Drittens

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OK, ich habe nachgesehen: Bislang habe ich mich in diesem Jahr gänzlich der Besprechung von Tonträgern enthalten, obwohl einiges zu besprechen gewesen wäre. Bitte verzeiht, wenn mit diesem Beitrag ein Rückfall in alte Zeiten zu konstatieren ist. Und bitte verzeiht, dass diese Rezension sich dann auch noch mit dem neuen Album von Deafheaven beschäftigt. Das ist nicht besonders originell, seit dieses Quintett aus Kalifornien mit „Sunbather“ 2013 Teile des Blackmetal-Kosmos auf den Kopf gestellt hat und zu einem der meist diskutierten Acts des Genres geworden ist. Nach der Veröffentlichung dieses Megasellers sind die Jungs Posterboys geworden, mit all den üblen Konsequenzen der Popularität: Wer zurzeit Tante Google nach Besprechungen von „New Bermuda“ befragt, bekommt ganz oben einen wirklich bescheuerten Artikel auf Pitchfork angezeigt. Darin erfahren wir, was die Jungs trinken, anziehen, wie sie wohnen, wie ihre Freundinnen heißen und dass der Frontmann so gut aussieht, dass er als Unterwäsche-Model arbeiten könnte, sich selbst dafür aber inzwischen zu fett findet. Um die Metalheads milde zu stimmen wird dann noch fleißig kolportiert, dass die Gründungsmitglieder schwere Zeiten durchgemacht haben, gefangen im Kleinstadt-Drogensumpf, als schulabbrechende Gelegenheitsjobber, mit Mühe die Miete bezahlend und so schlecht riechend, dass ihnen die Hauptacts auf den frühen Touren das Hotel gezahlt haben, damit sie nicht im Auto schlafen mussten. Über „Altar of Plagues“, „Liturgy“, „Krallice“ oder gar „Ehnahre“ habe ich solche Artikel noch nicht gelesen, ’nuff said.

Das dritte Studioalbum von Deafheaven lässt mich ein wenig ratlos zurück. Sicher finden sich viele Elemente wieder, die den Hörer auf den Vorgängern begeisterten: Die gelungene Verwebung von schwarmetallischer Kälte mit Shoegazing, der Soundtrack für desillusionierte Westküsten-Hippies eben. Corpse paint goes surfing. Dann ist da das wirklich ausgezeichnete Schlagzeug, das auf dem neuen Machwerk viel variabler daherkommt und trotzdem immer noch Blasting in Perfektion abliefert. Die Band gibt sich viel Mühe, abwechslungsreicher und bunter zu klingen, harte Passagen und Post-Rock wechseln sich ab, hier säuselt eine akustische Gitarre, dort hängt ein E-Piano rum. Kein schlechter Ansatz eigentlich und atmosphärisch passt auch alles gut zusammen. Das Problem ist nur, dass die getragenen, leiseren Passagen so lieblos hingeklatscht und billig daherkommen, dass es mich schüttelt. Das liegt an den abgestandenen Harmonien, am allzu beliebigen Gitarrensound und vor allem daran, dass es der Band nicht gelingt, schlüssige Spannungsbögen zu formulieren. Bestes Beispiel ist der vierte Track „Come Back“, der sich zunächst an traditionellen Blackmetal-Elementen orientiert, dabei harmonisch einiges bietet und mit einem wunderbaren Shredding-Sound in der Strophe aufwartet, dann im zweiten Teil aber mit sehr konventionellem Indie-Dudel-Rock nervt und ohne richtigen Schluss einfach ausläuft. Da, wo die Vorgänger noch orchestral, in pazifischen Maßstäben wellenbrechend unordentlich und ein wenig verschroben waren, klingen Deafheaven neuerdings bisweilen wie eine Hippie-WG, der am ganz späten Abend das Gras auszugehen droht.

Wahrscheinlich liegt es auch am Rezipienten, dass „New Bermuda“ nicht wirklich einschlägt, ich hätte mir einfach eine innovativere Platte gewünscht. Weiter oben habe ich ein paar Vertreter genannt, die zurzeit im modernen Blackmetal Maßstäbe setzen, weil sie was riskieren und eben nicht in die Fänge der Beliebigkeit geraten. Keine Bange, ich werde nicht das Klagelied vom „Sell-Out“ anstimmen. Musik wird nicht dadurch besser, dass niemand außer einem selbst sie kennt. Und wer die Schwäche der neuen Platte auf den kommerziellen Erfolg des Vorgängers zurückführt, sollte sich vielleicht daran erinnern, was Charles Bukowski dereinst über den Zusammenhang von schriftstellerischer Qualität und dem Verzehr eines Porterhouse Steaks geschrieben hat. Aber Musik, die in erster Linie wütende Verzweiflung illustrieren will, muss aufbrechen, einreißen, kleben und weh tun. Und das gelingt Deafheaven auf ihrem neuen Album eben nicht.

Note to self: Noch drei Wochen. Musik: Deafheaven.

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