Taub

Ich komme nach Hause und bin nicht allein, da ist nämlich schon jemand oder etwas. Sie ist taubengroß, taubenblaugrau gefiedert und gibt ein nervöses Gurren von sich. Ach hätte ich doch heute morgen das Fenster nicht offen stehen lassen. Mein neuer Mitbewohner, ich nenne ihn wahlweise Norbert oder Tusnelda, ist offenbar schon eine ganze Weile in der Wohnung, davon zeugen zahlreiche schmierige Hinterlassenschaften: In der Diele, auf meinem Schreibtisch, auf meinem Wohnzimmerteppich, auf meiner Werkbank, auf der Tastatur vom Cube. Rats!

Ich überlege: Vielleicht ist Tusbert bzw. Nornelda ja jetzt, wo er oder sie festgestellt hat, dass meine Wohnung durchaus noch bewohnt ist und zwar von mir, bereit das Feld zu räumen, ganz freiwillig und ohne Druck? Das Fenster steht immer noch weit offen. Ich schütte mir also noch einen Kaffee ein, nicht ohne Tasse und Kanne auf Taubenspuren zu überprüfen, irgendwie ein Scheissgefühl (ich sehe mich schon Geschirr und Besteck komplett prophylaktisch spülen), mache mir fette Musik an und gebe mich auch sonst laut als Revierbesitzer zu erkennen. Nach 10 Minuten checke ich noch mal mein Schlaf/Arbeitszimmer.

Er ist immer noch da. Es muss ein „Er“ sein. Ein weibliches Wesen hätte längst Feinfühligkeit und mütterliche Güte unter Beweis gestellt und wäre schon aus Höflichkeit weggeflogen. Er nicht. Im Gegenteil: Er thront auf einem Macbook Pro, das nicht mir gehört, und ruft zärtlich und ermunternd nach draußen. Und dort sitzt tatsächlich eine weitere Taube auf der Regenrinne und schaut interessiert nach drinnen. „Nun komm‘ schon!“ scheint er zu gurren, „der Typ hier ist weichherzig und sozial veranlagt und wird sicher zwei Flüchtlinge aufnehmen. Beeil‘ dich und bring schon mal Material für den Nestbau mit.“

Ich muss meine Strategie ändern und mache einige entschlossene Schritte auf Norbert zu. Er hebt ab, fliegt einen eleganten Bogen und klatscht, den Kopf voran, gegen den geschlossenen Fensterflügel. Dann schmiert er ab, landet auf der Fensterbank und schaut mich halb verwundert, halb verärgert an. Draußen flippt seine Alte völlig aus. „Norbert, mein Süßer“ säusele ich „das war doch schon prima. Versuchs doch noch mal, diesmal ein bisschen weiter rechts.“ Er denkt gar nicht dran, sondern hüpft von der Fensterbank auf den Werkstattrechner, dann auf den Stuhl, dann auf den Teppich. Da bleibt er hocken.

Ein zweiter Versuch: Diesmal begleite ich meinen Vorstoß mit einem herzhaft gezischten „Verpiss dich!“. Norberts Katapultstart und Steilflug enden tragisch, erneut an der Fensterscheibe. Diesmal landet er, ganz offensichtlich heftig bematscht, auf dem Drucker. Er dreht sich, legt den Kopf schief und glotzt. Sein Blick heißt: „Ich würde dich töten, wenn ich könnte.“ Komisch, genau das habe ich auch gerade gedacht. Oh, und ich würde Norberts Kadaver auf einen Pfahl spießen und diesen zur Mahnung an alle Aachener Täuberiche und Tauben am Balkongitter befestigen. Mit weit ausgebreiteten Armen mache ich einen Schritt nach vorn und flüstere: „Letzte Chance, gleich ist Krieg!“ Norbert macht einen Hüpfer und scheisst in den Einzelblatteinzug.

Ich werde böse, jetzt echt und hole den Besen. Diesen wie einen Kriegshammer schwenkend bewege ich mich auf den renitenten Taubenmann zu. Der entleert sich auf das Bedienfeld des Druckers, hebt erneut ab, klatscht dreimal hintereinander an das Fensterglas, aber diesmal scheucht ihn der Besen immer weiter Richtung Freiheit. Leider wischt der Besenstiel dabei auch einen Schwung Kabel, Notizen und einen Karton mit PC-Komponenten vom Tisch. Davon lasse ich mich gar nicht beirren, gehe konsequent weiter mit meiner Hiebwaffe vor und trete dabei in eine Grafikkarte. Naja, ein bisschen Schwund ist ja immer. Norbert sitzt wieder auf der Fensterbank. Mit vorsichtigen Besenbewegungen treibe ich ihn in die richtige Richtung, jetzt trippelt er direkt vor dem offenen Fenster.

Ich stoße einen Schrei aus, stoße den Besen nach vorne und das Wunder geschieht: Er flattert rüber auf das Dach, wird dort direkt von seiner Liebsten beturtelt. Ich schließe das Fenster, bereite den Putzkram vor und krieche dann ein knappes Stündchen durch die Wohnung, um Norberts unappetitliche Hinterlassenschaften zu beseitigen. Ob die Tasten des Druckers seiner korrosiven Kacke auf Dauer standhalten, das muss sich noch zeigen. Die Grafikkarte ist übrigens hin.

Note to self: Ist der User beschränkt, hilft auch kein smartes Telefon. Musik: Nada Surf, Wormed, De-Phazz, Aluk Todolo.

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