Rückfällig

Ganz ohne Zweifel: Der zivilisationsgeschädigte Mitteleuropäer ist von einem Wust von Dingen umgeben, die er eigentlich gar nicht braucht. Im Gegenteil. In den wacheren Momenten ist uns durchaus klar, dass es uns besser anstünde, wenn wir es dem ollen Diogenes gleichtun würden und uns im übertragenen Sinne sogar von unserem Becher trennten, weil wir doch auch aus den Händen trinken können. Wir brauchen gar nicht irgendwelche neumodischen Feng Shui Ratgeber zu konsultieren, um zu der Einsicht zu gelangen, dass allzu viel in der Regel ungesund ist, weil es uns einfach unnötigerweise beschwert. Nun haben unterschiedliche Menschen eben auch unterschiedliche Anhäufungsprobleme. Während der eine mit einem viertürigen Kleiderschrank nicht auskommt, kann der andere an keinem noch so zerbeulten Motorroller vorbeigehen und insgesamt scheint es mir, dass wir nur deshalb Doppelgaragen, Keller und Speicher erfunden haben, um den „Pröll“, wie man in meiner Heimatstadt sagt, wenn schon nicht loszuwerden, doch wenigstens meistens aus dem Gesichtsfeld zu verbannen.

Zugegeben, auch der Verfasser dieser Zeilen hat eine kaum zu beherrschende Sammelleidenschaft und lagert die Produkte dieser Untugend vorwiegend unter seinem Hochbett ein. Bei mir sind es alte Computer, vorzugsweise von einem ganz bestimmten Hersteller aus Cupertino, CA. Natürlich kann man mit diesen Rechnern im Grunde nichts mehr anfangen, selbst der Aufruf einer durchschnittlichen Webseite überfordert sie und die alte, ehemals hochgeschätzte Software läuft ja auch inzwischen flüssiger in einer Emulationsumgebung, die zudem pflegeleichter ist und keinen Platz wegnimmt. Vor Jahresfrist habe ich deshalb in einem Befreiungsschlag ca. 2 Kubikmeter alte Hardware zum Recyclinghof gebracht, einige Stücke an Gleichgesinnte verschenkt und nur einige wenige Rechner behalten, an denen einfach zu viele Erinnerungen hängen. Gleichzeitig habe ich mit mir einen Deal gemacht, der besagte, dass ich mir keine weiteren alten Schätzchen mehr ans Bein binde und feierte diesen Vertrag als wichtige Etappe auf dem Weg zum Erwachsensein.

Heute nun begab es sich, dass eine Entrümpelungsmaßnahme bei einem Stammkunden anstand. Der Großteil der abzutransportierenden Geräte bestand aus PCs, Druckern und älteren Monitoren. Dazu kam ein Scanner, der sicher mal ein Mehrfaches eines Monatslohns gekostet hatte und weitere Kabel, Adapter und Verteiler. Tja und dann stand er da: Ein Röhren-iMac, Modell 2001 in Indigo-Blau und er sah verdammt traurig aus. Kurzer Check: Gehäuse sehr gut erhalten, Anschlüsse offenbar intakt. Ich konnte nicht anders: Eine Steckdose war schnell gefunden und er kam tatsächlich hoch und zwar mit OS 9.2.2. Der Bildschirm war in Ordnung, die Lautsprecher auch. Kurz vor dem Desktop warf er ein Bömbchen, das hatte ich schon seit mindestens 8 Jahren nicht mehr gesehen. Mir wurde warm ums Herz, ich flüsterte ihm zu: „Du gehst nicht in die Gitterbox, Du kommst mit mir und ich schenke Dir noch ein paar Jahre.“

Inzwischen hat er eine neue Festplatte und viel mehr Speicher. Er hat ein Firmwareupdate absolviert und läuft mit Mac OS X 10.4.11. Und natürlich ist der Monitor eigentlich furchtbar. Und natürlich verschluckt er sich fast bei jeder Webseite. Und natürlich nimmt er nur Platz weg. Aber genau an dieses Modell habe ich sentimentale Erinnerungen, auch wenn es damals nicht mir gehörte, sondern jemand anderem. Vielleicht genau deswegen. Wir waren ziemlich jung, bauten ziemlich viel Mist und scherten uns einen Dreck darum. Seit dieser Zeit haben sich nicht nur die durchschnittlichen CPU-Taktraten vervielfacht. Kann man da nicht schon mal schwach werden?

Indigo

Note to self: Ein Salat darf nie mit Nudeln sein, denn so was rächt sich bitterlich. Musik: Marilyn Manson, Faith No More, And So I Watch You From Afar, Alanis Morisette.

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