Na denn, Gregor

„Wer die deutsche Einheit haben will, muss sich auch mit mir abfinden. Billiger ist sie nicht zu haben.“
(Gregor Gysi, Mai 1996)

Tja Gregor, irgendwie schade, dass Du jetzt sozusagen in Rente bist, jedenfalls politisch. Unter all den Schaumschlägern, die da in Berlin im Regierungsviertel zusammenhocken, warst Du mir immer einer der sympathischsten. Nicht weil ich Dich für aufrichtiger oder authentischer hielte als die übrigen Figuren, was das anbetrifft hat mein Glauben ans System in den letzten Jahren ganz schön gelitten. Nein, weil Du einfach gerissener, eloquenter und spitzbübig verschmitzter warst, als der Durchschnittsparlamentarier. Selbst in Deiner moralinsauren Fraktion warst Du da, neben wenigen anderen, eine löbliche Ausnahme.

Politik machen, so stelle ich mir das jedenfalls vor, ist im grauen Alltag wahrscheinlich auch nur ein Job wie viele andere. Und genau wie ich nicht tagtäglich voller Inbrunst und getragen vom Berufsethos schon wieder irgendeine Datenbanklösung installieren kann, kann ein Mitglied des Bundestags, zerrieben vom Terminstress und niedergedrückt von der Last der Verantwortung eben auch nicht mit Verve in jeder Sitzungswoche den Erwartungen gerecht werden, die seine Wähler in es setzen. Das sollten sich vielleicht all die oberschlauen Kommentatoren, die ihre Aufregung im Brustton wohlfeiler Überzeugungen zwischen zwei Bieren unter die Artikel auf SPON rotzen, mal klarmachen.

Weißt Du, Gregor, als Du damals, noch in der Volkskammer, diesen Satz vom „Untergang der DDR zum 3. Oktober“ gesagt hast, da hast Du mir aus der Seele gesprochen. In genau dieser Stunde wäre möglicherweise, jenseits von allen Zwängen der Realpolitik, ein kleines  Innehalten, ein mutiges Ausprobieren drin gewesen. Die Mehrheit Deiner Landsleute wollte es anders, konnte sich die perfiden Machenschaften einer Treuhand und die Gründlichkeit der Plattmacher wahrscheinlich nicht mal im Traum vorstellen. Dass auch in einem demokratischen Rechtsstaat ein Teil des Geschäftes darin besteht, den Souverän nach Strich und Faden zu belügen, weil er es so will, hatte damals eben kaum einer auf dem Zettel.

Vielleicht schreibst Du ja demnächst an Deiner Autobiographie. Wie wäre es denn, wenn Du jetzt, wo es ohnehin nur noch um persönliche Randnotizen geht, mal so richtig reinen Tisch machst, von wegen IM-Tätigkeit, SED-Vermögen und Deiner eigenen Beteiligung am Unrechtsstaat DDR? Dir würde ich sogar zutrauen, ohne allzu selbstverliebte Geschichtsklitterung einigermaßen Tacheles zu reden. Siehst Du, Gregor, wir Linke haben ja immer enorme Schwierigkeiten mit dem „sich zuhause fühlen“, weil wir es so gerne allumfassend, ideologisch sauber und international haben wollen. Nur keine muffige Gemütlichkeit! Aber vielleicht lässt Du dich bei der Abfassung Deines politischen Vermächtnis‘ von einem ganz ollen Hegelianer leiten:

„Der Mensch lebt noch überall in der Vorgeschichte, ja alles und jedes steht noch vor Erschaffung der Welt, als einer rechten. Die wirkliche Genesis ist nicht am Anfang, sondern am Ende, und sie beginnt erst anzufangen, wenn Gesellschaft und Dasein radikal werden, das heißt sich an der Wurzel fassen. Die Wurzel der Geschichte aber ist der arbeitende, schaffende, die Gegebenheiten umbildende und überholende Mensch. Hat er sich erfaßt und das Seine ohne Entäußerung und Entfremdung in realer Demokratie begründet, so entsteht in der Welt etwas, das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war: Heimat.“
(Ernst Bloch, Das Prinzip Hoffnung)

Note to self: Das Soziale kommt grad zu kurz. Musik: The Faceless, Lamb Of God, Plebeian Grandstand, Outre.

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