Der Teufel ist ein Eichhörnchen

„Ich glaube nicht an Gott.“ Bis zu dieser Aussage war es ein langwieriger, von Auseinandersetzungen begleiteter, hoch emotionaler Prozess, den ich nicht noch einmal durchleben möchte. Einzelheiten dazu werde ich hier nicht kundtun. Mir geht es heute um was anderes. Atheisten und Agnostiker gelten als verbohrte bzw. verkopfte Menschen, denen es an Sinnlichkeit und Spiritualität mangelt. Mag sein. Klar, die Erkenntnis, dass wir Menschen in Wirklichkeit nichts als Genbehälter sind, deren körperliche Hüllen irgendwann in die nächste Stufe des globalen Kohlenstoffkreislaufs eintreten, nachdem sich die Seele im großen Nichts aufgelöst hat, dessen Dimension wir nicht ermessen können, birgt wenig Tröstliches in sich. „Was soll nur aus dir werden?“ fragt die gutkatholische, streng evangelische, traditionell muslimische oder jüdische Mutter ihren gottlosen Sohn und der kann nur achselzuckend „Sternenstaub“ antworten.

Doch wo es keinen Himmel gibt, kein Paradies, kein Hosianna und kein ewiges Frohlocken, existiert auch das Andere nicht: Kein Fegefeuer, keine immer währende Verdammnis, kein jüngstes Gericht, keine Engel der Apokalypse, die die erste bis siebte Trompete blasen. Und natürlich gibt es auch keinen Teufel. Eigentlich. Das bedeutet nämlich: Wenn wir dem Bösen, der Niedertracht, dem Hass in unserer kleinen Welt und in uns selbst begegnen, dann ist das ein DIY-Produkt, etwas Selbstgekochtes aus der Küche unserer eigenen Spezies. Mit Hanns-Dieter Hüsch könnte man vielleicht formulieren: Jeder hat sein Rezeptbuch der Scheußlichkeiten im Tornister. Schön ist das nicht.

Wenn man sagt, dass der Teufel ein Eichhörnchen sei, dann meint man damit, dass das Übel in der Regel in einer niedlichen Verkleidung der Harmlosigkeit daherkommt, vielleicht weil es sich sonst vor sich selbst fürchten müsste. So verbirgt sich Ausbeutung und Versklavung hinter knietiefen Teppichen, chromblitzenden Karossen und Cashmere-Pullis, Massenmord hinter Orden und soldatischer Ehre, Ausgrenzung und Kleingeistigkeit hinter nationalem Stolz. Und wir selbst schaffen es immer noch, uns jede unserer Gemeinheiten, jeden Hieb, den wir führen, nicht nur als Überlebensnotwendigkeit, sondern sogar als Ausprägung einer gewieften Strategie der Lebenskunst zu verkaufen. Danach kuscheln wir uns in unseren samtweichen Kokon ein, nippen an einem Glas Rotwein und blinzeln eichhörnchengleich in den Sonnenuntergang. Dazu hören wir „Disarm“ von den „Smashing Pumpkins“: „The killer in me is the killer in you, my love.“

Das Böse ist durch uns in der Welt, weil wir das so wollen. Und nehmen wir mal kurz an, es gäbe ihn doch, den großen Programmierer, der es anders hätte bestimmen können. Warum hätte er es nicht getan? Agent Smith kann es uns sagen:

„Have you ever stood and stared at it? Marveled at its beauty, its genius? Billions of people just living out their lives, oblivious. Did you know that the first Matrix was designed to be a perfect human world, where none suffered? Where everyone would be happy? It was a disaster. No one would accept the program. Entire crops were lost. Some believed we lacked the programming language to describe your perfect world. But I believe that, as a species, human beings define their reality through misery and suffering. The perfect world was a dream that your primitive cerebrum kept trying to wake up from.“

Note to self. Dickere Haut, Mann, wo ist sie hin? Musik: Blues Pils, Graveyard, The Ting Tings.

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  1. „Klar, die Erkenntnis, dass wir Menschen in Wirklichkeit nichts als Genbehälter sind, deren körperliche Hüllen irgendwann in die nächste Stufe des globalen Kohlenstoffkreislaufs eintreten, nachdem sich die Seele im großen Nichts aufgelöst hat, dessen Dimension wir nicht ermessen können, birgt wenig Tröstliches in sich.“
    Och, das ist doch auch eine Frage der Perspektive.

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