Fridays vor Ort

Als ich gestern am Hauptbahnhof ein paar Unentbehrlichkeiten einkaufte (immer diese religiösen Feiertage!) kamen die ersten Protestler per Sonderzug an: Heute ist Großdemo der FFF in meiner Heimatstadt. Durch die geöffnete Balkontür dringen Sprechchöre und Polizeisirenen. Man hat Glück: bestes Wetter, ein lauer Wind, mit 20.000 Teilnehmern rechnen die Ordnungskräfte.

Ja die Klimapolitik, was für ein schwieriges Thema. Vor zwei Wochen saß unser kleines Grüppchen vor der Stammkneipe zusammen und es ging genau darum. Aus psychologischer Sicht habe ich diese Situation als gegenseitiges Belauern empfunden, gesagt wurde viel Allgemeines, aber was wurde gedacht? Vielleicht so etwas:

A: „Zwar bin ich dieses Jahr schon zweimal in Urlaub geflogen, aber ich esse kein Fleisch und habe kein Auto. Alles gut!“

B: „Zwar fahre ich jede Woche an die 500Km mit meinem alten Diesel, aber Urlaub mache ich im Harz oder in Bayern. Alles gut!“

C: „Zwar esse ich jeden Tag Fleisch und mein privates Netzwerk verbraucht massig Strom, aber ich fahre mit dem Bus zur Arbeit und geflogen bin ich seit Jahren nicht. Alles gut!“

D: “ Zwar fliege ich nächsten Monat nach Neuseeland, aber ich habe keine Kinder. Alles gut!“

Man muss wirklich aufpassen, denn der eigene vorgebliche Verzicht hat stets etwas Wohlfeiles. Ich mache das immer am „Fisch-Beispiel“ fest. Ich hasse Fisch und alles, was aus dem Wasser kommt. Ich mag das einfach nicht essen. Wenn ich mich nun angesichts der globalen Überfischungsproblematik lautstark gegen die kommerzielle Fischerei einsetze und deren sofortiges Ende fordere, dann habe ich möglicherweise recht, aber ich habe es eben auch sehr leicht.

Ohne jetzt die Gründe im Detail zu erläutern: Ich bin dafür, dass wir in Europa eine Klimapolitik machen, die weniger auf die persönliche Freiheit Rücksicht nimmt, als das zurzeit der Fall ist. Es muss gewaltigen Druck von Oben geben, denn sonst werden wir Einschränkungen unseres dekadenten Lebenswandels nicht hinkriegen, dafür genießen wir ihn einfach zu sehr. Wie kann man das halbwegs gerecht und transparent hinkriegen?

Ich befürworte ein personenbezogenes CO2-Kontingent. Was man damit anfängt, muss jedem selbst überlassen bleiben. Wird dieses Kontingent überschritten, muss das sehr teuer sein. Alle werden sich gleichermaßen übervorteilt fühlen, so viel ist klar. Aber alle werden sich, nicht aus Einsicht, die ist uns nicht ausreichend gegeben, sondern aus wirtschaftlichen Gründen in ihr Schicksal fügen müssen. Und was ist mit denen, die die Strafe kaltlächelnd bezahlen, weil sie ihnen nicht wehtut? Nun, wir müssen dafür sorgen, dass es von denen möglichst wenige gibt. Ja, das ist mein Ernst.

Note to self: Schnappatmung. Bitter. Musik: Gaahls WYRD, The National, Baroness, Dreadnought.

E.

E. hat einen Menschen erschossen. Politischer Mord, begangen von einem rassistischen Nazischwein. Auch wenn die Bundesstaatsanwaltschaft jetzt das Verfahren an sich gezogen hat: Das Netzwerk, in dem E. sich radikalisiert hat, wird wohl nicht aufgeklärt werden. Es wird auch nicht zur Verantwortung gezogen werden. Zwar können wir froh sein, dass mit Peter Frank ein Mann verantwortlich ist, dem man im Unterschied zu solchen Figuren wie Hans-Georg Maaßen keinen rechtsextremistischen Dünkel unterstellen muss. Trotzdem ist zu befürchten, dass inzwischen die polizeilichen und geheimdienstlichen Strukturen derart faschistoid durchsetzt sind, dass sie die Aufklärung der Hintergründe der furchtbaren Tat zu verhindern wissen werden. Der Ausgang des NSU-Prozesses und die Einlassungen der V-Leute in eben diesem Prozess sprechen da eine eindeutige Sprache.

