Keine Angst Frau Berg,

sie haben wahrscheinlich schlecht geschlafen oder so, und dann veröffentlicht man eben auch schon mal substanzlosen Schwachsinn. Ihre Ausführungen sind so oberflächlich, inhaltsleer und krude, dass es schwer fällt, sich damit sachlich auseinanderzusetzen, aber ich gebe mir Mühe, OK?

„Frauen und Homosexuelle werden zunehmend als Lebewesen wahrgenommen. Vielen Männern macht das Angst – sie versuchen, diese Entwicklung gewaltsam aufzuhalten.“

Natürlich darf man in einer Spiegelkolumne provozieren und zuspitzen, aber man sollte sich dabei nicht zum Brot machen Frau Berg. Sehen Sie, selbst die so oft ins Feld geführten „alten weißen Männer“, die einem seit Jahrzehnten überkommenen Rollenbild das Wort reden, sind auch und vor allem von Müttern erzogen worden. Sie können sich darauf verlassen, dass nicht nur die Mütter, sondern auch die Ehefrauen, Freundinnen und Liebschaften, Töchter und Enkelinnen stets und mit großer Intensität als Lebewesen wahrgenommen wurden. Übrigens: Wäre ich homosexuell, würde ich mir verbitten, von Ihnen vor den Karren Ihres neofeministischen Furors gespannt zu werden.

Von einer gewaltsamen maskulinen Kampagne gegen Frauen kann zumindest in den westlichen Demokratien keine Rede sein. Das wissen Sie auch ganz genau. Vielmehr ist es so, dass durch die konfrontative femifaschistische Diktion, die seit einigen Jahren so ungeheuer en vogue ist, sich inzwischen Männer und Frauen nurmehr als Teilnehmer eines brutalen Verteilungskampfes sehen, also letztlich zu einer vernünftigen, angemessenen Bewertung der spätkapitalistischen Verhältnisse kommen. Dabei reklamiert eine Seite stets die Opferrolle, die Rosinen, aber auch die Deutungshoheit für sich.

„Obwohl – würden Männer sich wirklich für Babys interessieren, blieben sie zu Hause und würden sie wickeln. Wären sie an Nachwuchs interessiert, würden männliche Politiker sicherstellen, dass Hebammen gut bezahlt würden, Krippen und Kindergärten flächendeckend angeboten und Alleinerziehende finanziell besser unterstützt werden.“ 

Sprechen Sie doch einfach mal mit einem Vater, der seit Jahren um ein wenigstens anteiliges Sorgerecht für seine Kinder kämpft. Sprechen Sie mal mit einem angehenden Erzieher, der als einziger im ansonsten weiblichen Kollegium eine Wickelerlaubnis braucht. Machen Sie sich klar, dass im Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen, Jugend seit 1968 siebzehn Frauen das Sagen hatten. Nehmen Sie zur Kenntnis, dass die Regelungen zur Elternzeit ein Erfolgsmodell sind und dass immer mehr Männer sich eine Reduzierung ihrer Arbeitszeit zugunsten der Familie wünschen, bzw. diese bereits vollzogen haben.

„Wenn eine Frau auf Gewalt aufmerksam macht, wenn sie fordert, beschreibt, anklagt, werden tausend Stimmen ihre Worte relativieren. Wenn sie zu laut ist, wird sie niedergebrüllt. Wenn sie zurückschreit, ist sie hysterisch. Wenn sie tot ist, herrscht endlich eine Ruhe.“

Was haben Sie geraucht Frau Berg? Kein anderes gesellschaftliches Thema wird, wenn wir den Komplex „Migration“ mal bitte für ein paar Minuten außen vor lassen, mit solcher Intensität und Verve diskutiert, wie die Gleichstellung von Frauen und Männern. Es gibt kaum einen Themenkreis (Kunst, Kultur, Justiz, Arbeit, Familie, Fortpflanzung, Ernährung, Umweltschutz, Medizin, Sprache), der nicht unter diesem Gesichtspunkt verhackstückt wird und der Gewaltbegriff im Sinne von Unterdrückung, Benachteiligung, Missbrauch, Fremdbestimmung ist doch zentraler Punkt feministischer Argumentationsketten. Da wird niemand niedergebrüllt, im Gegenteil hat die anti-männliche Selbstermächtigung inzwischen solch abstruse Ausmaße angenommen, dass beispielsweise der britische Verteidigungsminister zurücktreten muss, weil er vor 14 Jahren einer Frau die Hand aufs Knie gelegt hat.

