Fridays vor Ort

Als ich gestern am Hauptbahnhof ein paar Unentbehrlichkeiten einkaufte (immer diese religiösen Feiertage!) kamen die ersten Protestler per Sonderzug an: Heute ist Großdemo der FFF in meiner Heimatstadt. Durch die geöffnete Balkontür dringen Sprechchöre und Polizeisirenen. Man hat Glück: bestes Wetter, ein lauer Wind, mit 20.000 Teilnehmern rechnen die Ordnungskräfte.

Ja die Klimapolitik, was für ein schwieriges Thema. Vor zwei Wochen saß unser kleines Grüppchen vor der Stammkneipe zusammen und es ging genau darum. Aus psychologischer Sicht habe ich diese Situation als gegenseitiges Belauern empfunden, gesagt wurde viel Allgemeines, aber was wurde gedacht? Vielleicht so etwas:

A: „Zwar bin ich dieses Jahr schon zweimal in Urlaub geflogen, aber ich esse kein Fleisch und habe kein Auto. Alles gut!“

B: „Zwar fahre ich jede Woche an die 500Km mit meinem alten Diesel, aber Urlaub mache ich im Harz oder in Bayern. Alles gut!“

C: „Zwar esse ich jeden Tag Fleisch und mein privates Netzwerk verbraucht massig Strom, aber ich fahre mit dem Bus zur Arbeit und geflogen bin ich seit Jahren nicht. Alles gut!“

D: “ Zwar fliege ich nächsten Monat nach Neuseeland, aber ich habe keine Kinder. Alles gut!“

Man muss wirklich aufpassen, denn der eigene vorgebliche Verzicht hat stets etwas Wohlfeiles. Ich mache das immer am „Fisch-Beispiel“ fest. Ich hasse Fisch und alles, was aus dem Wasser kommt. Ich mag das einfach nicht essen. Wenn ich mich nun angesichts der globalen Überfischungsproblematik lautstark gegen die kommerzielle Fischerei einsetze und deren sofortiges Ende fordere, dann habe ich möglicherweise recht, aber ich habe es eben auch sehr leicht.

Ohne jetzt die Gründe im Detail zu erläutern: Ich bin dafür, dass wir in Europa eine Klimapolitik machen, die weniger auf die persönliche Freiheit Rücksicht nimmt, als das zurzeit der Fall ist. Es muss gewaltigen Druck von Oben geben, denn sonst werden wir Einschränkungen unseres dekadenten Lebenswandels nicht hinkriegen, dafür genießen wir ihn einfach zu sehr. Wie kann man das halbwegs gerecht und transparent hinkriegen?

Ich befürworte ein personenbezogenes CO2-Kontingent. Was man damit anfängt, muss jedem selbst überlassen bleiben. Wird dieses Kontingent überschritten, muss das sehr teuer sein. Alle werden sich gleichermaßen übervorteilt fühlen, so viel ist klar. Aber alle werden sich, nicht aus Einsicht, die ist uns nicht ausreichend gegeben, sondern aus wirtschaftlichen Gründen in ihr Schicksal fügen müssen. Und was ist mit denen, die die Strafe kaltlächelnd bezahlen, weil sie ihnen nicht wehtut? Nun, wir müssen dafür sorgen, dass es von denen möglichst wenige gibt. Ja, das ist mein Ernst.

Note to self: Schnappatmung. Bitter. Musik: Gaahls WYRD, The National, Baroness, Dreadnought.

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