Billie the Kid

Popmusik, tja. Ich kenne mich nicht mehr wirklich damit aus. Wenn ich tatsächlich mal in die Verlegenheit komme, länger einen Top-40-Radiosender hören zu müssen, kenne ich in der Regel keinen einzigen Interpreten. Trotzdem bekommt man natürlich mit, was in der Musikabteilung populärer Internetpublikationen geschrieben wird und damit auch den kometenhaften Aufstieg von Billie Eilish, die bei der Grammy-Verleihung kürzlich die vier wichtigsten Preise abräumte (Bestes Album, beste Single, bester Song und bester Newcomer), dazu den Preis für das beste Pop-Album. Ihr Bruder gewann zwei Preise als bester Produzent des Jahres und für die beste Produktion des Jahres. Das Album, um das es hier geht ist Eilishs erster Longplayer: When We All Fall Asleep, Where Do We Go? Zu diesem Werk später mehr.

Pop-Interpreten beziehen ihren Glanz und Erfolg immer nur zum Teil aus ihrem musikalischen Leistungsvermögen, so viel ist klar. Es wird ein Gesamtpaket verkauft. Ich will gerne zugeben, dass Billie Eilish ein ganz anderes und erfrischend neues Paket anbietet als etablierte Cash-Cows der Branche wie Beyoncé, Rihanna oder Pink, Britney Spears und Shakira vor ein paar Jahren. Eilish verkauft keine Sexyness, kann nicht tanzen und war angesichts ihres jugendlichen Alters auch noch nicht beim plastischen Chirurgen (würde wohl auch nicht hingehen). Sie ist ein Freak, das ist ihr Konzept: Schlabber-Look, Tourette-Syndrom, Depressionen, Veganismus, nie auf einer öffentlichen Schule gewesen, eine Vogelspinne als Haustier. Man soll nicht „über einen anderen Krieger urteilen, bevor man nicht drei Monde lang in seinen Mokassins gegangen ist“, aber ganz ehrlich: Mich wundert überhaupt nicht, dass obige Mischung derzeit so tierisch gut ankommt. Lassen wir es dabei. Zur Musik:

Seit ein paar Wochen befindet sich Billies Album nun auf meinem iPhone in der Alltagsplaylist und ich darf wirklich schreiben, dass ich versucht habe, mir dieses Elaborat schön zu hören. Tut mir leid, es will mir nicht gelingen. Minimalistische Arrangements? OK warum nicht, kennt man aber schon. Verfremdete Gesangsspuren mit und ohne Autotune? Kann man mal machen, nutzt sich aber schnell ab. Anspruchsvolle Akkordfolgen, witzige rhythmische Ideen, irgendwas halbwegs originelles? Fehlanzeige. Es gibt auf diesem Album wirklich kein einziges überdurchschnittliches Stück, will sagen, eines das aus dem sonstigen poppigen Gedudel wirklich herausragt. So viel zu Komposition und Arrangement.

Frau Eilishs Gesangsstimme ist allenfalls Durchschnitt, eher knapp darunter. Das ist keine Geschmacksfrage, man kann dieses Urteil an objektiven Parametern wie Stimmumfang, Phrasierungs- und Intonationsvermögen festmachen. Es gibt keine Disziplin in der Billies Stimme das Niveau oben genannter Genregrößen auch nur annähernd erreicht.

Zur Produktion: Das Album soll ein geschwisterliches Werk sein, das in Billies Schlafzimmer entstanden ist. Wer das glaubt, der glaubt auch, dass Zitronenfalter Zitronen falten und hat in seinem ganzen Leben noch nie ein gut bestücktes ProTools-Rack gesehen. Ich würde wirklich gerne mal den Rohmix vor dem Mastering hören. Um es ganz klar zu sagen: In der Gesamtschau habe ich bei diesem Album einfach Probleme mit der Schöpfungshöhe. Es ist nicht schlimm, das so etwas auf den Markt kommt, extrem populär ist und sich wahnsinnig gut verkauft. Ich bin da neidfrei und gönne Frau Eilish ihren Erfolg. Nur bin ich davon überzeugt, dass es im letzten Jahr zig Alben gegeben hat, die in jeder Hinsicht besser waren. Egal, der Hype ist in der Welt und nicht mehr zu stoppen: Billie Eilish singt den neuen Bond-Song:

Tja.

Note to self: Wir kriegen den Kasten leer, alles wird gut. Musik: Billie Eilish.

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