E. ist mehrfach einschlägig vorbestraft. Seine Nachbarn schildern ihn als freundlichen Familienvater, der immer nett grüßte und nicht weiter auffiel. Im Schützenverein war er auch. Gleichzeitig verfasste er Kommentare in den sozialen Netzen, dass es „Tote geben werde“. Da passt was nicht zusammen. Wenn es reicht, nicht südländisch auszusehen und nett zu grüßen, dann passen ganze Wolfsrudel in den Schafspelz. Genau an diesem Punkt sind wir gerade. Und wer hat mit E. beim letzten Schützenfest am Tisch gesessen und als es dann nach dem 6. Bier ein bisschen unappetitlich wurde, wer hat da zustimmend genickt und ihm auf die Schulter geklopft?

E. ist einer von viel zu vielen. Zwar nehme ich am sozialen Netzwerken nicht teil, aber was mir auf YouTube und in diversen Webforen an Hass und Dummheit entgegenschwappt, das reicht mir schon. Was ich in diesem Zusammenhang am schlimmsten finde, ist der stets mitschwingende rechtfertigende Notstand: Die links-grün-versiffte Mischpoke lässt uns ja keine andere Wahl. Dann frage ich mich immer, ob ich tatsächlich in einem anderen Land lebe. Also mal Klartext: Ich will nicht von solchen Faschistenschweinen gerettet werden. Dieses Land kommt gut ohne sie klar. Und denjenigen, die gerade mal wieder einen Hasskommentar in die Tastatur hämmern wollen, sei dieses gesagt:

Achte auf Deine Gedanken, denn sie werden Worte. 
Achte auf Deine Worte, denn sie werden Handlungen. 
Achte auf Deine Handlungen, denn sie werden Gewohnheiten. 
Achte auf Deine Gewohnheiten, denn sie werden Dein Charakter. 
Achte auf Deinen Charakter, denn er wird Dein Schicksal.

(Talmud)

Note to self: Es bleibt morgen trocken und der Rasen kommt ab. Musik: Queen, The Claypool Lennon Delirium, The Cat Empire, Demon Hunter.

Löcher in Tankern

Die Welt am Rande eines Krieges? Man muss es fast befürchten. Die aktuellen Entwicklungen am persischen Golf geben Anlass zur Sorge, das ist mal sicher. Wie soll man die Angriffe auf die beiden Schiffe in der Straße von Hormus bewerten?

Also, ich bin kein Freund von Verschwörungstheorien, im Gegenteil. Für einen Naturwissenschaftler sollte das wichtigste Werkzeug zur Beurteilung von Sachverhalten Ockham’s Razor sein. So gesehen wäre der Iran Schuld an den Angriffen auf die zivilen Wasserfahrzeuge. Andererseits lehren Erfahrungen mit der US-Amerikanischen Außenpolitik in den letzten Jahrzehnten (Colin Powell und die „weapons of mass destruction“ anyone?), dass gerade das heute vorgelegte Bildmaterial mit Vorsicht zu genießen ist, insbesonders wenn man folgendes berücksichtigt:

