Wer nicht kämpft,

hat schon gewonnen. Genau nach diesem Rezept scheint das Ringen um die Wählerstimmen diesmal komponiert zu werden, sehr zum Leidwesen der Medien und Beobachter der politischen Szene. Die treffende Beschreibung eines möglichen Dialogs beim bevorstehenden großen Kandidatenduell lieferte gestern bei „Unter den Linden“ der gelbe Guido: Die Kanzlerin blinzelt ihrem Herausforderer halb verschwörerisch, halb verliebt zu und meint: „Ja, Frank Walter, es war nicht alles schlecht.“ Genau so läuft es zur Zeit.

Wenn Steinbrück das Ackermann-Dinner verteidigt (Eigene Leichen im Keller? Mit Diekmann gesoffen?), Oettinger auf die erfolgreiche Krisenbewältigung der Großkoalitionäre verweist (Guttenbergs Wirken und Wollen kann er nicht meinen) und die versammelte Opposition sich in Rolle des Stichwortgebers (Gabriel und Trittin bei Plasberg = Pat und Patterchon) ohne wirkliche Kenne fügt, dann ist das schon ein deutlicher Indikator für die Konsenskultur des Jahres 2009.

Lediglich eine Pressekonferenz der Linken brachte gestern etwas Farbe ins Spiel: Oskarchen organisierte mal eben die Weltfinanzwirtschaft um, durchaus überzeugend, in der Sache richtig und fast schon gemäßigt, aber immer nur eine Haaresbreite vom Größenwahn entfernt. Und Gregor? Der brachte die Sache auf den Punkt und erklärte der staunenden Journaille kurzerhand, es käme ohnehin nurmehr auf das Wahlergebnis der Linken an, alle anderen Parteien hätten sich längst auf die systematische Ausplünderung der breiten Masse verständigt. Ganz so weit würde ich dann doch nicht gehen wollen. Aber naja, die Zwischentöne und der Klassenkampf halt, man konnte, wenn man die Augen zusammenkniff, eine zarte Erscheinung Franz Josef Degenhardts hinter den Protagonisten am Pult schweben sehen. Als Gysi die Argumente zum Mindestlohn vortragen wollte, brauchte es dann aber doch den Stichwortgeber von der Saar, sonst wäre die Sache in die Hose gegangen.

Nicht nur die Masse der Kreuzchenmacher ist desillusioniert, auch so mancher Wahlkämpfer scheint des Kämpfens müde zu sein. Zum Thema „everything must go“ fällt mir dann nur noch ein, dass die Liebesgaben mit dem jeweiligen Parteilogo ja schließlich aus Steuermitteln finanziert werden, nicht aus Parteivermögen. Eine Gruppierung, die in ihrem Internetangebot darauf hinweisen würde, dass sie auf dumme, hässliche Plakate, Kugelschreiber und sonstigen Tand und Werbespots im Fernsehen verzichtet, würde bei mir schon mal kräftig Sympathiepunkte sammeln.

So. Noch zwei Tage bis zur Kommunalwahl. Die Kaiserstädter haben bei der Entscheidung über den zukünftigen OB im Grunde nur die Wahl zwischen einem altgedienten Schlachtross, das es immer verstand im Zweifelsfalle den Kopf einzuziehen und das Gewitter vorüberziehen zu lassen, und einem ahnungslos wirkenden Jungspund mit schönen weißen Zähnen (und Protektion!), der eines ganz bestimmt nicht besitzt: Leidenschaft. Beide Kandidaten liegen gleich auf. Während Schultheis seinen Zielen (kennt er sie wirklich?) erst mal in aller Breite die vermeintlichen Errungenschaften der Aachener Sozialdemokratie voranstellt (immerhin lese ich im weiteren Verlauf was von „Privatisierung der Sparkassen verhindern“ und „längerem gemeinsamen Lernen“, gut so), informieren uns die Schwarzen mit einem 4,5MB schweren PDF, das vor allem viele schöne Bilder zu bieten hat, viel mehr aber auch nicht („Ausweitung der Videoüberwachung gegen Graffiti“ und „Erhalt der Hauptschulen“ ist bei mir hängengeblieben, tja.). Im Grunde genommen steht bei beiden Parteien das Gleiche: Wir sind toll, Aachen ist schon toll, wird aber noch viel toller. Also: Alles wird gut. Puh!

