2019-nCoV

Na denn Prost!

Vielleicht ist es ganz gut, dass wir nicht wirklich wahrnehmen, wie dünn das Eis ist auf dem inzwischen 7 Milliarden von uns tagtäglich herumlaufen. Sonst bliebe uns möglicherweise nur die angstvolle Erstarrung, fortwährende Weltuntergangsparty oder die Hinwendung zum Religiösen übrig. Das kann ja keiner wollen. Wenn in populärwissenschaftlichen Fernsehsendungen Szenarien für den Untergang der Menschheit vorgestellt und deren Eintrittswahrscheinlichkeiten angegeben werden, so mag uns ein Schauer den Rücken hinunterlaufen, wirklich beeindruckt sind wir nicht. Der Ausbruch eines Supervulkans, der Einschlag eines größeren Meteoriten, der thermonukleare Weltkrieg oder eben ein neuer höchstpathogener Erreger – geschenkt. Sportschau fängt gleich an, wir schalten um.

Kann man derzeit seriös abschätzen wie gefährlich das neue fiese Eiweißhäufchen aus China wirklich ist? Immerhin gibt es einige bemerkenswerte epidemiologische Kenndaten: Die Übertragung von Mensch zu Mensch per Tröpfcheninfektion ist mit Abstand der gefährlichste Übertragungsweg, in Verbindung mit der langen Inkubationszeit vor dem Auftreten erster Symptome resultiert ein enorm hohes Ansteckungsrisiko. Das Ansteigen der Fallzahlen unter Berücksichtigung von milden Krankheitsverläufen und der daher zu vermutenden Dunkelziffer kann folglich nicht überraschen. Die Letalität (ca. 4/100) liegt deutlich höher als bei der berühmten Spanischen Grippe, die eigentlich eine US-Amerikanische Grippe war (ca. 2,5/100).

Die Bekämpfung der Krankheit durch die chinesischen Behörden war und ist amateurhaft. Allerdings muss man berücksichtigen, dass die Volksrepublik bezüglich des Gesundheitswesens immer noch ein Entwicklungsland ist: Auf 1000 Einwohner kommen ganze 5 Krankenhausbetten. Die Versorgung auf dem Land existiert praktisch nicht. Mögen uns die jetzt eingeleiteten Maßnahmen, wie die Abschottung von Städten mit insgesamt mehr als 50 Mio Menschen drastisch erscheinen, sie sind unzureichend und sie kamen zu spät. Und ob die verfügbaren Informationen tatsächlich die Wahrheit über die Verhältnisse in den am stärksten betroffenen Gebieten wiedergeben, darf bezweifelt werden. Allerdings sollte man sich nicht einbilden, dass ein Ausbruch in Europa wirksamer hätte bekämpft werden können. In diesem Zusammenhang: Die Entscheidung der WHO, bis heute keinen Internationalen Gesundheitsnotstand auszurufen, ist eine Katastrophe.

2019-nCoV wird die Menschheit nicht ausrotten. Aber sein Ausbruch könnte sehr leicht die Auswirkungen von SARS übertreffen, das als Pandemie eingestuft wird. Spätestens wenn in den benachbarten asiatischen Ländern die Fallzahlen chinesische Ausmaße annehmen, wird in den Medien bohrend gefragt werden, warum man die Reisefreiheit nicht beizeiten vorübergehend außer Kraft gesetzt hat. Und die Sportschau wird dann kaum noch einer gucken, wir werden Wichtigeres zu tun haben.

Note to self: Netter sein! Musik: Stray From the Path, Mando Diao, Razorlight, Tri Continental.

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