Auf dem Bitburger Wall

Wenn eine durchschnittliche, gelangweilte Zweitligamannschaft auf dem noch ungewohnten Grün des Rasens, vor einem den Aufstieg fordernden Publikum vom zum Erfolg verdammten Präsidium des Vereins und dem desillusionierten Trainer ohne Unterlass bis vor den gegnerischen Strafraum getrieben würde, erbarmungslos danebengrätschend, bis zur Erschöpfung vergeblich kämpfend, sich in der Tiefe des Raums verlierend, das eigene Tor entblößend, und wenn dieses Spiel unter den fortwährenden Zurufen der Anhänger und dem beständigen Surren der Fernsehkameras von Saison zu Saison sich fortsetzte, begleitet von den immer gleichen Gesängen, die eigentlich Spotttrufe sind – vielleicht eilte dann ein Stehplatzinhaber hinunter, überspränge die Werbebande, stürzte auf das Gras – rief das Halt! durch das Grollen der Trommeln und das auf- und abschwellenden Lärmen der Fans.

Da es aber nicht so ist; eine Zierde des deutschen Profifussballs, schwarz und gelb, hinein schwebt durch den Spielertunnel, vor dem das weite Rund sich öffnet, wie eine süße Verheißung; der Trainer voller Vertrauen, Güte und Wärme ausstrahlend, wie ein liebender Vater, ein wandelndes Einzelgespräch, jeden noch einmal abklatscht und jedem noch einmal den Rücken stärkt, jeden Spielzug mit bewundernden Zurufen begleitet, in 90 Minuten nicht einmal zum Sitzen kommt, den Mannschaftsarzt und den Zeugwart zu äußerster Sorgfalt ermahnend, vor dem entscheidenden Strafstoß die Inhaber der Business-Seats auffordert, das Mobiltelefonieren einzustellen, schließlich nach dem Abpfiff den Mittelstürmer herzt und beglückwünscht, den unglücklich agierenden Linksverteidiger tröstet, mit dem Team auf die Ehrenrunde geht und keine Huldigung des Publikums für genügend erachtet, während die Mannschaft, ohne Anzeichen von Pomadigkeit und Konditionsproblemen, die Hände in den Himmel streckt und das ganze Stadion umarmen möchte – da dies so ist, legt der Stehplatzinhaber seinen Kopf auf das Absperrgitter und, in den Siegeschören wie in einem schönen Rausch versinkend, weint er, ohne es zu wissen.

Note to self: Jetzt noch eine Karte haben. Musik: Slayer, Agalloch.

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