Wohlfeiles Dreinschlagen

Das ganz grundsätzliche Problem des Feuilletons ist, dass es sich stets auf einer Gratwanderung befindet: Einerseits will es obergescheit sein und sich bloß nicht am Massengeschmack orientieren, andererseits will es von einem marktrelevanten Anteil der Konsumenten gelesen werden, sonst würde es abgeschafft. Für die Rubrik „Abgehört“ auf SPON gilt das auch, mal abgesehen davon, dass eine der meist aufgerufenen Internetseiten Deutschlands eigentlich kein Feuilleton haben kann: Welcher selbstreflektierte Mensch will schon zwischen den Hasstiraden eines Jan Fleischhauers und den Hasskommentaren selbsternannter „aufrechter Deutscher“ stehen? Ein klassischer Fall für die freiwillige Selbstkontrolle eigentlich, aber sie funktioniert halt nicht.

In der aktuellen Ausgabe der spiegelschen Musikecke arbeitet sich Tex Rubinowitz am neuen Album von Megadeth ab, nur deshalb habe ich sie gelesen. Von vorne herein war klar, dass nur ein vernichtender Verriss dabei herauskommen kann, dem ich mich gerne anschließe, ohne das Album überhaupt gehört zu haben. Als die letzte halbwegs originelle Platte von Dave Mustaines Kapelle herauskam, da hatte ich noch Haare. Wenn ich mich trotzdem über das Geschreibsel des Herrn zu Guttenberg -äh- Rubinowitz öffentlich empöre, dann liegt das vor allem am einleitenden Absatz:

„Metal als Formel ist ja im Prinzip ganz einfach: Alles ist kontrollierte Überraschung, zu der zunächst kokett der Zugang verweigert wird. Aber wenn man mal drin ist, wird man Teil der Zerstörung, das ist das Kapital, und dann bekommt man die Lösung (Katharsis) angeboten, sozusagen als Zinsen. Witz hat beim Metal genauso wenig verloren wie Kreativität. Bier gibt’s auch noch, auch nicht gerade das witzigste Getränk, deswegen schmeckt’s ja auch so gut. Dann könnte man noch über Toleranz reden, in Wacken sicher, ist ja auch ein Massenkuschelfestival, sonst aber eher nicht so.“

Selbst für einen unterdurchschnittlichen Beitrag auf SPON greift der Begriffsdreiklang: „Zerstörung, Bier, Wacken“ ein wenig kurz, nicht wahr. Selbstverständlich gibt es abseits des angetrunkenen, langhaarigen Kuttenträgers, der Luftgitarre spielt, noch andere Metalheads. Ja es gibt sogar Protagonisten des Genres, die nicht nur witzig, sondern sogar selbstironisch, höchst kreativ, kein bisschen kokett und in jeder Hinsicht tolerant sind. Nur scheint Rubinowitz von diesen avantgardistischen Speerspitzen keine Ahnung zu haben. Da ist es viel einfacher, einen abgehalfterten Ex-Junkie in die Pfanne zu hauen, auch wenn dieser -im Gegensatz zum Autor – durchaus Gitarre spielen kann.

Im letzten Absatz der Plattenkritik heißt es dann: „Die Metallica von heute heißen auch eher Volbeat“. Tja, da bleibt sogar mir fast die Spucke weg: Wer eine der richtungsweisenden Bands der Musikgeschichte in einem Atemzug mit dieser furchtbaren dänischen Schunkelkapelle nennt, sollte sich vielleicht besser ein anderes Thema suchen, über das er schreiben möchte.

Note to self: Feuchtigkeit unten drunter, passt mir gar nicht. Musik: Obscura, Salome.

 

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