Realitätsverlust

Die Süddeutsche bringt einen Live-Ticker von der HRE-Hauptversammlung, ich fasse es nicht. Noch fassungsloser bin ich angesichts der Irrationalität der dort versammelten Roulettespieler. Die schönsten und gleichzeitig furchtbarsten Begebenheiten in Auszügen und was ich mir dazu denke:

RL

Das ganze ist überschrieben mit „Die Anarchie der Aktionäre“. Hallo? Gehts noch dümmer? Von Anarchie kann ja wohl keine Rede sein, höchstens von der Dummheit schlechter Verlierer.

10:04 Uhr Endres geht gleich in die Verteidigung: Vorstand und Aufsichtsräte seien neu – und hätten darum nichts mit dem HRE-Debakel zu tun. Keiner habe sich in diesen Job gedrängt – man tue es für Deutschland. Und für das Bankgewerbe. Ja und natürlich für die eigene Brieftasche, die Oberzocker arbeiten schließlich nicht für Nüsschen, aber so werden Legenden gestrickt. Abscheulich!

10:20 Uhr Wieandt sagt, das Geschäftsmodell der HRE habe sich als „nicht krisenfest erwiesen“. Höhnisches Gelächter. Die Aktionäre rufen: „Schneeball-System“. Ja, so ähnlich. Man hätte übrigens beizeiten aus diesem System aussteigen können. OK, dann hätte man Verluste realisieren müssen, aber wie sagt der Zocker: Zahlen, fröhlich bleiben.

11:08 Uhr Die Aktionäre haben das Wort. Schon jetzt liegen mehr als 50 Wortmeldungen vor. „Es kann nicht sein, dass sich der Staat aufführt wie eine Heuschrecke – und es allen anderen vorwirft“, sagt ein Vertreter der Anleger. Eine Heuschrecke? Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Die Bank wird auf Kosten der Allgemeinheit gerettet und die muss sich dafür auch noch beschimpfen lassen. Vor meinem geistigen Auge erscheint erst ein Dreschflegel, dann ein Zuber mit siedendem Öl.

11:40 Uhr Kritik hagelt es am Staat. Nicht nur, weil er die Aktionäre enteignet, in dem er ihnen kein Bezugsrecht zubilligt. Auch weil er seine Aufsichtspflicht verletzt hat und nicht wusste, was in Irland bei der HRE-Tochter passierte. Steinbrück? „Der übt noch“. Aufsichtspflicht? Hat die nicht in erster Linie der Aufsichtsrat? Der Staat sollte sich doch raushalten aus dem Casino, damit die Anteilseigner besonders heftig absahnen konnten. Tja, ging schief.

11:43 Uhr Der Saal ist in Aufruhr. Einem Aktionärsvertreter wird der Ton abgedreht. Er hatte gezürnt: „Ihr stehlt mein Geld, jetzt stehle ich euch die Zeit.“ Wütende Kommentare der Zuhörer, die ihn unterstützen, „Lackaffe“ schreien andere, die die weiteren Redner hören möchten. Doch der Aktionärsvertreter macht unverdrossen weiter ohne Ton. Tumultartige Szenen. Bestohlen wurden übrigens vor allem die Bürger, deren Kohle nie für den Erwerb einer HRE-Aktie reichen würde, die zahlen jetzt nämlich für die Gier der Großkopferten mit jedem Teebeutel, den sie sich kaufen. Ob der Mann das realisiert hat?

12:05 Uhr „Sind wir Kriminelle, denen das Geld weggenommen wird? Wie einem Drogenhändler?“ Die Ruhe kehrt ins Plenum zurück, doch die Empörung bleibt. Die Aktionäre haben viel Geld verloren und wollen jetzt von der Rettung profitieren. Ah, jetzt kommen wir der Sache näher. So mancher der Anteilseigner ist nämlich schon längst im Flowers-Modus. Davon abgesehen: Die Aktien sollen beim Squeeze-Out zum aktuellen Kurs erworben werden, wem wird da welches Geld weggenommen? Dass man sich selbst mit einem Drogenhändler vergleicht zeigt aber, dass noch ein wenig Realitätssinn bei den Versammelten vorhanden ist.

12:46 Uhr Wie könne es sein, dass die HRE, die mehr ehemalige Zentralbanker im Aufsichtsrat gehabt habe als jedes andere Institut, dermaßen abstürzte, fragt sich ein Aktionär. Und: Warum kämen die früheren Vorstände ungeschoren davon, aber die Aktionäre nicht? „Zahlen sie zumindest die Aktionäre mit ihrem eingesetzten Kapital aus – als Abwrackprämie“, fordert einer. Genau: Genuss ohne Reue: Wenns läuft macht man sich die Taschen voll, wenns nicht läuft kriegt man sein Spielgeld wieder. Der Mann ist offensichtlich schwer betrunken oder auf Tranquies. Aber der erste Teil ist gut: Die Verantwortlichen zur Verantwortung ziehen, irgendwie naheliegend nicht? Wird aber nicht passieren. Die Masters of the Universe sitzen längst mit Schirmchengetränk am Strand und lachen sich scheckig. Oder sie klagen, wie Funke. It`s the turboeconomy, stupid!

