Blasenentzündung

Nein, ich habe zum Glück keine. Heute geht es um unsere Schwierigkeiten mit den Begriffen Wahrheit und Lüge, Objektivität und Subjektivität und Fakten vs. Fiktion. Und der Bezug zum Titel dieses Beitrags wird über den Begriff „Filter Bubble“ hergestellt. Alles klar, oder?

Emil Cioran hat geschrieben, dass jeder ein Planet sei, der von einem Menschen bewohnt werde. Von einem großen Skeptiker würde man auch genau so eine Aussage erwarten, es gibt aber offenbar Grenzen dieser konstruktivistischen Weltsicht. Wir schließen uns eben auch gerne an, einerseits weil wir uns unter Gleichgesinnten verstandener fühlen können, andererseits weil wir dazu neigen, uns Vorbilder zu suchen, um ihnen in welcher Form auch immer nachzueifern. So werden Entscheidungen vereinfacht, ob wir uns nun ein neues Paar Sneaker aussuchen, oder uns einen Plan für die nächste Bundestagswahl machen. Damit verbunden ist, ob wir es wollen oder nicht, ein Prozess der Abgrenzung (den wir übrigens in der Regel nur deswegen durchhalten, weil wir ihn gemeinsam mit Anderen vollziehen). Was jenseits der Grenze liegt, erscheint uns mindestens unverständlich, oft genug aber auch feindlich, bedrohlich, hassenswert. Mehr noch: Das Jenseitige kann uns irreal werden.

Eigentlich wissen wir ganz genau, dass das Leben in der eigenen Filterblase zwar bequem, aber auch fade ist. Und nicht nur das: Je weniger wir bereit sind, uns dem Diskurs auszusetzen, umso mehr verlernen wir, ihn zu führen. Das ist hochgefährlich, für uns selbst und erst recht für unsere Gesellschaft. Wie viele von uns sind wirklich bereit, zuzuhören und verstehend zu lesen, bevor wir Etiketten vergeben? Der Abgleich mit den Argumenten der Anderen kann dabei helfen die eigene Position wirklich herauszuarbeiten und ihr ein schärferes Profil geben. Dabei setzen wir uns natürlich der Gefahr aus, dass unsere Blase eine Entzündung bekommt, umso besser. Mag der Prozess der Auseinandersetzung auch schmerzhaft sein, man findet dabei vor allem heraus, was nicht verhandelbar ist.

Das Ändern der eigenen Meinung ist hierzulande wenig populär. Und weil sich die meisten damit regelmäßig verspäten, braucht es dann offenbar ab und zu den Gegenschwung des ganz großen Pendels. Das nennen wir dann Zeitgeist. Zurzeit erleben wir einen solchen Umschwung, der unsere Gesellschaft zu zerreißen droht. Zuletzt passierte so etwas Ende der Sechziger Jahre. Die radikalen Forderungen von damals sind vielen von uns in abgemilderter Form in Fleisch und Blut übergegangen, sie wurden Teil des allgemein akzeptierten politischen Wertekanons. Das sollten wir bedenken, wenn wir die national-konservative Strömung beurteilen, die sich gerade nicht zuletzt für den eigenen Nonkonformismus feiert. Es ist die Aufgabe der Vernünftigen, dass aus der Systemablehnung des rechten Randes kein Systemabsturz wird. Ob es uns gefällt oder nicht: Auch von diesen Forderungen wird sehr wahrscheinlich etwas übrig bleiben und sich in Gesetzestexten und gesellschaftlichen Normen manifestieren. Ignorieren können wir sie nicht, also lasst uns klarkriegen, was nicht verhandelbar ist.

Zum Schluss noch eine kurze Geschichte vom Herrn Keuner:

Mühsal der Besten
„Woran arbeiten Sie?“ wurde Herr K. gefragt. Herr K. antwortete: „Ich habe viel Mühe, ich bereite meinen nächsten Irrtum vor.“ (Bertolt Brecht)

Note to self: Der kleine Finger und die ganze Hand. Du lernst es nicht. Musik: Glenn Miller, Science Of Sleep, Gorath, Rolling Stones.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.