Die 10 besten Alben des Jahres 2015

Doch, es muss sein, ihr kommt nicht drum herum. Und da ich bislang im Dezember in diesem Blog auch noch nicht so besonders viel veröffentlicht habe, kommt der Beitrag erstens in extremer Länge (durchhalten!), zweitens fristgerecht und drittens sozusagen als krönender Abschluss des fast vergangenen Jahres. Folgendes vorweg: 2015 war aus musikalischer Sicht für mich ein enorm ergiebiges Jahr mit einigen sehr schönen Überraschungen und wenigen Ausrutschern nach unten. Nun denn, auf geht’s:

Platz 10: Iwresteledabearonce – Hail MaryHail_Mary_(IWABO)Sollten die aus Louisiana stammenden Bärenringer sich vorgenommen haben, sich von dem Vorurteil zu befreien, sie seien ja in Wirklichkeit eine Spaßband, der es nur darum geht, möglichst viele durchgeknallte Einfälle in möglichst verschrobene Stücke zu verpacken und das Publikum zu vergackeiern, dann ist dieser Plan mit „Hail Mary“ aufgegangen. Das neue Album ist bretthart, unbarmherzig bis zur Schmerzgrenze und auch für jemanden, der gerne Mathcore hört, eine wirkliche Herausforderung. Man kann darüber denken, was man will: Liegt es an Courtney LaPlante, die seit 2012 Krysta Cameron am Mikro ersetzt? Liegt es daran, dass die Band beschlossen hat, erwachsen zu werden (klappt eh nicht, Leute!)? Oder liegt es einfach daran, dass man sich vorgenommen hat, ein möglichst heftiges Album zu schreiben? Was auch immer der Grund ist, das Ergebnis beeindruckt. Abgesehen davon, dass „Hail Mary“ technische Finessen, ausgereifte Arrangements und die typischen verschachtelten Songstrukturen bietet, und dabei den Vorgänger in all diesen Disziplinen schlägt, zeigt die Platte, dass es auch Bands gibt, die mit der Zeit nicht zahmer, sondern wilder und extremer werden.

Platz 9: Faith No More – Sol InvictusFaith-No-More-Sol-InvictusEigentlich war mit diesem Album nicht zu rechnen. Ich hätte keinen roten Heller darauf gesetzt, dass „Faith No More“ sich noch mal zusammenraufen und nach 18 Jahren eine neue Studioplatte herausbringen. Die Reaktionen des Publikums waren vorhersehbar: 1.) „Sol Invictus“ ist nicht so gut wie „Angel Dust“ (Ja, wie auch?) 2.) Die Musik passt gar nicht mehr in unsere Zeit 3.) Mike Patton ist ein arrogantes Arschloch (Stimmt vielleicht sogar, aber er singt jeden Chartbreaker in Grund und Boden). Jetzt mal ehrlich: Auf dem neuen Album sind einige herausragende Stücke: Kompositorisch ungeheuer reif, perfekt arrangiert und mit viel Liebe und großem handwerklichen Geschick aufgenommen. Und obwohl seit „Album Of The Year“ fast 20 Jahre vergangen sind, klingt jeder Takt absolut unnachahmlich nach der Band, die uns ab Mitte der 80er so gründlich weggeblasen hat. Deshalb kann es auch nicht verwundern, dass genau dieses Jahrzehnt mitunter überdeutlich durchschimmert. Na und? Hätte man ihnen etwas anderes, stilistisch völlig neues denn überhaupt abgenommen? „Faith No More“ müssen niemandem mehr etwas beweisen, sie haben es aber mit „Sol Invictus“ trotzdem getan.

