Kinder zweiter Klasse


Foto: Silke Wichert

Silke Wichert hat einen Artikel auf süddeutsche.de veröffentlicht. Darin beschäftigt sie sich mit Kindern, mit ihren Kindern. Frau Wichert ist Mutter zweier Söhne. Das ist hart, sie hätte lieber Töchter gehabt. Das schreibt sie zwar nicht explizit, aber man kann es zwischen den Zeilen deutlich herauslesen.

Sie beschreibt, wie in Mütter-Foren Tipps ausgetauscht werden, wie frau es anstellen kann, Töchter zu gebären, also was man an welchem Tag des Zyklus essen muss, so ungefähr. Die Frauen in diesen Foren sind wahrscheinlich keine Medizinerinnen oder Biologinnen, deshalb noch mal kurz die Grundbegriffe: Ob ein Nachkomme männlich oder weiblich wird, hängt davon ab, ob in der Samenzelle, die die Eizelle befruchtet, ein X- oder Y-Chromosom vorliegt. Es liegt also ausschließlich am Mann und die Frau kann an allen Tagen des Zyklus essen, was sie möchte. Ob Frauen ihren Partnern wirklich an bestimmten Tagen vor dem Eisprung bestimmte Nahrungsmittel verabreichen, um dafür zu sorgen, dass seine X-chromosomalen Samenzellen beschleunigt werden, entzieht sich meiner Kenntnis, ich halte die Vorstellung aber für ganz und gar bescheuert.

Warum nur hätte Frau Wichert lieber Töchtern das Leben geschenkt? Sie schreibt: „Weil das eigene Geschlecht einem nun mal näher, vertrauter ist.“ Das ist zweifellos richtig, aber in diesem Zusammenhang eine erzieherische Bankrotterklärung. Ob das nämlich klappt mit der Herstellung des Urvertrauens zwischen Kindern und Eltern, der unerschütterbaren Geborgenheit, die Kinder brauchen, damit aus ihnen brauchbare Erwachsene werden können, das hat mit allem möglichen zu tun, aber sicher nicht mit der Selbstähnlichkeit. Diese Begründung ist folglich vorgeschoben. Im nächsten Absatz kommt Frau Wichert dann zu Potte, sie schreibt:

„Jungen haben momentan keine besonders gute Lobby. Sie sind laut, anstrengend und angeblich die Verlierer unserer Zeit, weil sie sich in der Schule im Vergleich weniger anstrengen und weniger lesen. Die Shell-Studie von 2015 befand, die Gesellschaft werde immer weiblicher, klassische männliche Eigenschaften verlören an Bedeutung.“

Da haben wir es. In dem Zusammenhang fällt mir ein Telefonat vor ein paar Tagen mit einer befreundeten Lehrerin ein, die einen Stoßseufzer ausstieß, als sie meinte, die Neuaufnahmen in ihre Klasse seien „alle Jungs“. Ja, nicht nur Journalistinnen tun sich hervor, wenn es darum geht männliche Kinder ohne Ansehen der Person zu stigmatisieren.  Besagte Freundin meinte es wahrscheinlich nicht mal böse, offenbar ist es unter Erziehenden inzwischen Konsens: Jungs sind schwieriger, weniger kompatibel usw. Wenn es da ein Problem gibt, muss das adressiert werden. Dazu einen Hinweis: Wenn man Menschen unterschwellig oder explizit zu verstehen gibt, sie seien weniger wert, weniger liebenswert, weniger leistungsfähig, dann werden sie Opfer einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung werden. Sie werden nicht annehmen, dass es sich um ein erhebliches Defizit desjenigen handelt, von dem diese unzulässige Zuschreibung kommt, obwohl es natürlich genau so ist. Und sie werden sich einigeln, abwenden, trotzig werden.

Konstantin Wecker hat mal geschrieben: „Alle, die erziehen wollen, sind zu feige von denen zu lernen, denen sie sich vermitteln sollten.“ Das ist vielleicht ein bisschen zu idealistisch gedacht, geschenkt. Vielleicht sollte man besser formulieren „Alle, die erziehen müssen, sollten darauf achtgeben, nicht Gefangene ihrer eigenen Erfindungen zu werden. Erst recht sollten sie sich nicht zum Büttel von Chimären machen, die der Zeitgeist gebiert.“

So was ist leicht hingeschrieben, wenn man seinen Lebensunterhalt mit Hard- und Software bestreitet, das gebe ich zu. Aber es kann doch nicht sein, dass man einen bestehenden erzieherischen Rahmen, der einer Hälfte der Klienten deutlich schlechter passt, nicht hinterfragt und anpasst, damit er besser passt. Es hat sich so viel getan bei der schulischen Erziehung seit der Zeit, als ich selbst noch zur Schule ging. Wir hatten stumpfen Frontalunterricht, die üblichen Sanktionen vom Klassenbucheintrag bis zum Verweis usw. Man hat seitdem so einiges unternommen, damit Schule den Beschulten gerechter werden kann, nur die Jungs hat man dabei irgendwie vergessen. Dann kommt eins zum anderen, Frau Wichert (Sie bearbeitet das Ressort „Mode“) schreibt im letzten Absatz:

„Natürlich ist es eine himmelschreiende Ungerechtigkeit, dass das Angebot an Mädchenkleidern bei H&M viel größer ist als das für Jungsklamotten. Aber ich tröste mich: Das gesparte Geld kann ich ja später in Nachhilfe investieren.“

Zack! Der Kreis schließt sich: Nicht nur, dass Erziehende Jungs für schwieriger halten, sie denken auch, dass sie schlechtere Leistungen abliefern werden. Auch das ist inzwischen offenbar Konsens. Und auch an dieser Stelle wird nichts getan, um Jungs gezielter zu fördern. Warten wir noch ein paar Jahre, dann wird Allgemeingut werden, dass männliche Schüler weniger leisten, weil sie blöder sind als Mädchen. Auf genau dem Weg sind wir gerade.

Ich wünsche der Frau Wichert, dass ihre Söhne, wenn sie irgendwann mal zufällig die Urfassung des veröffentlichten Artikels auf dem alten Laptop ihrer Mutter finden, schon in einem Alter sind, das ihnen gestatten wird, ihre Mutter ein bisschen weniger zu hassen, als sie es eigentlich verdient hätte. Und allen Männern rufe ich hiermit zu: Lasst uns feste zusammenhalten und lasst uns endlich anfangen, uns zu wehren. Für uns ist es wahrscheinlich schon zu spät, aber nicht für unsere wunderbaren, sperrigen, nonkonformistischen, lauten, schrillen Söhne, Neffen und Enkel.

Note to self: Mindestens bis zum Wochenende. Besser bis zum Monatsende. Passt schon. Musik: The Flaming Lips, Joshua Radin, Hour Of Pennance, Annihilator, Fink.

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