Physische Gewalt gegen Frauen wird seit Jahrzehnten breit in der Öffentlichkeit thematisiert. In Deutschland existieren deshalb Beratungsstellen, Selbsthilfegruppen und  Dutzende von Frauenhäusern aber nur fünf Männerhäuser mit insgesamt etwa 15 Plätzen. Das ist deshalb so bemerkenswert weil wissenschaftliche Reviews der vorliegenden soziologischen Literatur zur häuslichen Gewalt zweifelsfrei nachweisen, dass Männer mindestens ebenso häufig Opfer wie Täter sind. Im Bereich der sexuellen Gewalt hat insofern eine Umorientierung stattgefunden, als es in vielen Ländern zu einer teils erheblichen Verschärfung der Strafen und zur Ausweitung von Straftatbeständen gekommen ist. Das führt im Extremfall dazu, dass etwa in Spruchkammern amerikanischer Universitäten der vermeintliche Täter seine Unschuld beweisen muss, mitunter ein geradezu kafkaeskes Unterfangen, und nicht die Kammer seine Schuld. Somit ist genau das eingetreten, was Alice Schwarzer damals in ihrer Begleitung des Kachelmann-Prozesses gefordert hat. Wenn ich darüber schreibe, so ist dies kein Whataboutism, sondern konstatiert, was Sie alles aufzugeben bereit sind, um Ihrer Sache dienlich zu sein.

Ach Frau Berg und zum letzten von Ihnen rausgerotzten und von mir zitierten Satz, der in seiner rabulistischen Erheischung wirklich beispiellos ist, ein Zitat von Andrea Dworkin:

„I’ve always wanted to see a man beaten to a shit bloody pulp with a high-heeled shoe stuffed up his mouth, sort of the pig with the apple.“
(Mercy, 1991)

„Der Krieg gegen die Demokratie ist immer ein Krieg gegen Frauen und Minderheiten. Aber nun kommt die gute Nachricht: Wir sind viele. Viele Männer und Frauen, die sich zur Wehr setzen. Die genug haben von Hass, Diskriminierung und den Zerstörungsversuchen aller humanistischen Errungenschaften der letzten Jahrzehnte.“

Warum machen Sie dann nicht dabei mit, sondern verraten die Sache, die sie angeblich betreiben? Ein vernünftiger Diskurs könnte unsere Unternehmnung nach vorne bringen, warum nehmen Sie nicht daran teil? Der Krieg gegen die Demokratie ist in erster Linie ein Kampf gegen die Kümmerer, die leidgeprüften Kompromiss-Sucher, die Hartgesottenen, die wissen, dass es nur in ganz kleinen Schritten vorwärts gehen kann. Wesentliches Kennzeichen des Humanismus ist die Entäußerung, das heißt in diesem Fall vor allem auch die Selbstbefreiung, die Abkehr von Zuschreibung und Etikettierung. Im Idealfall führt sie zu einer Position, die sich aus der Selbstwahrnehmung als Baustein eines unteilbaren Ganzen und eben nicht aus dem „wir gegen die“ speist.

Frau Berg, sie versagen auf ganzer Linie, auch wenn Sie eigentlich das Gute wollen. Das ist das Schicksal aller Moralapostel. Sie müssen auch die mitnehmen wollen, die widersprechen. Der bessere, einsichtige Mensch, von dem Sie träumen, existiert nicht. Und existierte er, würde er vielleicht ausgerechnet Ihre Einsichten nicht teilen. Machen Sie nicht alle, die nicht gehorchen wollen, zu Feinden.

Note to self: Lange schlafen können. Die Wünsche werden kleiner. Musik: Motorjesus, Pantera, Lily Allen, Orange Goblin.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.