  • Die Besatzung des japanischen Tankers spricht von mehreren anfliegenden Objekten. Das spricht für die Einwirkung von Anti-Schiff-Raketen oder Granaten, nicht für Haftminen.
  • Die sichtbaren Beschädigungen an den Schiffen liegen weit oberhalb der Wasserlinie, auch dies spricht für eine Beschuss- oder Raketeneinwirkung.
  • Die Überwachung des in Rede stehenden Seegebiets aus der Luft durch amerikanische Satelliten, Flugzeuge und Drohnen dürfte gerade jetzt lückenlos sein. Wahrscheinlich kann man dort zurzeit nicht mal mit einem Ruderboot unbeobachtet unterwegs sein. Dann sollten die US auch in der Lage sein, Kurs und Heimathafen des angeblichen iranischen Patrouillenboots festzustellen.
  • Warum sollte der Iran gerade jetzt Öl ins Feuer gießen? Und wenn doch, würden sie nicht eher ihre Hisbollah-Hilfstruppen in Marsch setzen oder gegen Saudi-Arabien vorgehen?
  • Cui bono? Im Moment scheint vor allem die Trump-Administration und ihr grenzdebiler Chef von einer Eskalation zu profitieren. Man könnte die Europäer disziplinieren, Russland ans Bein pinkeln und China zeigen, wo Bartel den Most holt: Win win win.

Note to self: Morgen gehts los. Vorfreude! Musik: Paco de Lucia, Norah Jones, NoiSays, Orange Goblin.

Bebendes Bergland

Ein lauer Freitagnachmittag. Mit einem Auge verfolge ich das WM-Spiel der Italienerinnen gegen Jamaika, mit sehenswerten Toren, leider alle für Italien. Mit dem anderen scrolle ich durch die Seite der Süddeutschen. Dort gibt es gerade wieder einen frischen Artikel, den dritten am heutigen Tage, zum Frauenstreiktag in der Schweiz. Das ist auch deswegen bemerkenswert, weil dieses Ereignis in den anderen Webpublikationen, die ich regelmäßig lese, überhaupt nicht vorkommt, nicht mal in der taz. Also, was lesen wir?

Natürlich, der Gender-Pay-Gap. In der Schweiz beträgt er angeblich 18%. ich benötige 10 Minuten um sauber heraus zu recherchieren, dass bei der Ermittlung dieser Zahl die gleichen statistischen Taschenspielertricks angewandt werden, wie in der Bundesrepublik. Also lassen wir das: Wer sich so verdummen lassen will, dem ist ohnehin nicht mehr zu helfen. Außerdem geht es natürlich um Sexismus, das wird nicht weiter ausgeführt, wozu auch? Wer die Deutungshoheit hat, der braucht nicht zu argumentieren, er hat einfach recht. In einem Interview mit einer Aktivistin lese ich zudem, dass die Beteiligung von Männern bei den Demonstrationen durchaus erwünscht ist, aber „bitte nur in den hinteren Reihen“ (kein Scherz, das steht genau so da). Ja, es kann den denkenden Menschen staunend zurücklassen, wenn der Femifaschismus sein wahres Gesicht zeigt.

Von dieser Lektüre aufgeschreckt, wechsle ich zu watson.ch, das ist ein eher linkes Nachrichtenportal mit inzwischen ca. 64.000 Hits pro Tag. Das SPON der Schweiz sozusagen. Nun, dort wird in epischer Breite über den Kampftag der Schweizerinnen berichtet und man erfährt, was sich da heute sonst noch so tut, nämlich gemalte Vulven auf Plakaten, Klitoris-Wanderungen und BH-Verbrennungen. Mit einem Wort: Alles, was zur Rettung des Abendlandes erforderlich ist.

Italien schlägt Jamaika 5 zu 0. Ich schalte auf den ZDF-Krimi am Freitag um: „Die Chefin“. Rats.

Note to self: Austrocknen. Wie hoch ist der Eigenanteil? Musik: The National, Sunn O))), Queen, Orchid.

