Paddling the Lesse

Da hat jemand einen grausamen Plan gefasst, nämlich den, ein malerisches munteres Flüsschen in den belgischen Ardennen durch Tausende und Abertausende von Hobbykanuten systematisch verprügeln zu lassen, bis ihm jeglicher Charme, jeder romantische Anhauch abhanden kommt. Der Plan geht auf, an jedem Sommerwochenende zwischen Houyet und Dinant auf der Lesse, einem Nebenfluss der Maas.

Le BayardLe Bayard, Dinant

Die Organisation des Freizeitvergnügens nimmt industrielle Ausmaße an: Boote, Paddel und wasserdichte Eimer, die der trockenen Aufbewahrung der Wertsachen dienen, werden mit Sattelschleppern transportiert. Beim Transfer zum Startpunkt, der von der Société Nationale des Chemins de fer Belges geleistet wird, werden die Massen von ungeduldigen Schaffnern mit Trillerpfeifen in bester Zuchtmeistertradition vom überfüllten Bahnsteig in die Waggons getrieben. Anstehen heißt es, sich gedulden, bis man in sein Kajak steigt und es die Rampe heruntergeht. An diesem Uferabschnitt spucken mehrere Auslässe im Sekundentakt Boote in den Fluss, als seien es Produkte der Massenfertigung auf einem Förderband.

CaleuxLes Aiguilles de Chaleux

Es folgen 21 Flusskilometer mit Grölen, Jauchzen, Kentern, Rammstößen und Paddelkantenschlägen. Wunderlich, was in einem Sportboot so alles transportiert werden kann: Dosenbier, normalgroße Hunde und winzige Hundeminiaturen, Ghettoblaster, Wikingerhelme. Auf jeder Kiesbank liegen Kajaks und ihre Fahrer, die dem Chaos für 20 Minuten zu entkommen trachten. Dort wird gegrillt, sich gesonnt, Karten gespielt, gepicknickt, gesoffen, gekifft. Mitten in dem Tohuwabohu riskieren immer wieder Badende ihren Kopf, denn das fahrerische Vermögen der Paddler würde im Zweifelsfalle nicht ausreichen, um ausweichen (wohin denn auch) oder abbremsen zu können (An dieser Stelle sei dem Idiotenpärchen, das meinte, sein Boot über mein Knie prügeln zu müssen, ein herzliches Hallo zugerufen.). Der Blick voraus zeigt ein schmales Band von zuckenden bunten Paddeln, das zwischen dem Grün der Uferbewaldung liegt, ein Streifen hektisches Plastik, da wo eigentlich Stille sein sollte. Erst auf den letzten Kilometern, wenn die Meute sich heiser gebrüllt hat oder gut angeschickert ist, man das Kajak über die zahlreichen Flachstellen geschoben hat, die Schultern schmerzen, der Nacken rot verbrannt ist, dann bekommt die Lesse ein Stück ihrer Würde zurück und die Schönheit der Landschaft kann ein bisschen auf den Flusswanderer wirken.

Chateau de WalzinLe Chateau de Walzin

Note to self: Moppern, mosern, Preise vergleichen: Macht doch, was Euch unzufrieden macht. Musik: Darkthrone, Psyopus, Lamb of God.

4 Antworten auf „Paddling the Lesse“

  1. Im Grunde ist Paddeln ja ein außerordentlich vergnügliches Vergnügen. Ich hasse allerdings die Witzbolde, die meinen, es sei besonders spaßig, andere Kanus zu rammen, als führe man Autoscooter, um damit ihre großartigen Paddel- und Steuerkünste zu demonstrieren.
    Die Schilderung der Massenabfertigung klingt ziemlich grauenhaft.

  2. Bis zu einem gewissen Punkt muss man wohl mit derlei Autoscooteranwandlungen der Mitpaddler rechnen. Man kann sich ja selber auch nicht völlig frei davon machen, ein paar Spritzer hier- und dorthin gehören einfach dazu. Die Grenze ist dann erreicht, wenn mit Paddeln um sich geschlagen wird (Bei Lesse Kayaks werden übrigens auch Paddel ausgegeben, die aus einem Holzstab mit Stahlblechschaufeln bestehen), oder eben Boote auf Kollisionskurs kein bisschen abbremsen, obwohl sie es könnten.
    Was sich auf der Lesse abspielt, wäre in Deutschland nicht vorstellbar. Eine Begrenzung der Anzahl der Boote scheint nicht zu existieren. Mir ist klar, dass die Betreiber an den wenigen Spitzentagen alles an Kohle rausholen wollen, was geht. Das ist aber nicht der Weisheit letzter Schluss. Sollte ich noch mal angefragt werden, ob ich bei so einer Aktion dabei bin, wären Werktag, April oder Oktober akzeptable Randbedingungen.

  3. Genau, um „ein paar Spritzer“ ging ““s mir ja auch nicht. Die gehören dazu, klar. Aber es gibt Leute, denen bereitet es große Freude, andere Paddler – vorzugsweise Anfänger, die man schön verunsichern kann – zu rammen und/oder abzudrängen. Und (Um-sich-) Schlagen mit dem Paddel geht natürlich gar nicht!
    Ich empfehle nochmals die südschwedische Seenplatte – einfach phantastisch! Wer ““s sportlicher mag, kann seine Route so wählen, dass er ab und zu das Kanu über Land tragen oder sich ein Stück einen Flusslauf hinaufarbeiten muss. Man kann da auch wunderbar schwimmen. Nur halt die Mücken … aber das hatten wir ja schon mal. – Ansonsten viel Landschaft und relativ wenig Leute. Vor 15 Jahren wenigstens war das so.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.