsten von Katar und Russland. Nur waren die Schiebereien in den beiden letztgenannten Fällen dann wohl doch eine Spur zu dreist. Und die halbherzigen und verlogenen Ansätze zur Selbstreinigung innerhalb des Verbandes, angefangen bei der so genannten Ethikkommission bis hin zu der Posse um den Bericht des Sonderermittlers Garcia haben gezeigt, dass der Filz zu dicht und die gegenseitigen Abhängigkeiten zu erdrückend waren, um wirklich für Aufklärung zu sorgen.

Wir lesen, dass einige Sponsoren nun erwägen, sich aus dem Geschäft Fußball-WM zurückzuziehen. Sollte dies tatsächlich der Fall sein, könnte das eine viel wirksamere Starthilfe für einen Neuanfang sein, als die Ermittlungen gegen ein paar alte Männer. Sollte es Blatter gleichwohl gelingen, diese schwerste Krise seit Jahren einfach auszusitzen und sich nochmals wiederwählen zu lassen, dann wäre es allerdings an der Zeit, dass der mitgliederstärkste Kontinentalverband, die UEFA, ernsthaft darüber nachdenken sollte, die FIFA zu verlassen. Machen wir uns nichts vor: Fußball ist auf Verbandsebene auch nur Politik und Politik ist, wir wissen es genau, ein schmutziges Geschäft. Die Fans, die den aufopferungsvollen Kampf auf dem Platz sehen wollen, werden von diesem Aspekt des Milliardengeschäfts immer entfremdet sein. Trotzdem kann jede Änderung an den verkrusteten Strukturen der FIFA nur eine Wendung zum Positiven sein. Und auch wenn der Verband von den Werten wie Fairness, Völkerverständigung und Respekt immer ein gutes Stück entfernt bleiben wird, die er in seinen Fernseh-Spots so emotional bewirbt, kann nur die Entfernung der derzeit herrschenden Kaste und die Zerschlagung ihrer Strukturen zu einer kleinen Verbesserung führen, die bitter nötig ist.

Der Spaß am Fußball begann, als irgendwann mal ein Mensch gegen den Ball getreten hat. Inzwischen ist er zu einem Phänomen der Massenhysterie geworden, von dem man sich kaltlächelnd und mit Verachtung abwenden mag, wenn man nicht infiziert ist. Ich hoffe einfach, dass es wenigstens ein paar Menschen mit Schlips und Kragen gibt, die sich genug kindliche Begeisterung für den Sport erhalten haben, um als Funktionsträger im Weltverband an den richtigen Schrauben zu drehen: For the Good of the Game.

Note to self: Ausgekocht. Trübe ist der Sud. Musik: The Hirsch Effekt, Barenaked Ladies, The Fugees, Steppenwolf.

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