Das sozialdemokratische Dilemma

Im Grunde ging die Chose schon im November 1918 los, als Max von Baden die Reichskanzlerschaft an Fritze Ebert übertrug, obwohl es dafür keine rechtliche Grundlage gab. Ebert wurde mit seinen Genossen zum „Erfüllungspolitiker“ und die Militaristen und nationalkonservativen Kreise machten sich einen schlanken Fuß – mit den bekannten Folgen. Staatsräson – den Sozen muss dieses Wort vor dem Hintergrund der aktuellen Ereignisse in den Ohren klingeln, aber bleiben wir kurz noch historisch:

Auch in der bundesrepublikanischen Geschichte markierten die Kanzlerschaft Willy Brandts und Gerhard Schröders jeweils eine Zäsur, die dadurch nötig wurde, dass die Christdemokratische Seite ein durch und durch verknöchertes und bewegungsunfähiges Gebilde bzw. ein vereintes Deutschland, das von den Interessen der westdeutschen Großindustriellengilde ausgeraubt worden war, hinterlassen hatte. Brandt und Schröder waren mutig, sehr mutig: Brandt schrieb den ehemals deutschen Osten ab, wofür er auf jedem Schlesiertreffen noch heute gehasst wird. Schröder verriet die Idee der sozialen Gerechtigkeit, beseitigte den Kern unserer Gesellschaft und wurde so zum Sargschreiner seiner eigenen Partei. Auch diese Entscheidungen waren jeweils von Pragmatismus geprägt – von der Einsicht, dass Politik die Kunst ist, das Nötige zu ermitteln und das Mögliche zu tun.

In den großen Koalitionen von 2005 bis 2009 und seit 2013 wurde und wird die SPD als Steigbügelhalter einer Bundeskanzlerin wahrgenommen, die zunächst von fast allen geliebt wurde, inzwischen aber als lahme Ente zu betrachten ist. Gerade wenn man sich die Situation vor dem März 2018 nochmals vor Augen führt, als der Bundespräsident seine eigene Partei mehr oder weniger in die Verhandlungen zwang, wird das Dilemma der Sozialdemokratie deutlich. Dilemma bedeutet: Man kann nur das Falsche tun. Und auch wenn man zu recht konstatiert, dass gegenwärtig die SPD-Minister die der Union deutlich outperformen, bleibt dieser Makel bestehen. Politische Verantwortung rechnet sich nicht, wenn man sie nicht zu verkaufen weiß.

Zum Schluss noch ein Blick ins südliche Nachbarland: Heute stürzte Sebastian Kurz über ein von der SPÖ eingebrachtes Misstrauensvotum. Und auch hier das gleiche Dilemma: Hätte man für ihn gestimmt, hätte man sich im Alpenstaat gefragt, warum die SPÖ keine politische Alternative sein will. Nun hat man ihn zu Fall gebracht und wird als Kollaborateur der Neofaschisten wahrgenommen. Hätte man sich enthalten, wäre man gefragt worden, wo der politische Gestaltungswille ist.

Nach den gestrigen Wahlen wird ja sehr viel über Klimapolitik gesprochen, das will ich gar nicht kritisieren. Aber eins ist doch klar: Was uns in Deutschland und Europa fehlt, ist ein Thema und eine zugehörige These, hinter dem bzw. der sich die Mitte der Gesellschaft versammeln kann. Und betrachtet man die Existenzängste der Mittelschicht, die sich in Gelbwestenprotesten, EU-Austrittsprozessen, in Migrationsdebatten und in der Bereitschaft, autoritären Führerpersonen nachzulaufen, manifestiert, dann ist auch klar, welche Frage Politik zuvorderst beantworten muss. Und so wie diese Sache steht, wird die Antwort auf diese Frage ganz erheblichen Mut erfordern.

Also warten wir mal ab. Totgesagte leben bekanntlich länger. Zurzeit scheint eine andere Partei die Nase vorn zu haben, die neben vielen sehr vernünftigen Standpunkten, leider auch jede Menge Identitätspolitik im Gepäck hat (und in Brandenburg das verfassungswidrige Paritätsgesetz eingebracht hat und deswegen für mich nicht wählbar ist). Identitätspolitik aber spaltet die Gesellschaft und das ist das Letzte, was wir gerade brauchen.

