Das Ende des Schweigens

So. Nachdem mich in den letzten Wochen sogar vereinzelte Anfragen erreichten, die sich besorgt nach meinem Verbleib erkundigten angesichts des Mangels an neuen Beiträgen in diesem Blog, sei folgendes klargestellt: Mit geht es passabel, aber Ende August hat sich ein schlimmes Ereignis in der Familie zugetragen, das ich hier zunächst mal nicht thematisieren werde. Auch deswegen habe ich in der letzten Zeit sehr viel zu tun. Und wenn sich der Fokus des Lebens mehr oder weniger komplett verschiebt, hat man andere Sachen im Kopf als zu bloggen.

Wenn ich heute das Schweigen breche, so geschieht das in erster Linie um der sehr kleinen aber treuen Leserschaft von „Just Skidding“ zu signalisieren, dass es weiter geht. Vielleicht zunächst nicht ganz so launig und locker, wie ich es eigentlich am liebsten habe. Ich lege mal los:

Wie ist es eigentlich ganz generell mit dem Begriff „erwachsen werden“? Als Kind hatte ich die Vorstellung, ich würde eines morgens aufwachen und feststellen, dass ich jetzt erwachsen bin. Nun, ich habe dann im entsprechenden Alter beinahe täglich darauf gewartet, dass das passiert, aber weder der 18. Geburtstag noch die darauf folgenden Jahrestage brachten einen diesbezüglichen Fortschritt. Betrachtete ich dies erst als Mangel oder sogar Unfähigkeit, trat im Laufe der Zeit ein anderer Aspekt hinzu: Ich fühlte mich als heimlicher inverser Verbündeter von Oskar Matzerath, der zwar die Segnungen des Älterwerdens (Autofahren, Geld verdienen und ausgeben, Biertrinken, usw.) mit Freuden annahm, aber gleichzeitig einen kindlichen Kern konservierte. Während Oskarchen von außen Kind bleibt, das sein Talent als manipulativer Strippenzieher auch deswegen ungehemmter und erfolgreicher ausleben kann, verhielt es sich bei mir genau umgekehrt.

Beobachtungen im Freundes- und Bekanntenkreis über die Jahre bestärkten mich zudem in meiner Ansicht, dass für viele junge Väter und Mütter ihr eigenes Kindsein genau in dem Moment endete, als sich der Nachwuchs einstellte. Ein Freund bezeichnete dies mit der Formulierung, das eigene Leben sei plötzlich „wie auf Schienen gesetzt“ gewesen. Da ich keine Kinder habe, erschien mir das eine geeignete Erklärung zu sein, warum sich trotz eines Zuwachses an geistiger und moralischer Reife kein wirklicher Prozess des Abnabelns und der emanzipatorischen Läuterung bei mir einstellen wollte. Natürlich, die wesentlichen Entscheidungen für mein Leben traf ich selbst, trotzdem hatte ich stets das Gefühl auf einem Experimentierfeld ausgesetzt worden zu sein und zwar von denen, die Schuld an meiner Existenz waren. Und auf diesem Feld konnte man sich mehr oder weniger ungestraft verrennen, umkehren, Haken schlagen: Man würde schon dafür sorgen, dass ich nicht allzu hart fiel.

So und nun sind große Teile meines Lebens wie „auf Schienen gesetzt“. Im Beruf äußert sich das so, dass man ohne große Rücksicht auf die eigene Befindlichkeit funktioniert, in einem wichtigen Teil des Privatlebens ist es nun ebenso. Ist das nicht merkwürdig? Während man als Kind mit dem Begriff „erwachsen“ vor allem einen Zugewinn an Freiheit assoziiert, erfährt man als gerade erwachsen Gewordener, dass eigentlich das Gegenteil richtig ist. Und während man große Teile des Alltags mehr oder weniger mit dem Rückenmark bestreitet, scheinen die neocortikalen Zielneuronen in einer verwaisten Zone zu liegen: Mit der wenigen freien Zeit vermag ich gerade nicht wirklich etwas anzufangen, es stellt sich häufig ein Zustand dumpfen Brütens ein, den ich dann irgendwann zwecks Verrichtung einer meist häuslichen Verpflichtung mit dem immer gleichen Zwischenergebnis beende: Es ist gerecht und keiner hat Schuld.

Note to self: Das Ende des Sparkrümels nicht erschütternd finden! Musik: Meshuggah, Negura Bunget.

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