Dem Carl seine Straße

Wirklich, ich will eigentlich gar nicht mehr über dieses Thema schreiben. Es tut mir nicht gut, es ist ein aussichtsloser Kampf gegen den Zeitgeist (mancher würde sagen gegen Windmühlen) und es führt zu nichts (es ist zu spät). Aber hin und wieder zeugt die political correctness Missgeburten, die in mir die blanke Wut aufsteigen lassen.

In Freiburg ist eine Straße nach Carl von Linné benannt. Wer ist das? Nun, Carl von Linné ist der Erfinder der binären wissenschaftlichen Nomenklatur der Tiere, Pflanzen, Pilze usw. Wenn wir beim Menschen von der Spezies Homo sapiens sprechen, dann verwenden wir diese Nomenklatur: Der wissenschaftliche Name einer Art setzt sich aus einer Gattungs- und einer Artbezeichnung zusammen. Von Linné war der erste große Systematiker in den Naturwissenschaften, seine Leistungen hinsichtlich der Einordnung der Lebewesen sind epochal und gar nicht hoch genug einzuschätzen. Ein großartiger Forscher, ein Universalgenie, das war Carl von Linné. Sein wichtigstes Werk, die Systema Naturae erschien 1735.

Nun hat sich in Freiburg eine Kommission zusammengesetzt, um zu überprüfen, ob die Carl-von-Linné-Straße (und weitere) ihren Namen behalten darf, oder nicht (Kategorie A) oder ob ein Zusatzschild unter dem Straßennamen anzubringen ist, das auf problematische Ansichten des Mannes hinweist (Kategorie B). Von Linné war ein Kind seiner Zeit, sein Männer- und Frauenbild (und seine Ansichten zu den menschlichen Rassen) waren falsch. Wir sind diesbezüglich weiter gekommen und das ist gut so.

In dieser Kommission hat nun das Mitglied Nina Degele, eine Soziologin und Genderforscherin sich dafür stark gemacht, dass von Linné in die Kategorie B einzuordnen ist: Seine Einteilung und Hierarchisierung der Pflanzen in männlich und weiblich sei im 18. Jahrhundert Versuch und Grundlage dafür gewesen, wie die Geschlechter von den Menschen im Alltag wahrgenommen wurden und werden – die Frau als dem Mann untergeordnete Kreatur. Diese Einteilung habe sich bis ins 20. Jahrhundert als vorherrschend behauptet – sie habe als selbstverständlich gegolten und sich in der Gesellschaft festgesetzt.

Umgekehrt wird ein Schuh draus: Von Linné verfasste seinen Geniestreich rund 100 Jahre bevor Charles Darwin „The Origin of the Species“ veröffentlichte. Er hatte genug damit zu tun, sich von religiösen Vorstellungen zu emanzipieren und ordnete beispielsweise den Menschen klipp und klar als dem Tierreich zugehörig ein. Das hatte seit Aristoteles‘ Historia animalium (4. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung) niemand mehr gewagt. Auch darin liegt von Linnés Brillanz. Die Stellung von Mann und Frau war für ihn nicht mal ein Nebenkriegsschauplatz, er folgte dabei den damals vorherrschenden Vorstellungen. Und dass die Frau Degele Carl von Linné für all das in Haftung nimmt, was zwischen Männern und Frauen seit dem späten 18. Jahrhundert schief gelaufen ist, das zeugt davon, dass Genderforschung sich um Evidenz nicht schert, methodisch unzureichend, argumentativ bizarr und bibliographisch unterirdisch ist.

Londa Schiebinger, eine Historikerin und Genderforscherin stößt ins gleiche Horn: Die Systematik von Linnés sei sexistisch. Zum Glück hat sie wenigstens nicht „übergriffig“ geschrieben (denn merke: Männer sind grundsätzlich übergriffig, es sei denn, sie gehorchen). Sagen wir es mal so: Carl von Linné war ein ausgezeichneter Beobachter und ein Meister der Deduktion. Er besaß das, was Genderforscherinnen grundsätzlich abgeht: Er suchte nach der Wahrheit und versuchte nicht ein krudes Dogma wissenschaftlich zu bemänteln.

Was hat Carl eigentlich Böses getan? Nun, er ordnete bestimmte anatomische Merkmale in Blütenpflanzen dem weiblichen und männlichen Geschlecht zu. Den Stempel bzw. die Narbe nannte er weiblich, die Staubfäden männlich. Von Linné erkannte aber beispielsweise nicht, dass es einhäusige, also zwittrige Pflanzen gibt, seine Zuordnung anatomischer Merkmale begründete er mit der morphologischen Ähnlichkeit zu den primären Geschlechtsorganen bei Säugetieren. Würde er seine Systema heute schreiben, sähe sie anders aus, denn Carl von Linné war ein blitzgescheiter, großartiger Mann. Was würde er wohl über so genannte Genderforscherinnen denken? Ich glaube es zu wissen.

Note to self: Einsatz, der sich lohnt. Musik: Selah Sue, Ion Dissonance, Nine Inch Nails, Nirvana.

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