Note to self: Verdammte Verwahrlosung. Musik: Angus & Julia Stone, Bad Religion, Tommy Emmanuel, Oxbow, Origin.

Alles Gute Laura!

Tja, nur die wenigsten können sich vorstellen, was es körperlich und psychologisch bedeutet, Leistungssport auf Weltspitzenniveau zu betreiben. Wenn man also hört, dass Laura Dahlmeier, vielleicht die beste Biathletin der vergangenen 6 Jahre, mit 25 heute ihr Karriereende bekannt gegeben hat, wird so mancher Kopf geschüttelt werden. Natürlich denkt man an Kaisa Mäkäräinen, die inzwischen 36 ist und immer noch im Weltcup das Geschehen mitbestimmt. Ist dieser Vergleich fair?

Die Erfolge von Dahlmeier sind zu zahlreich, um sie aufzuzählen. Sie ist Doppelolympiasiegerin, 7fache Weltmeisterin und gewann den Gesamtweltcup. Wenn man so erfolgreich ist, muss es schwer sein, sich für kommende Wettkämpfe zu motivieren. Aber wahrscheinlich hat das gar nicht den Ausschlag für ihre Entscheidung gegeben. Für jeden Beobachter war in der letzten Saison leicht zu sehen, dass ihr Körper den Höchstbelastungen nicht mehr wirklich gewachsen war. Die Kreislaufprobleme nach so manchem Rennen sprachen eine deutliche Sprache. Und entsprechend musste sie einige Wettbewerbe auslassen. Die Frage, ob sich das mit einer anderen Trainingssteuerung hätte beheben lassen, müssen Sportmediziner beurteilen.

Gut vorstellbar ist außerdem, dass Dahlmeier einfach keine Lust mehr hatte als Sportikone von den Medien heimgesucht zu werden: Laura beim Bergsteigen, Laura beim Mountainbiken usw. das nahm schon ziemlich heftige Züge an. Und all das immer verknüpft mit dem Image des fortwährend lächelnden, urbayerischen Naturmädels. Kann man das auf Dauer aushalten? Ich könnte es nicht.

Also warum nicht mit Mitte Zwanzig Feierabend machen, was ganz anderes anfangen, rausfinden, was außer laufen und schießen noch in einem steckt? So gesehen könnte man vielleicht sogar formulieren, dass solche Athleten wie die oben angeführte Mäkäräinen (oder auch Ole Einar Björndalen) den richtigen Zeitpunkt für den Absprung verpasst haben. Man kann ihr nur das Beste wünschen, aber eine Bitte hätte ich dann doch noch:

Frau Dahlmeier, machen Sie es nicht so wie die Kollegin Neuner, die inzwischen als Werbebotschafterin vor jeder Biathlonübertragung Gläser mit alkoholfreien Biermischgetränken in die Kamera hält. Das haben Sie gar nicht nötig. Machen Sie was Schönes, viel Spaß dabei!

Note to self: Und wieder die Firma mit dem U. Musik: City and Colour, Oxbow, Allegaeon, Tear Light from Matter.

Bastard Operator from Hell

SPON beendet das Wochenende mit einer Breitseite gegen digitalen Machtmissbrauch. Ein wichtiges Thema, mit dem ich natürlich vor allem aus beruflichen Gründen zu tun habe. Eines ist klar: Wer das Passwort hat, hat die Macht. Das ist aber nur die halbe Wahrheit. Denn wer das Passwort gar nicht wissen will, oder verbummelt, oder einfach vergisst, der liefert sich aus. Genau damit bin ich fast täglich konfrontiert: Benutzer, die ihre Passwörter nicht kennen, oder nie gekannt haben, sondern sich auf jemand anderen verlassen. Das sind übrigens in der Regel Nutzer, die einfach wollen „das es funktioniert“ ohne jedes Hintergrundwissen und deren Welt zusammenbricht, wenn „es nicht funktioniert“. „Ignorance is bliss“ ist aber eigentlich keine Option in diesem Spiel. Jeder Mensch lernt, dass man seine Wohnung abschließt, seine Schlüssel sorgfältig verwahrt und nicht an Dritte weitergibt. Ein digitaler Schlüssel ist nichts anderes. Aber nun zur journalistischen Breitseite:

