Chefchaouen

Mal endlich wieder was schreiben. Ah, ja. Anlass ist dieser Artikel im Spiegel. Manchmal tut es gut, sich an Gutes zu erinnern:

Im Überlandbus von Tetouan kamen wir an. In eben jenem Bus, in dem ein Mitglied unserer kleinen Reisegruppe eine Bekanntschaft vom letzten Marokko-Urlaub wiedergetroffen hatte: Osman. Ein etwas verschlagen wirkender Mann um die 30, eben aus diesem kleinen Ort im Rif stämmig und dortselbst bekannt wie ein bunter Hund. Ein Kümmerer, der sofort den Transport zum Campingplatz organisierte, der malerisch in einem kleinen Zedernhain auf dem Hügel über der Stadt lag.

Wir waren zu viert, hatten gerade erst Abi gemacht und wussten noch nicht viel vom Leben. Vier Landeier, das trifft es ganz gut. Durch Frankreich, Spanien mit dem Zug, dann übers Mittelmeer nach Tanger und dann waren wir in Afrika. Um die Hektik der Küste hinter uns zu lassen, nahmen wir sofort den Bus ins Gebirge. Ein bisschen weg von den Arabern hin zu den Kabylen. Es hieß, man würde dort nicht versuchen, uns Teppiche zu verkaufen. Das war uns recht. Dass Chefchaouen überdies ein Sehnsuchtsort europäischer Hippies war, kam uns gut zu pass. Wir waren Hippies, zumindest wollten wir welche sein.

Als wir an der Rezeption des „Camping municipal“, einer Bretterbude mit improvisiertem Vorzeit, anlangten, begann es gerade zu dämmern. Laute Musik aus den 70ern quäkte aus irgendwelchen Lautsprechern. Ein junger Bursche regelte den Checkin: Er musterte uns, fragte dann nach unseren Reisepässen und begann die vorgeschriebenen Formulare auszufüllen. In eben jenen Formularen musste jeweils eingetragen werden, woher man kam und wohin man weiter zu reisen gedachte. Ohne zu zögern und ohne eine Miene zu verziehen trug er in beiden Rubriken jeweils „Fès“ ein. Wir mussten grinsen, machten es aber später im Verlauf der Reise meistens genau so. „Fès“ war einfach kurz und schnell hingeschrieben. Das passte schon. Und noch während er mit dem Papierkram beschäftigt war, bröselte er und baute und rauchte an und reichte rüber. Ebenfalls ohne jede Regung. Zwei Minuten später saßen wir schon mit dem beeindruckenden Gerät um einen wackeligen Tisch beim Tee und sahen der Sonne dabei zu, wie sie rot wie nie im Dunst des Abends hinter den Bergen verschwand. Wie einfach und schön das Leben sein konnte!

Noch ein bisschen später saß ich mit Steffi im letzten Licht auf dem Bordstein am Straßenrand. Eine alte Frau schlurfte mit ein paar Enkeln, Enkelinnen und einem Esel den Berg hinauf. Sie kam auf uns zu, sagte etwas, von dem ich bis heute nicht weiß, ob es arabisch oder das alte Spanisch der Rif war und schenkte jedem von uns eine Hand voll Nüsse. Und bei all der Paranoia, die wir dann ein paar Tage später schoben, als es hieß, dass Osman uns suche und sich herausstellte, dass er ein Mann von zweifelhaftem Ruf war und wir das Städtchen verstohlen verließen: Genau diesen Abend, das Licht, das Singen der Zikaden, die Leichtigkeit und das sich aufgehoben Fühlen in der Fremde werde ich immer von Chefchaouen übrig behalten.

Lese ich den oben verlinkten Artikel, scheint von dem Zauber von damals nicht mehr viel übrig zu sein. Chinesen, die gruppenweise für Instagram fotografieren? Wie weit muss man denn inzwischen fahren, um irgendwas halbwegs Unverbrauchtes zu finden? Und sind nicht die Individualreisenden mit ihren Rucksäcken die ersten, die ihre sozialen Profile mit Fotos von den letzten einsamen Ecken füttern und damit den Wahnsinn starten? Wenn wir heute noch mal losliefen, von dieser Passhöhe oberhalb von Teloulet, wie wir es damals auf der zweiten Marokko-Tour taten, durch den Atlas, bis unsere Füße von Blasen übersät, die Lippen vor Trockenheit aufgesprungen, die Wasserflaschen schon lange leer waren und wir in einem kleinen Berberdorf mitten im Nichts aufgenommen und gerettet wurden, würden dann auch Gruppen von kichernden Chinesen mit ihren Mobilfunken den Weg säumen? Weh uns!

Note to self: Zum Notar und weiter Schritt für Schritt. Musik: Nile, Sophie Hunger, Alcest, Refused, Mayhem.

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