England wird Europameister

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Der legendäre Krake Paul, das leider inzwischen verschiedene Orakeltier der WM 2010, hätte vielleicht nur ein müdes Lächeln (können Kraken lächeln?) übrig, aber ich gebe hiermit bekannt, dass der Sieger der EM-Endrunde bereits feststeht: Gewinnen wird England, eine Sensation.

Wie ich dazu komme? Nun: Für gewöhnlich sorge ich dafür, dass Gratis-Propaganda und -Werbematerial, wie es bei Großereignissen überflüssigerweise von Geschäften unter die Leute gebracht wird, nicht in meinem Einkaufsbeutel landet. Ich finde derlei Dreingaben sind beknackte Ressourcenverschwendung, auch wenn insbesondere die sehr junge Kundschaft das offenbar und lautstark anders sieht. Bei meinem letzten Einkauf begab es sich aber nun, dass drei so genannte Stickeez einfach von der Kassiererin in meinen Einkaufswagen geworfen wurden. Klar, ich hätte sie zurückreichen können, aber die Schlange hinter mir war lang und ich wollte dieser Mitarbeiterin keinen Vortrag halten, handelt es sich bei ihr doch um die einzige Beschäftigte in meiner Stammfiliale, die wenigstens einen Funken Humor hat. Nun denn, dann schmeiße ich die Teile halt direkt in den gelben Sack, dachte ich mir.

Aber zuhause siegt dann doch die kindliche Neugierde. Und könnte es nicht sein, dass das Schicksal bzw. der Fußballgott sich eines ausgewiesenen Stickeez-Verweigerers bedient, um zumindest einen stark verkleinerten Kreis der möglichen Titelträger zu offenbaren? Wer das abwegig findet möge sich die merkwürdigen Praktiken der Eingeweideschau, des Knochenwurfs, der Geomantie, des Handlesens und Kartenlegens vor Augen führen, die seit ihrer Erfindung nicht nur einfache Menschen, sondern auch Könige und Präsidenten, Wirtschaftsbosse und Philosophen, ja selbst Diktatoren wie Josef Stalin in ihren Bann gezogen haben.

All das schwirrte mir durch den Kopf als ich mit mühsam unterdrückter Erregung das erste  Tütchen öffnete. Es enthielt eine Nachbildung des EM-Pokals. Aha: Offensichtlich würde das Stickeez-Orakel nicht weniger als die Teilnehmer des Finales preisgeben. Die Bestimmung meinte es gut mit mir.

Meine Begeisterung erhielt einen schweren Dämpfer, als ich das zweite Tütchen öffnete, denn darin befand sich ein knallgelber Ukrainer mit Irokesenschnitt, der ganz offensichtlich schwerhörig sein muss, denn er hat die linke Hand hinter die Ohrmuschel gelegt. Sein grenzdebiles schiefes Grinsen will mir ein „Reingefallen, Alter“ bedeuten, denn wir alle wissen, dass die Ukraine als erste Mannschaft feststand, die sich nicht für die KO-Runde qualifiziert hatte. So eine Pleite!

Das dritte Tütchen beherbergte einen giftgrünen Engländer, der aus vollem Hals lacht und mit der rechten Hand den „deutschen Gruß“ andeutet. Jetzt war ich völlig verunsichert. Was zum Teufel sollte das bedeuten? Als würde ich die Leber eines Opfertieres untersuchen, schaute ich mir den Engländer noch mal genauer an. Deutete die Haltung des rechten Arms nicht eher an, dass der Insulaner bereits „eine Hand am Pott“ hatte? Selbstverständlich! Es konnte gar nicht anders sein. Und wie sollte die Weissagung den Kontrast zwischen Siegern und Besiegten deutlicher machen, als durch die Zulosung des gescheiterten Osteuropäers? Alles fügte sich zusammen und ein ehrfurchtsvolles Schaudern bemächtigte sich meiner.

Dieser Beitrag findet nun ein jähes Ende. Es gilt, sich in die Stadt aufzumachen und eine Wette zu platzieren. Ich gehe güldenen Zeiten entgegen…

Note to self: Nicht zweifeln, nicht zurückschauen. Musik: Damien Rice, Gojira, Asking Alexandria, Hellyeah, Gomorrah.

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