Der erste Artikel ist überschrieben mit: „Spammen, spannen, stalken“ Untertitel: „Digitale Gewalt gegen Frauen“, aha daher weht also der Wind. Nun ist es ja nicht so, dass es da keine Probleme gäbe. Warum es nun allerdings so viel problematischer ist, wenn Frauen Fotos primärer männlicher Geschlechtsorgane zugeschickt werden, als wenn Männer im Internet systematisch gemobbt und in den Selbstmord getrieben werden, will sich mir nicht unbedingt erschließen. Immerhin führen die beiden Autorinnen der Vollständigkeit halber an, das auch XY-Menschen unter dem Phänomen zu leiden haben. Was mich aber noch viel mehr wundert: Die Verfasserinnen blenden völlig aus, dass es da ja noch eine weitere Ebene in diesem Spiel gibt, die nichts mit dem strafbaren Handeln Einzelner zu tun hat, sondern offenbar ein Kennzeichen modernen digitalen Journalismus‘ ist: Wie sieht es aus mit dem Arschloch-Gedicht von Sibel Schick? Was ist mit dem Hashtag #menaretrash? Was ist mit der missbräuchlichen Verwendung der Begriffe „toxische Männlichkeit“, „#mansplaining“, „#manspreading“, „alte, weiße Männer“? Was ist mit Meinungsverbreitern wie Stefanie Lohaus, Julian Dörr, Till Raether und anderen, die permanent behaupten, dass es keinen Sexismus geben kann, der sich gegen Männer richtet? Tja, so weit haben die Autorinnen dann lieber doch nicht gedacht. Es lohnt auch nicht, da längst ausgemacht ist, welche Hälfte der Menschheit sakrosankt ist und welche Hälfte in Sack und Asche zu wandeln hat.

Der zweite Artikel beschäftigt sich mehr mit den technischen Aspekten der Angelegenheit: „Er hat das Passwort – und damit die Macht“ heißt es da. Es steht nicht da: „Er hat das Passwort und will es nicht mitteilen.“ Das könnte übrigens Gegenstand eines Rechtsstreits sein, der Ausgang ist vergleichsweise klar, ähnlich wie in einem Verfahren, das sich mit der Herausgabe von Hausschlüsseln befasst. Im Artikel werden Szenarien in technologischen Rosenkriegen beschrieben, in denen Männer stets Täter und Frauen immer Opfer sind. Meine Meinung: Wer nicht selbst in der Lage ist, sich einen neuen Router zu beschaffen und diesen in Betrieb zu nehmen, oder eine kundige Person damit zu beauftragen, ist leichtsinnig oder zu blöd oder zu gleichgültig. Wenn Beziehungen imStreit auseinander gehen, gibt es keine Fairness. Warum liest man im Spiegel in diesem Zusammenhang eigentlich keine Artikel wie „Er wird seine Kinder nie wiedersehen.“ oder „Nach der Trennung kam der Missbrauchsvorwurf.“ Ja warum eigentlich nicht? Es wird lieber darüber lamentiert, dass Sie ausgeliefert ist, weil Sie keine halbe Stunde und keine 50 Euro investieren will, um ihm den digitalen Überfall unmöglich zu machen. Hauptsache, der Richtige ist Schuld.

Note to self: Windmühlen: Sprengen oder nicht mehr hinschauen. Musik: Mr. Bungle, Oceanside, Origin.

Schändlicher Einfluss

Frühere Zeiten hatten Helden, Idole, meinethalben Ikonen. Das Spektrum war riesig. Hier Mutter Theresa, da John Rambo. Hier Steve Jobs, da Kermit der Frosch. Ob man sich der Rettung der Welt verschrieben hatte, oder der Überwindung des Kapitalismus, ob man Jesus von Nazareth für den heissesten Scheiß hielt, oder zumindest Che Guevara auf dem Hemdchen vor sich hertrug, es gab Ideen und Menschen, die sie verkörperten, die Zugehörigkeit vermittelten. Eine nicht geographische Heimat.