Platz 8: John Zorn – The True Discoveries of Witches and Demons1440400650_frontNein, das hätte ich auch nicht gedacht, dass es mal eine Platte von John Zorn in meine Bestenliste schafft. Seit den gloriosen Anfängen mit „Naked City“ ist dieser Ausnahmemusiker wegen seines Muts zur kompromisslosen Vermöbelung des Publikums zwar Bewohner meines persönlichen Schreins, aber die letzten Veröffentlichungen, vor allem die der Neoklassik zuzurechnenden, gerieten leider meist doch arg sperrig und bemüht und besaßen fast durchweg eine nicht zu leugnende, gekünzelte Langatmigkeit. „The True Discoveries of Witches and Demons“ ist dagegen eine amtliche, harte Jazz Rock-Scheibe, die das große Können der gesamten Band (Simulacrum) um Matt Hollenberg (g), Kenny Grohowski (dr) und John Medeski (kb) unter Beweis stellt. Spannende Dialoge zwischen Gitarre und Orgel, eine gnadenlos pochende Rhythmusgruppe und zappaeske Momente hysterischen Geschwurbels: Mag das alles auch nicht unbedingt modern und mitunter sogar konventionell klingen, was solls? Denn altersmilde ist diese Musik ganz bestimmt nicht, eher aggressiv und extrem fordernd. Und einige Stücke würden sich auch auf den eingangs erwähnten Platten von „Naked City“ gut machen.

Platz 7: Krallice – Ygg huura0218194258_10Wer die verschlungenen Pfade des experimentellen Black Metals erforschen möchte, kommt an Krallice nicht vorbei. Das inzwischen fünfte Album des Quartetts aus NYC ist natürlich wieder mal sehr anstrengend, vielleicht nicht ganz so technisch wie „Years Past Matter“ aus dem Jahr 2012, aber meilenweit entfernt von metallischer Durchschnittskost.  Fast alle Stücke auf „Ygg huur“ haben einen beachtlichen Wiedererkennungswert, obwohl sie bis auf zwei Ausnahmen die exakt gleiche Länge aufweisen. Kennern der Band werden hier Parallelen zur Benamsung der Titel auf dem schon genannten Vorgängeralbum auffallen. Handwerklich ist die neue Platte grundsolide und der Sound von „Krallice“ wird immer besser. Aber vor allem strotzt „Ygg huur“ nur so vor großartigen Einfällen, eingebettet in eine wunderbar dichte Atmosphäre, in der alles zusammenpasst. Auch die quasikakophonen Schlenker im ansonsten schon fast symphonischen Grundgerüst. Die New Yorker haben ohne Zweifel ihr bislang stärkstes Werk vorgelegt und wir dürfen noch einiges von ihnen erwarten.

Platz 6: Sophie Hunger – Supermoonsophie_hunger-supermoon_aDoch, wenigstens eine Platte in dieser Bestenliste ist Mainstream und radiotauglich. Sophie Hunger ist nicht nur eine nette Person, sondern hat es faustdick hinter den Ohren. Die polyglotte Schweizerin macht das, was Musikredakteure in ihren schwächsten Stunden „intelligente Popmusik“ nennen. Tatsächlich ist es eher so eine Art Elektrofolk, zuweilen eher schräg arrangiert. Und es passt ganz ausgezeichnet zu den zuweilen schrägen Textideen der Frau Hunger. Insgesamt findet sich eine ziemlich große Bandbreite von tanzbaren bis meditativen Stücken auf dem neuen Album, aber alle haben das gewisse Etwas. Wenn Fans der ersten Stunde die Produktion und das Gesamtergebnis als zu glatt und Ausverkauf kritisieren, verkennen sie das Recht einer Ausnahmekönnerin, sich weiter zu entwickeln. Davon mal abgesehen: Mit „Heicho“ ist das berührendste Stück des Jahres auf „Super Moon“. Was will man mehr?

