Der 31. Frame

Würde man Stuart Bingham in Deutschland auf der Straße sehen, dann würde man ihn vielleicht für einen typischen Eckkneipenbesucher halten. Ein leicht untersetzter Mann, um die vierzig, mit Doppelkinn, ziemlich wenig Haaren und einem runden, fast bäuerlichen, zuweilen etwas verschlagen wirkenden Gesicht. Er könnte diese Eckkneipe betreten, der Wirtin ein knappes „Nabend Elli“ sagen und Elli würde wortlos ein Herrengedeck vor ihn hinstellen und niemand würde sich darüber wundern. Würde Stuart einen durchschnittlichen englischen Pub aufsuchen, gäbe es ein großes Hallo, man würde Fotos mit ihm machen, ihm auf die Schulter klopfen und nachher allen Freunden davon erzählen, denn Stuart Bingham ist einer der besten Snooker-Spieler der Welt.

Shaun Murphy hingegen sieht man eher im Vorgarten einer Doppelhaushälfte hinter einem Rasenmäher hergehen. Ein ebenfalls untersetzter Mittdreißiger mit fahlem, käsigem Teint, forschen Augen und sehr ordentlichem Kurzhaarschnitt. Man würde ihm eine gewisse Ungeschicklichkeit zutrauen, eine oberflächliche Fahrigkeit, aber man würde sich gründlich irren, denn Shaun hat goldene Hände und was er mit seinem Queue, einem weißen, fünfzehn roten und sechs bunten Bällen anstellen kann, ist mitunter wirklich spektakulär. Er gewann den Weltmeistertitel 2005 als Qualifikant, hat inzwischen auch die Uk Championship und das Masters gewonnen und ist einer der erfolgreichsten Spieler der letzten Jahre. Solche Erfolge bleiben nicht folgenlos, Murphy ist aller Wahrscheinlichkeit nach inzwischen Multimillionär.

Nach 30 Frames im Finale der Weltmeisterschaft, die seit 1977 im Crucible Theatre in Sheffield ausgetragen wird, steht es 15:15. Beide Spieler haben Schwächephasen und sehr starke Frames gehabt. Beide haben im Grunde aber herausragend gespielt und insgesamt sehr wenig Fehler gemacht. Die durchschnittliche Spielzeit pro Frame liegt bei etwas über 16 Minuten. Der nächste Frame ändert alles. Murphy hat seine gewohnte Angriffslust ein wenig zurückgeschraubt, spielt lieber safe und wartet auf die Fehler des Gegners. Es folgen 64 Minuten hartes Matchplay-Snooker, Murphy gibt mehr als 40 Punkte durch erzwungene Fouls ab. Beide Spieler müssen zwischendurch die Arena verlassen, um einem menschlichen Bedürfnis zu folgen. Bingham gewinnt diesen Frame und nicht nur das: Er zieht seinem höher eingeschätzten Gegner den Zahn. Danach wirkt Murphy unkonzentriert und müde. Stuart Bingham, der bislang in zwanzig Jahren als Profi nur zwei große Turniere für sich entscheiden konnte, gewinnt die Weltmeisterschaft.

Wer Snooker nicht versteht, hat Großbritannien nicht verstanden, dieses wunderbar merkwürdige Land mit seinen wunderbar spleenigen Bewohnern. Was würde ich dafür geben, einmal unter den etwa 900 Besuchern sein zu dürfen, bei der entscheidenden Session des Finales, wenn die Spannung mit Händen zu greifen ist und das rotbunte Spektakel seinem Höhepunkt zustrebt. You could hear a pin drop…

Note to self: Bereit, wenn Sie es sind SohoSolutions. Musik: Christoph Titz, Crowhurst, Michel Bisceglia, Deivos, The Body and Thou.

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