Ist das immer noch so, oder ist inzwischen etwas anderes bestimmend? OK, wir haben Greta Thunberg und Edward Snowden. Massenmobilisierung passiert immer noch, eben nicht nur auf der Strasse, sondern vor allem im weltweiten Netz. An gleicher Stelle findet aber nicht nur der Kampf um politische Ideen statt und die Erlassung von Vorschriften, wovor wir uns -verdammt noch mal- am meisten zu fürchten haben, sondern pausenlose Angriffe auf unser materielles Bedürfniszentrum.

Was macht man eigentlich als Influencer? Nun, man dringt in zumeist jugendliche Gehirne vor, die von klassischer Reklame und personalisierter Werbung ohnehin so zugekleistert sind, dass diese Methoden der Konsumversklavung nicht mehr wirklich wirksam werden können. In vielen Foren und Usenetgruppen, in denen ich unterwegs bin, besteht ein Gutteil der Beiträge aus der Rechtfertigung und öffentlichen Absicherung der eigenen Kaufentscheidungen. Und wenn Meinungsbildner aus der eigenen Peergroup die Wahl der neuen Mobilfunke vor aller Welt verdammen, löst das nicht selten eine Sinnkrise und einen Flamewar aus. Wie viel heftiger muss dieser Prozess in den sozialen Netzwerken sein? Wie viele Menschen posten routinemäßig ihre abgearbeiteten Amazon-Warenkörbe auf Facebook?

Influencer setzen in der Konsumwelt das fort, was in Politik und Gesellschaft schon lange Platz gegriffen hat: Blasenbildung, die Errichtung von Echokammern, die vermeintliche Überwindung der digitalen Einsamkeit. „Es geht dir nicht gut, du blickst nicht mehr durch? Komm, ich zeige dir, wie du dich da herauskaufen kannst. Du kannst mir ruhig glauben, sieh doch, wie glücklich ich bin.“

Den Anlass für diesen Beitrag lieferte dieser Artikel auf der Seite der Süddeutschen. Ich muss zugeben, dass die dort interviewte Person all das verkörpert, was ich hasse. Und die Selbstentkernung durch Veröffentlichung, die dort beschrieben wird, löst bei mir so alles mögliche aus, aber sicher kein Mitleid.

Note to self: Hinten links, gut fühlbar. Musik: Abnormality, Defeater, Bad Religion, Tommy Emmanuel.

On the move

Zweimal ist göttlich. Tatsächlich ist dieses Blog, das ja gar keiner liest, nun erneut umgezogen. Es liegt nun wieder auf meinem Webspace bei Strato und zwar aus zwei Gründen: Erstens knöpft mir Strato seit Monaten Geld für Datenbanken in meinem Webaccount ab, die ich zwar eigentlich nie wollte (Webvisitenkarte S forever) aber nun eben zwangsweise bezahle, also warum nicht aus der Not eine Tugend machen. Zwotens muss das ja nicht sein, das bei „Just Skidding“ Werbung eingeblendet wird, wo der Autor doch so ein verbissener Konsumfeind ist.

Auch diesmal verlief die Migration alles andere als problemlos. Sowohl die Erzeugung der Exportdateien auf der einen Seite, als auch der Import erwies sich als Hürde für das CMS mit dem inzwischen 2/3 aller Webseiten laufen. Da sag ich mal nix dazu. Naja, jetzt gibt es ein neues Theme, einen neuen Editor, den ich gerade ganz furchtbar finde und eben keine Werbung mehr. Also denn… …viel Spaß!

Note to self: Keine Steigerfahrt, nirgends. Musik: Sun O))), Frank Zappa, Oceansize, Motörhead.