Platz 5: The Hirsch Effekt – Holon: AgnosieThe-Hirsch-Effekt-HOLON-AGNOSIE_BINARY_725276Musik aus Hanover – nein keine Bange, nicht die Scorpions! „The Hirsch Effekt“ gibt es seit 2009 und sie machen verdammt merkwürdige Musik, so merkwürdig, dass sie bereits als Support für „The Dillinger Escape Plan“ fungieren durften. Auch wenn damit das Label „Mathcore“ auf dem niedersächsischen Trio klebt, tatsächlich lässt sich weder das neue Album, noch seine beiden Vorgänger auf ein Genre einengen. Wer wilde Experimente mag, wird dem rohen Charme von „Holon: Agonie“ erliegen. Ein Hang zur großen Geste schadet auch nicht, vor allem wenn es um eine Analyse der Texte geht. Offensichtlich trauen sich „The Hirsch Effekt“ eine ganze Menge zu und schrammen manchmal fast an der roten „gewollt aber nicht gekonnt“-Linie vorbei. Aber eben nur fast. Genau so verhält es sich auch bei allen Passagen bzw. Stücken, die Richtung Emo-Teenie-Ballade gehen. Man muss es eben aushalten können, wenn junge Leute über ihre Gefühle singen. Und über den Weltuntergang. Kleiner haben sie es nicht, sonst würden sie ja auch nicht das dritte Konzeptalbum veröffentlichen. Am stärksten sind zweifellos die flotten und abwechslungsreicheren Stücke, dann klingen „The Hirsch Effekt“ wirklich erwachsen. Ach so: Das Cover? Spitze!

Platz 4: Between The Buried And Me – Coma EclipticcomaDie Fans von „Between The Buried And Me“ sind alle mindestens 35, die Matte ist oder wird schütter und gewisse Ausbuchtungen deuten auf zu wenig Bewegung hin. Ja, wie im Himmel sollte es denn auch anders sein? Wer diese Band mag, muss lernen, konzentriert zuzuhören, er muss sich für wahre Monolithen von Konzeptalben mit langer Spieldauer erwärmen können und er wird sich immer wieder die Haare raufen, wenn die Genialität des Quintetts aus North Carolina den eigenen musikalischen Horizont einfach überschreitet. Alle Scheiben, die nach dem wahrhaft epochalen „Colors“ aus dem Jahr 2007 herauskamen, sind heftig verwobene, frickelige Meisterwerke, die kein Genre von Progressive Rock bis Mathcore auslassen. Wurde die Kopflastigkeit und der ProgRock-Anteil auf dem Vorgänger auf die Spitze getrieben, präsentiert sich „Coma Ecliptic“ zum Glück wieder etwas kompakter, griffiger und dadurch zugänglicher. Zuweilen fühlt man sich an den rauen Charme der ganz frühen Veröffentlichungen erinnert und wie immer bei „Between The Buried And Me“ bleibt dem geneigten Hörer vor Ehrfurcht hin und wieder einfach die Spucke weg. Wer keine „Türmchen- und Erkerchenmusik“ mag, soll halt was anderes hören.

Platz 3: Ahab – The Boats of The Glen CarrigoriginalWenn eine Formation ihren Weg unbeirrbar geht, dabei mit so viel Sorgfalt und Können glänzt und es dann noch schafft, den bereits vorliegenden Klassescheiben mit dem neuen Silberling die Krone aufzusetzen, dann kann man nur den Hut ziehen. „Ahab“ muss man einfach mögen, wenn man auf langsam und schwer steht. Das Quartett aus Deutschland bleibt sich thematisch auf „The Boats of The Glen Carrig“ natürlich treu und erzählt eine weitere abseitige maritime Geschichte nach. Auch wenn es diesmal nicht ganz so düster zugeht und viele schwebende Passagen mit cleanen Gitarren das Doom-Gewitter auflockern, das unnachahmlich tiefe Grollen bleibt natürlich Markenzeichen der Kapelle. Der erstmals in aller Ausführlichkeit zu hörende Klargesang von Daniel Droste ist durchaus bemerkenswert. Das neue Album ist wieder ein kleines Soundwunder, handwerklich über jeden Zweifel erhaben und unglaublich gekonnt produziert, aber etwas anderes erwartet man bei „Ahab“ eigentlich auch nicht. So können sich auch 15 minütige Brocken zu Ohrwürmern entwickeln. Mit dem Midtempo-Song „Red Foam“ mit einer Länge von etwas mehr als 6 Minuten befindet sich sogar so eine Art Hitsingle auf dem Album. Von mir aus.