13:31 Uhr Die Stimme eines Aktionärs überschlägt sich. Greift Vorstand und Aufsichtsrat direkt an. Wer bekommt von wem Geld? Bezahlt der Soffin die Gehälter? Endres antwortet spontan – das ist ungewöhnlich: Der Aufsichtsrat habe für das Jahr 2008 kein Geld bekommen. Gelächter. Er (Der Aktionär) fordert erneut die Presse und will den Aufsichtsrat wegen Besorgnis der Befangenheit per Abstimmung ablehnen lassen. Das Publikum steigt voll ein. Plötzlich fordern alle: „Abstimmung“. Einer aus dem Publikum tritt vors Podium und lamentiert. Pfiffe. Viele heben spontan die Hände und plädieren so für die Abstimmung. Bringt nichts. So eine kleine Verschwörungstheorie geht einem leicht von der Hand, wenn der Verlust nur hoch genug ist, nicht wahr? Klar, der Soffin hat den Vorstand gekauft. Junge, Du solltest was anderes rauchen. Aber die Idee mit dem Aufsichtsrat geht schon mal in die richtige Richtung, nur die Begründung und die Addressierung ist falsch: Nicht Befangenheit sondern völlige Unfähigkeit lag vor und zwar beim alten Aufsichtsrat, wie in so vielen Aufsichtsräten. So lange man verdient ist das doch allen egal, elender Naivling.

Ich steige aus und rekapituliere: Raubtierkapitalismus ist nix für Mimosen. Wer in Aktien mehr als Spielgeld anlegt, der muss mit schmerzlichen Verlusten rechnen. Und was ist zu fordern? Verstaatlich die Banken und zwar alle, weltweit! Jetzt sofort!

Note to self: Nix gehört. Wundert mich nicht. Musik: Napalm Death.

Eine Antwort auf „Realitätsverlust“

  1. mein lieber mann, ein fleißkärtchen krisste für eine zu bewundernde arbeit. chapeau. nein, und keine ironie, dieses mal nicht. deine rekapitulation sagt alles und fasst zusammen, was auch denen klar sein sollte, die jetzt wimmern und maulen; und es gibt nur wenige, die wirklich so dumm sind zu glauben, dass aktien eine klassische und vor allem sichere geldanlage sein könnten. mein kommentar: selbst schuld. ich kann mich noch gut an die häme in den augen derer erinnern, die mir sagten, dass aktienfonds sicher seien und dass man, wenn man nur ein wenig die wirtschaftsnachrichten und die kurse verfolge, eine hochrentable anlage hätte, und die nicht verstanden, dass ich mich nicht anschließen wollte. nein, ich wollte nicht. ich verfolge auch nicht die zuchtnachrichten und wette bei pferderennen. aktien als anteilscheine, die es dem anteilgeber ermöglichten, abseits der banken bargeld für investitionen zu generieren, und dem anleger wegen der inkaufnahme der gefahr eines totalverlusts eine höhere als bankübliche verzinsung brächten, wären ja noch tolerierbar. aber jeder schritt weiter, insbesondere die sich völlig auf glücksspielniveau befindlichen wetten auf kursverläufe oder die möglichkeit, mittels leerkäufen geld machen zu können (siehe die glücksritter von john landis), ist nur noch von der unersättlichen gier der menschen nach dem schnöden mammon geprägt. und jetzt, wo sie sich reihenweise auf die schnauze gelegt haben, heulen sie. selbst schuld. es hat sie ja keiner gezwungen, ihr geld in etwas anderes als bundesschatzbriefe anzulegen oder zur sparkasse zu tragen. schwerwiegender finde ich, dass derzeit im handeln der staatlichen akteure außer wahlkampf keine linie mehr erkennbar ist: opel wird gerettet, arcandor (wohl) nicht. warum eigentlich? und warum erinnert sich niemand daran, dass dieselben a****gesichter, die noch vor kurzem dem staat geraten haben, sich bitte aus ihren angelegenheiten herauszuhalten, ihn nun anflehen, ihre pfründe zu retten (und ein paar arbeitsplätze, natürlich)? und das wichtigste: warum tippe ich mir einen wolf für einen viel zu langen kommentar unter deinen artikel, anstatt den ball aufzunehmen für eine replik oder weiterführung auf meinem eigenen blogg? fragen über fragen gepaart mit mangelnder intelligenz, befürchte ich – ich wäre im spiel der marktliberalen kräfte heillos verloren. 😉

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