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Die Rezensenten zahlreicher Musikmedien ereifern sich derzeit ja gerne darüber, dass Adele Laurie Blue Adkins (ihr wisst schon), gerade mal 27 Lenze zählend, sich textlich auf ihrem jüngst erschienenen Album in der Rückschau auf ihr eigentlich noch recht kurzes Leben verliert. Da geht es ihnen wie Heinz Rudolf Kunze, der in seinem Werk „Bestandsaufnahme“ bereits in den 80ern so treffend formulierte „Es ist ein Wahnsinn, sich so früh schon zu erinnern.“ Man mag an dieser Stelle entschuldigend die Floskel einfügen, die behauptet, man sei so alt, wie man sich fühlt. Produktdesigner, Soziologen und Wirtschaftsmathematiker wissen es besser. Der Verfasser dieser Zeilen fühlt sich gerade nicht nur steinalt (das Kreuz zwickt ganz erheblich), er ist es auch und kann das an folgenden harten Fakten festmachen:

  • Er schaut Fernsehsendungen tatsächlich dann an, wenn sie ausgestrahlt werden. Selbst die Kulturtechnik der Unterbrechung bei menschlichen Bedürfnissen und Telefonanrufen hat er erst vor kurzem gelernt.
  • Er findet sämtliche Inhalte des vom Spiegel kürzlich ins Leben gerufenen Online-Portals „bento“ überflüssig bzw. idiotisch. Am ärgerlichsten ist der Untertitel des Bereichs „Musik“. Er lautet: „Elektro, Pop, Hip-Hop und alles dazwischen“
  • Er regt sich darüber auf, dass inzwischen selbst bei Dokumentationen im ÖRR-Fernsehen der fehlerfreie Gebrauch von Possessivpronomen hinsichtlich Numerus und Genus keine Selbstverständlichkeit mehr ist.
  • Er hält das Konzept „Gleitsichtbrille“ für ein segensreiches und plant die Beschaffung einer solchen Sehhilfe mittelfristig ein.
  • Er kennt nicht nur die gerade im Spiegel zusammengestellten „Alben des Jahres“ nicht, sondern bis auf eine Ausnahme nicht mal die Interpreten.
  • Er zahlt im Supermarkt mit Bargeld und schafft es, durch Hinzulegen geeigneter Münzen die Arbeit der Kassiererin zu erleichtern.
  • Er verwendet nahezu ausschließlich E-Mails als textbasiertes, elektronisches Kommunikationsmedium.

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Ich gehöre weder zu der „Früher war alles besser“-Fraktion, noch beklage ich den Zustand der „Jugend von heute“. Mir geht es um was anderes, nämlich darum, dass ich inzwischen eine Ahnung davon habe, dass ab einem bestimmten Alter das Leben sozusagen über einen hinweg geht, man sich also irgendwie nicht mehr zugehörig fühlt. Nicht nur dass man langsamer und vergesslicher wird und aufgehört hat mit diesem Umstand zu kokettieren, man hat auch eine Vorstellung davon entwickelt, welche Baustellen sich lohnen und wo man sich besser mit längerfristigen Provisorien oder dem Rott unter dem Teppichboden arrangiert. Und damit hängt etwas anderes zusammen: Man neigt dazu, sich als Besserwisser zu gerieren, auch wenn man eigentlich nur ein Enttäuschter ist. Das ist wahrscheinlich das unangenehmste an der Sache.

Note to self: Erheblicher Unmut und immer noch die alten Grabenkämpfer. Musik: Mother’s Cake, Lemonheads, Krisiun, Ufomammut.

 

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