Tod Am Nachmittag

Es ist schon ein paar Jahre her, da las ich so ungefähr alles, was man von Hemingway bekommen konnte (OK: Ich war jünger, naiver, glaubte an die romantische Liebe, die internationalen Brigaden und die gerechte Sache), irgendwann dann auch den in der Beitragsüberschrift genannten Essay über den Stierkampf. Nun soll in diesem Artikel nicht das rituelle Abstechen männlicher Paarhufer besprochen werden, sondern ein ganz anderes, ebenso archaisches Tun, dessen olfaktorische Nebenprodukte seit einer guten halben Stunde durch meine geöffnete Balkontür wabern, nämlich die Zubereitung von Fleisch auf einem Rost über Holzkohle, vulgo: Grillen.

Ich werde nicht der Versuchung erliegen, einen weiteren Grillartikel zu schreiben, der vor geschlechtsspezifischen Stereotypen und Marinade-Rezepten strotzt, werde keine Amoröllchen aufwärmen, bei welchen Gelegenheiten die Würste unter Sonnenschirmen bei strömendem Regen gegart werden mussten, oder warum Handauflegen auf den Rost zum Zwecke der Temperaturfeststellung eine schmerzhafte Angelegenheit sein kann (O Obersee, o Obersee, wie kühl sind deine Wasser). Ich will nur ganz kurz anreißen, dass die Geschichte des Grillens eine Geschichte des Scheiterns ist. Wir kennen doch alle die furchtbaren Bilder: Da soll die Glut angeheizt werden, stattdessen wird die Asche aufs Nackensteak geblasen, da lässt das aus der extra leckeren Wurst austretende Fett die ganze Chose in Flammen aufgehen, da schaffen es Leute immer wieder, das Kotelett außen verbrannt und innen roh hinzukriegen, von den Verletzungen nach dem leichtsinnigen Einsatz flüssiger Brandbeschleuniger ganz zu schweigen.

Also, warum dann ein Beitrag übers Grillen? Ganz einfach: Wenn Herr Lauterbach sich schon realsatirisch äußert, dann kann und will ich nicht schweigen. Bei der Lektüre des verlinkten SPON-Artikels musste ich mich ein paar mal kneifen. Hatte Lauterbach, der ewig fliegentragende Gesundheitsexperte mit dem hartnäckigen Rheinischen Akzent, vor der Befragung durch den Redakteur ein paar besonders bunte Gratisproben der Pharmaindustrie verkostet? Es scheint so, denn wir lesen: „Ich habe große Achtung vor dem deutschen Kampfgriller, er ist mir sympathisch. Ich will nur, dass er länger lebt.“ Soso, und weiter: „Die SPD ist und bleibt die Partei der Griller! Ich will meinen Beitrag leisten, um die sozialdemokratische Grillkunst zu optimieren.“ Dazu gibt Karl der Kernige dann auch direkt praktische Tipps: „Man sollte das Fleisch vorkochen oder vorher in die Mikrowelle stecken, das reduziert die Grillzeit.“ Das Ergebnis dürfte eine staubtrockene Schuhsohle sein, die nach Packpapier schmeckt. „Gut ist auch Gemüse zum Grillen. Zwiebel, Paprika oder Broccoli neutralisieren die Giftstoffe.“ Karlchen, hier gehts um Fleisch! Fleisch! Vegetarier und Mischkostler sind die Totengräber einer jeden Grillparty. Und schließlich wollen wir nicht vergessen, dass erst die Umstellung unser behaarteren Vorfahren auf tierisches Eiweiß und Fett die Weiterentwicklung unseres Gehirns und damit die Weltherrschaft ermöglichte.

Ay Caramba, die Genussfeindlichkeit unser Entscheidungs- und Bedenkenträger macht mich fertig, allein die böse Saat geht bereits auf: Alle, die ihr Grillgut in quadratmetergroße Stücke von Alufolie einwickeln, sollen endlich zur Besinnung kommen. Alle, die mit peinlicher Sorgfalt die knusprigen Verkohlungen vom Steak kratzen, sollen vor die Hunde gehen. Alle, die die leckere Schwarte vom Bauchfleisch trennen, auf dass sich unappetitliche Überreste im Salatsoßensumpf anhäufen, können mir gestohlen bleiben.

Seht es endlich ein: Es gibt zum Glück immer noch einen Haufen Gleichgesinnter, die lieber am späten Nachmittag nach ausgiebigem Genießen dahinscheiden wollen, als kurz vor Mitternacht den (Kräuter-) Teelöffel abzugeben, nachdem man samt weichester Birne jahrelang umgelagert, aufs Töpfchen gesetzt, gewindelt und gewaschen wurde. Auch wenn der Kampfstier im Grunde immer spektakulär verliert, so besitzt er in jenem unerbittlichen Moment der Gnade, in dem der Matador zum Degen greift, das Johlen der blutgeilen Massen zu einem Murmeln wird und der Staub sich zu setzen beginnt doch eines ganz bestimmt: Würde.

Note to self: Du musst einen Plan haben, denn wenn Du keinen Plan hast, wirst Du zum Teil des Plans eines Anderen. Musik: Kayo Dot, Genghis Tron, Psyopus, Refused.

2 Antworten auf „Tod Am Nachmittag“

  1. Grillen ist prima, aber nur, wenn man es selber tut.
    Sitzt man des Nachmittags oder Frühabends auf der Terrasse (wahlweise Balkon, geöffnetes Fenster, Bank vor dem Hause, …) und wird aus sämtlichen nachbarschaftlichen Himmelsrichtungen mit Rauch- und Duft(?)schwaden eingedeckt, ist Grillen ein eher aggressionsfördernder Zeitvertreib.

  2. Als enorm aggressionsfördernd erweist sich übrigens auch die (tunlichst benzin-) motorbetriebene Rasenkantenschneidemaschine, auch „Motorsense“ genannt. (Natürlich nur die des Nachbarn, wie das eben so ist. Die eigene – so man denn eine hat und nicht auf Knien die Heckenschere zum Einsatz bringt – ist ja gar nicht so laut.) Vorzugsweise im Spätnachmittagsbereich eingesetzt, ruft sie nach etwa einer halben Stunde Dauerbetrieb den schier unbezwingbaren Drang zum lauten Fluchen oder gar Brüllen hervor. Nach einer Stunde den zum Vicinizid – oder Suizid.

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