Global, regional, drissejal?

Ich nehme die Diskussionen über die Feinheiten der deutschen Hochsprache zum Artikel „Blind summits and hidden dips“ und diesen Artikel aus dem SPON, der sich mit den Schwierigkeiten eines saarländischstämmigen Pädagogen in Niederbayern beschäftigt (erhellend sind übrigens auch die Foren-Beiträge auf SPON dazu), zum Anlass, mich über den Zusammenhang zwischen Herkunft, Identität und Sprache zu äußern. Könnte etwas länger werden.

Als geborener Westzipfler bin ich damit groß geworden, dass kaum 4 km vom Heimatdorf entfernt, in „Lettebüsch“ (also Lichtenbusch), Menschen wohnten, die zwar auch rheinisches Platt sprachen, aber Belgier waren und überhaupt keine Deutschen sein wollten. Bei uns in der Grundschule sprach keiner Platt, der Ortsteil bestand im wesentlichen aus einer Werkssiedlung, aber selbst die Gastarbeiterkinder (ja, die hießen damals so) sprachen passables Deutsch. Mit dem oecher Platt kam man natürlich in Berührung, aber es wurde bei uns zu Hause nicht gesprochen, da es für meine ostpreussischen bzw. pommerischen Eltern eine Zweitsprache war, die sie nach der Vertreibung lernen mussten, um den schlimmsten Anfeindungen durch die Eingeborenen zu entgehen.

In meiner Jugend fühlte ich mich nicht als Deutscher, das war unchic, auch nicht als Rheinländer, sondern als Europäer, das war chic. Wie sollte man sich auch als Bewohner eines Landes fühlen, das nur halb da war und besetzt und sich als potentielles Schlachtfeld eines Weltkriegs zwischen zwei Machtblöcken präsentierte.

Als mir später dann eine schnuckelige Wohnung im benachbarten Vaals angeboten wurde, griff ich beherzt zu, ich war ja Europäer und würde mich dort sicher wohl fühlen. Zu meiner Überraschung traf man dort aber nicht auf Europäer, nicht mal auf Niederländer, sondern auf Zuidlimburger und die sprachen eben Zuidlimburgisch, dem rheinischen Platt verwandt aber doch irgendwie anders. 10 Jahre blieb ich Vaalser, lernte aber kaum ein paar Brocken Niederländisch und erst recht nicht den lokalen Dialekt, man wurde nämlich von den meisten Vaalsern grundsätzlich auf Deutsch angesprochen, sobald man als Fremder erkannt wurde (und das ging schnell, Vaals ist ein Dorf). In dieser Zeit wurde ich Deutscher, hört sich komisch an, ist aber so.

Die Diskriminierungen durch die eingeborenen Vaalser und Niederländer waren überschaubar, kaum so zu nennen. Mal wurde man als Deutscher beim Metzger nicht bedient, obwohl man dran war, mal wurde man auf der Gemeinde oder bei der Fremdenpolitie in Heerlen mit hochgezogenen Augenbrauen konsequent auf Zuidlimburgisch angesprochen und antwortete dann in einem Mix aus Niederländisch und Englisch, als Zeichen des guten Willens. Aber mir wurde etwas anderes klar und das hatte auch mit dem Ende der DDR und dem Heraufdämmern der Berliner Republik zu tun: Ich begann mich auf eine andere, bislang mir völlig fremde Art mit meinem Deutschsein zu identifizieren. Das lag eben an dem neuen Staatsgebilde, dem Aufenthalt im Ausland aber vor allem am kurz nach der Wende aufkeimenden Neonazitum. Ich begann zu verstehen, dass die Identifikation mit dem eigenen Land, die Auseinandersetzung mit seinen guten und schlechten Seiten untrennbar mit mir verbunden war. Ich verstand, dass Patriotismus, wenn er mit Augenmaß gelebt wird, etwas Gutes und Richtiges ist, etwas, das man nicht den Faschistenschweinen überlassen durfte.

Mir scheint es heute so zu sein, dass sich viele Menschen zu allererst als Bewohner ihrer Heimatregion sehen und ein bisschen geht mir das auch so. Egal, wo man hinschaut, ob nach Belgien (Flamen, Wallonen, Deutsche), nach Spanien (Basken, Katalanen, Andalusier), nach Frankreich (Bretonen, Basken, Elsässer, usw.), überall in Europa nimmt die Bedeutung des Regionalen zu. In Deutschland ist es nicht anders: Die Bayern, die Sachsen, die Schwaben, die Rheinländer: Alle verweisen mit stolzem Trotz auf ihre Andersartigkeit, auf ihren Dialekt. Man mag das für harmlos und allenfalls ein bisschen kauzig halten, in Wirklichkeit ist es Ausdruck eines tiefgreifenden Mangels: In einer Welt, in der jede Ladenstraße einer Großstadt mit den gleichen Filialen der internationalen Ketten zugepflastert ist, in der jedes zweite Kind als Lieblingsgericht „BigMac“ angibt, in der die eigene Sprache zu einem Gutteil aus englischen Buzzwords besteht, kann man kaum noch sagen, was eigentlich die Heimat ist, worin sie sich unterscheidet. Und da jedem klar ist, dass der Verlust der Heimat etwas Furchtbares ist, wird um die verbliebenen Reste umso heftiger gerungen.

Natürlich ist diese Regionalisierung eine zweischneidige Angelegenheit: Keiner bricht sich einen Zacken aus der Krone, wenn er in einer bayerischen Bäckerei zwei Semmeln ordert, in einer berlinerischen zwei Schrippen. Aber genau so selbstverständlich möchte man in Bayern nicht als Saupreiss, preissischer oder in Schwaben als Fischkopf tituliert werden, weil man des lokalen Idioms nicht mächtig ist. Und selbstverständlich darf man es auch furchtbar finden, wenn deutschstämmige Schulkinder aus dem Ostviertel im Bus inzwischen ihr kaputtes Ghettotürkisch sprechen, weil sie sonst als Kartoffeln verspottet werden.

Die mehr oder weniger unverhohlene Ablehnung der Andersartigen war lange Zeit in erster Linie Wesensmerkmal unserer Spezies, Ausprägung einer menschlichen Urangst vor dem Fremden, die man bekämpfen wollte und auch konnte, da sich das Fremdsein auflöste, sobald man den Anderen wirklich kennenlernte. Das ist inzwischen anders: Die Verachtung und Verächtlichmachung ist zum Ausdruck einer erlebten Orientierungslosigkeit geworden, zur Abwehrstrategie in einer globalisierten Gesellschaft, deren Tragwerk sich in einer Geschwindigkeit ändert, die selbst die Flexibelsten überfordert. Beliebigkeit und Entwurzelung sind die Begleitumstände, die Hinwendung zu Brauchtum, Tradition und Religiosität die Folge. Die Aussicht in einer Welt zu leben, in der man sich untereinander zwar insgesamt immer ähnlicher wird, aber sich selbst immer fremder, hat nämlich nichts Tröstliches. Et ess jet vüür ze frecke.

Note to self: Noch 2,8. Musik: King Crimson, Meshuggah, KT Tunstall, Led Zeppelin, Konkhra.

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