Schändlicher Einfluss

Frühere Zeiten hatten Helden, Idole, meinethalben Ikonen. Das Spektrum war riesig. Hier Mutter Theresa, da John Rambo. Hier Steve Jobs, da Kermit der Frosch. Ob man sich der Rettung der Welt verschrieben hatte, oder der Überwindung des Kapitalismus, ob man Jesus von Nazareth für den heissesten Scheiß hielt, oder zumindest Che Guevara auf dem Hemdchen vor sich hertrug, es gab Ideen und Menschen, die sie verkörperten, die Zugehörigkeit vermittelten. Eine nicht geographische Heimat.

Ist das immer noch so, oder ist inzwischen etwas anderes bestimmend? OK, wir haben Greta Thunberg und Edward Snowden. Massenmobilisierung passiert immer noch, eben nicht nur auf der Strasse, sondern vor allem im weltweiten Netz. An gleicher Stelle findet aber nicht nur der Kampf um politische Ideen statt und die Erlassung von Vorschriften, wovor wir uns -verdammt noch mal- am meisten zu fürchten haben, sondern pausenlose Angriffe auf unser materielles Bedürfniszentrum.

Was macht man eigentlich als Influencer? Nun, man dringt in zumeist jugendliche Gehirne vor, die von klassischer Reklame und personalisierter Werbung ohnehin so zugekleistert sind, dass diese Methoden der Konsumversklavung nicht mehr wirklich wirksam werden können. In vielen Foren und Usenetgruppen, in denen ich unterwegs bin, besteht ein Gutteil der Beiträge aus der Rechtfertigung und öffentlichen Absicherung der eigenen Kaufentscheidungen. Und wenn Meinungsbildner aus der eigenen Peergroup die Wahl der neuen Mobilfunke vor aller Welt verdammen, löst das nicht selten eine Sinnkrise und einen Flamewar aus. Wie viel heftiger muss dieser Prozess in den sozialen Netzwerken sein? Wie viele Menschen posten routinemäßig ihre abgearbeiteten Amazon-Warenkörbe auf Facebook?

Influencer setzen in der Konsumwelt das fort, was in Politik und Gesellschaft schon lange Platz gegriffen hat: Blasenbildung, die Errichtung von Echokammern, die vermeintliche Überwindung der digitalen Einsamkeit. „Es geht dir nicht gut, du blickst nicht mehr durch? Komm, ich zeige dir, wie du dich da herauskaufen kannst. Du kannst mir ruhig glauben, sieh doch, wie glücklich ich bin.“

Den Anlass für diesen Beitrag lieferte dieser Artikel auf der Seite der Süddeutschen. Ich muss zugeben, dass die dort interviewte Person all das verkörpert, was ich hasse. Und die Selbstentkernung durch Veröffentlichung, die dort beschrieben wird, löst bei mir so alles mögliche aus, aber sicher kein Mitleid.

Note to self: Hinten links, gut fühlbar. Musik: Abnormality, Defeater, Bad Religion, Tommy Emmanuel.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.