Hoch mit der Soutane

In unserem auf den ersten Blick so laizistischen Staat ist Religion Privatsache, Wowereit. Da sind Kruzifixe in Gerichtssälen und Klassenräumen, Ausnahmen im Arbeitsrecht für kirchliche Arbeitgeber und das mehr oder weniger unverhohlene Lobbytum aller großen Religionsverbände allenfalls Randnotizen, die von den meisten mit milder Duldung hingenommen werden. Schließlich stehen vor allem die beiden großen Kirchen auch für caritatives Engagement. Und will man wirklich die Chance aufs eigene Seelenheil durch Unbotmäßigkeit und Kritik an Nichtigkeiten aufs Spiel setzen? Die mittelalterlichen Erfinder des Fegefeuers haben eben einen verdammt guten Job gemacht.

Nun heißt es ja, dass beim Geld der Spaß aufhöre, wahrscheinlich redet man deshalb in Deutschland so selten darüber. Die Diskussionen um eine allzu üppige Badewanne in Limburg haben nun, dem Herrn sei Dank, zu einem zarten Umdenken in diesem Bereich geführt, zumindest so weit es die Vermögen einiger Bistümer betrifft. Ich gebe zu Bauklötze gestaunt zu haben, als das Kölner Erzbistum vor ein paar Wochen in einer nach dem Handelsrechtsbuch erstellten Bilanz ein Vermögen von mehr als 3 Milliarden Euro auswies. Sicherlich, bei einem Teil dieser Summe handelt sich um Werte, die nicht zu verflüssigen sind, wer Details wissen möchte mag Tante Google danach fragen. Andererseits ist festzustellen, dass die „Firma Erzbistum“ eben auch ganz irdisch Beteiligungen an Fonds und Unternehmen hält und Immobilien und Grundbesitz vermietet und verpachtet.

Ob die Kirche in dieser Form unternehmerisch tätig sein sollte, lässt sich nicht so einfach beantworten, genau wie die Frage, ob Jesus von Nazareth einen Geldbeutel besessen habe (Leser des Romans „Der Name der Rose“ werden sich erinnern). Wenn man sich darüber Gedanken macht, dann sollte man vielleicht den Korruptionssumpf um die Vatikanbank und ihre äußerst problematischen Verbindungen in die italienische Politik im Hinterkopf haben, die übrigens ein wesentlicher Grund für den Rücktritt von Joseph Ratzinger waren. Dass Geld den Charakter verdirbt, ist eine Binsenweisheit. Dass Kleriker auch nur fehlbare Menschen sind, ist dagegen Legion. Aber eine weitaus wichtigere Frage schließt sich an die erste an: Ist es vor diesem Hintergrund angemessen, wenn die Gehälter hoher kirchlicher Würdenträger anteilig aus Steuermitteln (nein, nicht aus Kirchensteuern), also auch von Nichtmitgliedern bestritten werden? Seit Gründung der Bundesrepublik sind so mehr als 13 MRD Euro an die Kirchen geflossen.

Die rechtliche Basis für diese Zahlungen liegt ca. 200 Jahre zurück, Interessierte mögen unter dem Stichwort „Säkularisierung“ nachschlagen. Könnte es sein, dass diese Schuld inzwischen abgegolten ist? Ich erinnere mich noch gut an eine Fernsehdiskussion, an der auch Kardinal Reinhard Marx teilnahm. Der Kardinal gilt als bescheidener Mann, der nicht in einem bischöflichen Palais, sondern in einer Zweiraumwohnung wohnt. Aber selbst Marx beharrte darauf, dass die regelmäßigen Zuwendungen nur dann beendet werden könnten, wenn der Staat eine Summe überweisen würde, die etwa dem zwanzigfachen der jährlichen Zahlung von mehr als 400 MIO Euro entspräche. Das sei dann gerecht. Wir lernen, dass auch der bußfertigste unter den Christenmenschen kein Interesse hat, den Teufel daran zu hindern stets auf den größten Haufen zu scheißen.

Heute nun wird das Bistum Aachen seine Bilanz vorlegen. Ich bin gespannt. Natürlich werden die Zahlen nicht so spektakulär ausfallen wie die des vermutlich reichsten Bistums in Deutschland. Gleichwohl ist die Veröffentlichung überfällig und sollte eigentlich schon lange vorgeschrieben sein. Der außergewöhnlich Papst Franziskus hat sich für eine arme Kirche und eine Kirche für die Armen ausgesprochen. Der Mann spricht mir aus der Seele.

In Aachen gibt es eine Straßenkreuzung, die die Alteingesessenen das „Dreiräubereck“ nennen. Früher war dort neben dem Polizeipräsidium und dem Finanzamt auch die Residenz des Bischofs angesiedelt. Polizei und Finanzamt sind schon lange umgezogen, der Bischofssitz ist immer noch dort. Die katholische Kirche ist eben der Supertanker der Weltgeschichte seit der Spätantike, unbeirrbar auf Kurs und kaum zu bremsen. Und das so oft verwendete Zitat aus Reinhard Meys Lied „Sei wachsam“: „Der Minister nimmt flüsternd den Bischof beim Arm: Halt du sie dumm, – ich halt‘ sie arm!“ ist offenbar auch eine Verniedlichung: Das Unternehmen Kirche ist immer schon Teil eines Systems der Bereicherung, nicht der Barmherzigkeit gewesen.

Note to self: Dachstuhl nicht leiser als Wände und Decken, ich bins leid. Musik: Depeche Mode, Barenaked Ladies, Blur.

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