Platz 2: Liturgy – The Ark Workscreen-shot-2015-01-20-at-12-36-19-pmEine wirklich innovative Platte aus dem Jahr 2015? Diese hier! Liturgy kommen natürlich aus Brooklyn, sie machen hochmodernen Black Metal, oder schnellen Post Rock, oder Blackgaze. Wie auch immer. Das neue Album ist jedenfalls ein monumentaler Fiesling und zündete auf meinem iPhone irgendwann im Frühsommer so gründlich durch, dass ein ganz besonders schwer verdauliches Stückchen auf den Skidsampler 2015 durchgerutscht ist. Einerseits überzeugen Liturgy mit einem originellen (Studio-)sound, andererseits haben sie die Eier, wirklich was neues zu versuchen: Hymnisch, opulent, stur und humorlos ist diese Musik. Und wenn man sich an die Stimme von Hunter Hendrix gewöhnt hat, der den großen Schmerzensmann gibt, dann kann man sich beruhigt in den schrägen Tonwolken von „Ark Work“verfangen. Für Head-Banger bietet die Scheibe nicht viel, entsprechend wurde sie sehr kontrovers diskutiert, wie es sich bei ganz eigenständigen, mutigen Produktionen gehört. Aber in diesem Fall ist es keine Schande, wenn ein Album von den eher konservativen Metal-FanZines und Blogs zerrissen wird. Im Gegenteil.

Platz 1: Lamb Of God – Sturm und DrangLamb_of_God_-_VII_Sturm_und_DrangWie schafft es eine durch und durch konventionelle Groove Metal Platte an die Spitze dieser Bestenliste? Na ja, „Lamb Of God“ haben immer schon einen Ausnahme-Sänger, einen Ausnahme-Gitarristen und einen Ausnahme-Schlagzeuger. Und endlich haben sie wieder die Durchschlagskraft der frühen Alben bis einschließlich „Sacrament“ (2006) gefunden. „Sturm und Drang“ reicht durchaus an Meilensteine wie „Ashes of the wake“ und „New American gospel“ heran. Es knallt gewaltig, Riffing und Blasting gehören zum besten, was der extreme Metal zu bieten hat und diesmal hat die Band ein paar kompakte, richtig böse Stücke zusammenbekommen. Außerdem ist es natürlich schön, wieder Musik von der Kapelle zu hören, anstatt schlechte Nachrichten über sie zu lesen. Die durch den Gerichtsprozess erzwungene Pause scheint ihnen gut getan zu haben und der Gefängnisaufenthalt von Randy Blythe schlägt sich in den Texten und im Wutlevel nieder. Die Formation klingt erwachsener, aber keineswegs zahmer. „Sturm und Drang“ ist ein amtliches Brett, um im Jargon zu bleiben. Die Platte macht einfach Spaß.

So, ganz kurz: Wer hat es knapp nicht geschafft? Cyptopsy lieferten mit „The Book of Suffering- Tome 1“ leider nur eine EP ab, die ist aber wirklich ganz ausgezeichnet. Und auch Joanna Newsom mit „Divers“ und Periphery mit ihrem Doppelschlag „Juggernaut: Alpha/Omega“ waren in der Verlosung. Beachtenswert außerdem: Prodigy mit „The Day Is My Enemy“ und Rolo Tomassi mit „Grievances“.

Und die größten Ärgernisse des Jahres? Joss Stone und „Water for Your Soul“: Zu viel schlechter weißer Reggae. Iron Maiden und „The Book of Souls“: Langweilig und uninspiriert. Mit den neuen Platten von Slayer, Nile, Gorgoroth und Melechesh habe ich inzwischen meinen Frieden gemacht, auch wenn ich auf ein bisschen mehr als Hausmannskost gehofft hatte.

Note to self: Geschafft! Musik: All of the above.

 

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