Tisch und Hölle grün

Nach den Ergebnissen des Top30-Qualifyings war die Sache für mich klar: Ein AMG GT3 oder ein Porsche 911 würde die diesjährige Ausgabe des 24-Stunden-Rennens auf dem Nürburgring gewinnen. Die BMW M6 konnte man nicht richtig einschätzen, da sie nach der Qualifikation noch mal 10kg ausladen durften. Und Audi? Naja, ein R8 schaffte es in die dritte Startreihe, aber im bisherigen Verlauf der GT-Saison (Masters, Blancpain, Bathurst) fuhr die neue Ausbaustufe, der R8 LMS Evo 2019 meistens auf den hinteren Rängen. Ingolstadt trat mit drei werksunterstützten Teams an: Land, Phönix und Car Collection. Und eben mit einer Riege erfahrener Werksfahrer: Stippler, Mies, Haase, Rast, dazu ein paar Rookies mit van der Linde und Vanthoor. Gute Leute, aber die Piloten der anderen Marken waren ganz bestimmt auch keine Nasenbohrer.

Der Start und die frühe Phase des Rennens verliefen einigermaßen zivilisiert und so wie von mir vermutet: Ein AMG von Black Falcon setzte sich ab und keiner konnte seine Pace mitgehen. Weitere Mercedes und einige Porsche hingen dahinter, die ersten Audi rangierten so ab Position 7, 8. Gut zurecht kam die Scuderia Glickenhaus mit ihrem SGC003. Im frühen Abend ging es dann los: Einige Defekte und sehr heftige Kollisionen schüttelten das Feld durch. Ein Ferrari 488 brannte auf der Grandprix-Strecke ab, der Manta geriet in ein BMW/Mercedes Sandwich, einige Fahrzeuge der kleineren Klassen erlitten Motorschäden aber vor allem erwischte es BMW: Die beiden ROWE fielen kurz hintereinander aus, der Schnitzer-BMW wurde bei einem heftigen Einschlag völlig zerstört. Inzwischen hatte der Grello-Porsche von Mantey die Spitze fest im Blick und übernahm sie dann auch. Dann fuhr auf der Döttinger Höhe ein Cayman fast ungebremst auf einen Nissan GTR auf. Ich habe selten einen heftigeren Rennunfall gesehen.

Die Nacht erbrachte keine Vorentscheidung: Der lange führende Mercedes zerstörte seine Lenkung durch eigenes Verschulden in Kurve 1 und war damit raus. Der Manta bekam zwei neue Achsen (einfach klasse) und beim Girls-only-Team mit ihrem Golf-GTI von Giti Tyres bauten ungefähr 10 Mechanikerinnen einen komplett neuen Motor in ihr Fahrzeug ein (sie brauchten die ganze Nacht dafür, aber dann fuhren sie raus: Spitze!). Und die Audi kletterten still und leise die Rangfolge hoch: Kein Defekt, kein Plattfuß, kein schwerer Fahrfehler.

Nach ein paar Stunden Schlaf ergab sich für den Zuschauer mit seinem Morgenkaffee folgendes Bild: Vorne der Grello, dann die gelbe Mamba von AMG, gefolgt vom Frikadelli-Porsche. Diese Autos waren relativ dicht zusammen. Außerdem in den Top10 weitere Mercedes, drei Audi, der SCG003 und der zweite Nissan. Um die Mittagszeit überschlugen sich die Ereignisse: Die flotte Frikadelle hatte Reifenschaden und zerstörte beim Weg in die Box ihre Elektronik und Hydraulik. Die MAN-Filter-Mamba flog nach Aufhängungsbruch ab und kam nicht mehr zurück und der Grello wurde mit 172 Stundenkilometern einer Gefahrenzone gemessen und erhielt eine Zeitstrafe von 5:32 Minuten.

Damit waren die drei Führenden im Grunde aus dem Rennen. Der Black-Falcon AMG von Auto-Arena lag jetzt sehr aussichtsreich. Aber Rene Rast im Land-Audi saß ihm im Nacken. Als Rast kurz vor der Antoniusbuche zum Überholen aus dem Windschatten ansetzte, machte der Mercedes-Pilot nach links dicht und zwang den Audi mit Tempo 300 ins Gras. Ein unfassbares Manöver, bei dem sich der Mercedes allerdings das Heck beschädigte und in die Box musste. Plötzlich schien ein Audi-Doppelsieg möglich, auch wenn er durch die Entscheidung der Kommissare gegen Porsche am grünen Tisch erst in Reichweite kam: Land lag vor Phönix, kurz dahinter fuhr Car Collection.

Der Rest ist schnell erzählt: Der Land-Audi mit van der Linde am Steuer hatte einen Plattfuß rechts hinten und zwar im ersten Drittel der Nordschleife. Er schaffte es nicht mal zurück in die Box, das Heck löste sich komplett auf. Phönix lag eine knappe Minute vor dem Zeitstrafen-Porsche, die anderen Teams lagen zu weit zurück, um noch um den Sieg mitzufahren. Dries Vanthoor rettete mehr als 30 Sekunden über die Zeit und der R8 gewann die 47. Auflage des zweitbesten Rennens der Welt vor Porsche und Mercedes. Glückwunsch ans Team Phönix! Heute ist ein schöner Tag.

Foto: Stefan Baldauf / Guido ten Brink

Note to self: Nur eine Woche. Musik: keine, Glotze.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.