Was die künftige Zusammensetzung des Stadtrates angeht, die ja viel wichtiger ist, so ergibt sich in Aachen im Prinzip das „grüne Patt“, soll folgendes heißen: Egal ob die SPD ein wenig verliert (davon muss man ausgehen), die CDU ein wenig gewinnt und die FDP sich verbessert (auch das ist abzusehen), bleiben knapp 20% der Stimmen bei den Grünen. Eine Mehrheitbildung im Rat wird folglich nicht ohne sie stattfinden können. Diesen Umstand will ich gar nicht weiter bewerten, ich lehne mich hier ohnehin schon viel zu weit aus dem Fenster, aber den Hinweis, dass die Parteitreue der grünen Anhängerschaft damit zum stabilisierenden Regulativ wird, den kann ich mir nun doch nicht verkneifen.

Note to self: Bist Du wahnsinnig, denke doch mal an die Personaler! Musik: Morbid Angel, Porcupine Tree, Moonsorrow, Wolves In The Throne Room, Zero 7.

8 Antworten auf „Wer nicht kämpft,“

  1. Könnte klappen: 4 Jahre lang im Hofstaat des Kinderprinzen, von 1994 bis 1999 im AKV als Ehrenhut, Mitglied im Förderverein des Kindergartens Herz Jesu, Tennis beim TK Kurhaus, Handicap 13,4 usw. usf.: durchgeformt bis zur absoluten Abwaschbarkeit und ein Klüngeler par excellence. Und schön? Ach weißte, Schönheit liegt immer im Auge des Betrachters.

    1. Glückwunsch Michaela, mein Beileid Aachen. Miese Wahlbeteiligung, knapp 10% für die grüne Mitbewerberin (Denken ist halt doch Glückssache). Also freuen wir uns auf die kommenden Jahre mit einem blutigen Anfänger in Verwaltungsfragen.

  2. Wieso Glückwunsch? Da möchte ich doch beinah beleidigt sein!
    Ich habe für alglatte Grinse-Bubis aber mal gar nix übrig, und meine Bemerkung weiter oben war ironisch gemeint!
    Schönheit – ob im Auge des Betrachters oder unterm Messer des Chirurgen – ist ja nur relativ selten ein Qualifikationsmerkmal für gesellschaftliches und/oder politisches Geschick. Trotzdem könnte ich mir vorstellen, dass es Leute gibt, die jemanden wegen seines „netten“ Äußeren wählen und dann hoffen, dass er genau so schlau ist, wie er nett aussieht.

    1. Oh, also ich wollte Dir nicht zu nahe treten. Ironie in Schriftform ist aber auch immer schwierig, da bietet sich ein Smiley an, um das eigene Ansinnen zu verdeutlichen 🙂
      Die Schönheit von „et Marcel“ ist übrigens zum Teil auch nur ein Ergebnis von Photoshopping, wie ich bei seinem ersten Fernsehinterview nach der Wahl feststellen musste: Ich sag nur Hautunreinheiten 😀
      Aber ansonsten hast Du natürlich recht. Alle höheren Primaten sind Augentiere und wer schön ist hat es überall im Leben leichter, nicht nur bei Kommunalwahlen.

  3. Smileys kann ich leider nicht (oder doch? Wenn ja – wie?), höchstens so komische Dingsda-wie-sagt-man-noch? -> 😉 usw.
    Jedoch war ich der Meinung (offenbar irrigerweise, `tschuldigung), durch die Absurdität der Aussage sei die Ironie klar. Da wusste ich außerdem noch nichts von fetten postpubertären Pickeln im Antlitz des neuen Würdenträgers *prust*.
    Übrigens kommt ihm wohl nicht nur seine „Schönheit“, sondern evtl. auch noch das Kindchen-Schema zu Hilfe, höhö. Monheim hat aber einen noch jüngeren neuen Bürgermeister: Daniel Zimmermann, 27. Das nenne ich mal einen vielversprechenden Karrierebeginn!

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