Zersetzung

Was machst Du, wenn Deine Lieblingsband sich auflöst? Mit den Schultern zucken? Ein Tränchen verdrücken? Dir das Logo der Kapelle auf den Hintern tätowieren lassen? Ich habe nichts davon getan, sondern ein paar mal schwer geschluckt und dann begonnen, die unschlagbaren Platten noch mal durchzuhören. Auch wenn es schwer zu akzeptieren ist: Nach dem letzten Konzert im März nächsten Jahres, das ausgerechnet im „Kulturzentrum Schlachthof“ in Wiesbaden stattfinden soll, wird es „The Dillinger Escape Plan“ nicht mehr geben. Was ein Jammer! Ich habe in diesem Blog schon das eine oder andere zu den Großtaten der Dillingers geschrieben und will mich nicht wiederholen. Es ist eine Gruppe, die das Publikum spaltet: Ein kleiner Teil ist restlos von den Socken, für die überwiegende Mehrheit ist die Musik von DEP schlicht schlecht verdaulicher Lärm.

Für Insider ist die geplante Auflösung keine Neuigkeit. Bereits Mitte September hatte es entsprechende Äußerungen von Greg Puciato und Ben Weinman in Interviews gegeben. Zunächst war gemunkelt worden, die Band würde nach der Veröffentlichung des neuen Albums und der zugehörigen Tour lediglich eine längere Pause einlegen. Ein paar Tage später ließen die Herren dann die Katze aus dem Sack, wahrscheinlich auch, weil sie es leid waren ständig zur Länge des „Hiatus“ und den Gründen dafür befragt zu werden. Ganz interessant ist die offizielle Begründung für diesen Schritt: Man sei sich einig, dass man das eigene kreative Potential zur Gänze ausgeschöpft habe und nunmehr am Gipfel angelangt sei. Jede weitere Zusammenarbeit könne nur schwächere Ergebnisse erbringen. Dann sei es doch ehrlicher und besser für die Formation, aber auch für ihre Fans, konsequent zu sein und sich mit einem Knalleffekt zu verabschieden, statt als moribunder Schatten seiner selbst weiter zu machen. Für mich klingt das auch ein bisschen so, als müsste die Band ihrer bisherigen Schlagzahl Tribut zollen, denn eins ist klar: Anspruchsvollen Mathcore, so wie ihn DEP spielen, kriegt man irgendwann auch aus rein physischen Gründen einfach nicht mehr hin.serveimage

Also: Das neue Album namens „Dissociation“. Wie ist es denn? Fangen wir mal so an: Es wurde von Kurt Ballou produziert, den man auch als Gitarrist von „Converge“ kennt. Um es auf den Punkt zu bringen: Ballou ist für mich im Bereich Hardcore & Co schlicht und ergreifend der beste Plattenmacher weltweit. Er hat Hände aus Gold und was er anfasst („Meek Is Murder“, „All Pigs Must Die“, „Kvelertak“ und viele viele andere) wird zu Gold. Kein anderer schafft den Spagat zwischen erdiger Schwere und ätherischem Schweben so wie er. Supercrisp und voll in den Magen: Das kriegt so nur Ballou der Soundbär hin.

Repräsentiert das Album den Höhepunkt des musikalischen Schaffens der Dillingers, so wie sie es selber sehen? Nun, das ist schwer zu sagen. Zwar läuft die Platte bei mir in Dauerrotation, seit ich sie habe, trotzdem muss man sich die Veröffentlichungen des Quintetts aus New Jersey Stück für Stück erarbeiten, das war schon immer so und ist bei „Dissociation“ auch nicht anders. Natürlich wird jedes Album der Band immer an den Meilensteinen wie „Miss Machine“ oder „Calculating Infinity“ gemessen. Der mit „Ire Works“ vollzogene Stilwechsel hin zu variableren Arrangements, elektronischen Studiospielereien und Radiopop-artigen Versatzstücken hat einige Hardcorefans der ersten Stunde nachhaltig verschreckt. „Dissociation“ bietet genau diese Zutaten, wie sie auch schon auf „One of us is the Killer“ und „Option Paralysis“ zu hören waren. So gesehen bleibt sich die Kapelle treu. Vielleicht ist das Gesamtbild noch verdichteter und verschrobener als auf den vorausgegangenen Alben, aber hin und wieder hat man eben schon den Eindruck, dass DEP den gleichen Gaul zu Tode reiten. Und das deckt sich ja nun genau mit den oben angeführten Aussagen der Bandmitglieder. Dass „Dissociation“ eine der besten Math-/Chaos-/Jazzcore-Platten ist, die jemals aufgenommen wurden, steht außer Zweifel. Man ist eben auch ein bisschen verwöhnt.

Wie wird es weiter gehen? Ben Weinmann hat sich einer so genannten Supergroup mit Personal von „Mastodon“ und „Alice In Chains“ angeschlossen. Das Projekt firmiert unter dem Namen „Giraffe Tongue Orchestra“ und  das Debütalbum liegt bereits vor, haut mich aber nicht von den Socken. Die Anderen werden nachziehen. Außerdem soll irgendwann ein weiteres Album mit bereits aufgenommenem Material erscheinen. Solchen Veröffentlichungen stehe ich ziemlich kritisch gegenüber, aber die Resterampe von Dillinger Escape Plan ist wahrscheinlich immer noch um Längen besser als vieles, was sonst so mit dem Etikett Mathcore herauskommt.

Und? Was machst Du, wenn Deine Lieblingsband sich auflöst? Am 27. Januar 2017 spielen DEP im Poppodium013 in Tilburg, das sind schlappe 140 Kilometer mit dem Zug.

Note to self: Festhalten was geht, aus besseren Zeiten, während man dem allmählichen Verschwinden beiwohnt. Das Leben macht keine Gefangenen. Musik: The Dillinger Escape Plan.

 

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