Pauls Katatonie

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„Ihr könnt mich alle mal!“ Paul stieß Silbe für Silbe zwischen geschlossenen Zahnreihen und nur leicht geschürzten Lippen hervor. Es war kurz nach elf vormittags – und werktags. Gerade hatte sein Chef, ein penibler, humorloser Mann, der bereits mit Krawatte, Hemd, Sakko und Weste auf die Welt gekommen war, sich telefonisch nach seinem Verbleib erkundigt und Paul hatte ihm seine aktuelle Unpässlichkeit mit wenigen drastischen Worten in einem weinerlichen, untertänigen Tonfall, den er im Grunde hasste wie die Pest, kundgetan. Seit den frühen Morgenstunden ging gar nichts mehr. Pauls Lendenwirbelsäule hatte unmissverständlich mitgeteilt, dass die Erfindung des aufrechten Gangs ohne wesentliche anatomische Anpassungen ein schwerer Lapsus in der glorreichen Evolutionsgeschichte der Gattung Homo gewesen war.

Gestern, ja gestern war noch alles in Ordnung gewesen. Ein schöner, harmonischer Abend mit den Jungs, der fristgerecht, also kurz vor Mitternacht mit einem harmlosen Schwips geendet hatte. Paul hatte geschlafen wie ein junger Gott, war bereits kurz vor dem Wecker aufgewacht und hatte ungewohnt optimistisch in den heraufdämmernden Morgen geblinzelt. Selbst einem eingefleischten Zyniker, für den Paul sich gerne hielt, konnten derlei geblümte Anwandlungen spontan unterlaufen, ohne ersichtlichen Grund. Beschwingt war er aus dem Bett gesprungen, hatte sich gereckt und gestreckt und sich dann nach seiner gemütlichen Hose gebückt. Der Schmerz war wie eine glühende Machete in seinen unteren Rücken gefahren, hatte ihm ein merkwürdig kindliches Ächzen entlockt und ihn auf die Knie geschickt. Dann war er zur Seite abgekippt und hatte mehrere Minuten in einer absonderlichen Embryonalhaltung auf dem Fußboden gelegen, völlig unfähig zu irgendeiner Regung. Merkwürdige Gedanken waren in fiebriger Abfolge durch seinen Kopf geflitzt.

Hexenschuss. Paul stellte sich eine rothaarige, knochige Frau vor, deren lange, dünne Finger eine Pumpgun hielten, mit der sie zunächst auf seine Zwischenwirbelscheiben angelegt hatte, um dieselben dann mit einem fatalen Treffer in einen rötlichen Schaum  zu verwandeln. Dabei stieß sie ein schrilles Lachen aus, das ungefähr wie Pauls Rauchmelder in der Diele klang, wenn er sich mit seinen Skatbrüdern mal wieder eine nach der anderen angesteckt hatte. Er hatte sich in Zeitlupe zurück in die Federn gequält und sich seitdem so wenig wie möglich bewegt.

Paul haderte gerne. Natürlich, er war es ja selber Schuld. Seit Jahren kein Sport, unzählige Stunden täglich vor dem Bildschirm, Übergewicht, nachlässige Haltung, das musste irgendwann Konsequenzen haben. Aber warum ereilte ihn das Schicksal ausgerechnet heute? Welcher Sünde, die der liebe Gott, an den Paul gar nicht glaubte, ja angeblich sofort bestrafte, hatte er sich schuldig gemacht? Nachdenklich musterte er einen Fussel, den er aus seinem Bauchnabel geklaubt hatte, immerhin, dazu war er noch fähig. Ach, wie vergänglich war doch der Mensch, wie unerquicklich und sinnleer im Grunde genommen sein Dasein. Letztendlich war Paul doch nicht viel mehr als Heimstatt und Transporter eben jenes Fussels gewesen, der wahrscheinlich seit Wochen halb in ihm, halb an ihm herangereift war, sich textile Fädchen und Hautschüppchen einverleibt hatte, nur um ihn in der schmerzhaftesten Stunde mit der größten aller Fragen zu konfrontieren. Das Telefon ging:

„Hi Timo“

„Scheiße gehts, hab Rücken.“

„Hörma, sachma, hast du noch welche von den Hammertabletten, die du damals nach deiner OP…“

„Ja super, kannste mir die vorbeibringen?“

„Und kannste vielleicht noch beim Lidl vorbei? … paar Fressalien.“

„… und ne Flasche Korn.“

„… und zwei, drei Schachteln Kippen? Bist ein Großer.“

Paul schnippte den Fussel Richtung Fußende. „Du hattest nur mich, ich habe Freunde. Du verlierst.“ Er kicherte, aber nur kurz. Als er sich auf die Seite drehte, hätte er schreien mögen.

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