The Ace in the pack

Wir haben einen neuen Snooker-Weltmeister und das am Finalabend bereits um 20 Uhr 45. Wie kam das denn, zur Hölle?

Die Kontrahenten:

Auf der einen Seite der Schotte John Higgins, inzwischen 44 Jahre alt: 4facher Weltmeister, Finalist in den letzten 3 Jahren, ein Snooker-Monument. Er hatte in dieser Saison noch nicht viel gerissen, aber im Crucible-Theatre in Sheffield kommt er immer gut zurecht. Im Halbfinale lag er lange gegen David Gilbert zurück, schaffte aber den Frame-Ausgleich zum 16:16 und gewann den Decider, in dem er alle seine Stärken ausspielte: Higgins ist ein guter Allrounder, aber vor allem ein gewiefter Taktiker, der es meisterlich versteht, seinen Gegner in Schwierigkeiten zu bringen. Beim Breakbuilding gehört er mit zu den Stärksten. Aber vor allem ist John Higgins mental bärenstark und unglaublich zäh. Den hat man erst geschlagen, wenn er die Fliege abnimmt.

Auf der anderen Seite Judd Trump, 29, aus Bristol. Dass er das Zeug zum Weltmeister hat, darüber ist sich die Snooker-Welt schon lange einig. Bislang schaffte er eine Finalteilnahme und verlor… …gegen John Higgins. In der zurückliegenden Saison gewann er das Masters und spielte auch sonst wie der Teufel. Ich kann mich noch gut daran erinnern, als ich ihn zum ersten Mal in Sheffield spielen sah: Er beging ein Kleider-Foul (berührte einen Ball mit seinem Hemdsärmel). Und genau das charakterisierte Trump in den letzten Jahren: Ein schlampiges Genie. Judd Trump locht Bälle, die andere Spieler nicht mal in Erwägung ziehen würden. Die Briten nennen das „Noughty Snooker“. Aber sein Safety-Spiel war lange Zeit nicht wirklich gut und es fiel ihm mitunter schwer, die Konzentration hoch zu halten. Im Halbfinale schlug er Gary Wilson, was niemanden überraschte.

Die erste Session, Sonntag Nachmittag:

Knapp 1000 Menschen im Tempel des rot-bunten Billiards konnten kaum glauben, was sie geboten bekamen: Selten hat man zwei Spieler so konzentriert und nervenstark ein Endspiel beginnen sehen. Ein Century-Break jagte das nächste, beide überzeugten beim Long-Potting. Jeder der seltenen Fehler führte umgehend zum Verlust des Frames. Ein unglaubliches Niveau, habe ich so noch nicht gesehen. Am Ende der Session stand es ausgeglichen 4:4.

Die zweite Session, Sonntag Abend:

Zunächst ein ganz anderes Spiel: Beide begannen unsicher, dann sicherte sich Higgins den ersten Frame mit einem hohen Break. Judd konterte sofort und glich aus. Und dann ging er durch die Decke: In den folgenden 7 Aufnahmen spielte Judd Trump Snooker vom anderen Stern. Er lochte unglaubliche Bälle, sein Positionsspiel war überragend, er machte keinen einzigen leichten Fehler und wurde immer lockerer. Man hätte darauf wetten können, dass er irgendwann überdreht und sein Spiel dann kippt. So was hat man bei Trump schon öfter gesehen, diesmal nicht. Er versohlte Higgins nach allen Regeln der Kunst, gewann alle verbleibenden Frames und damit die Session 8:1. Der Zwischenstand nach dem ersten Tag: 12:5.

Die dritte Session, Montag Nachmittag:

Die große Frage war natürlich, ob Trump seine Form in den zweiten Finaltag hinüberretten könnte. Der große Unterschied bei der Weltmeisterschaft gegenüber den anderen Turnieren ist eben die Anzahl der zu spielenden Frames. Ein Einbruch ist nicht unwahrscheinlich, zumal die reine Spielzeit im Halbfinale und Finale in der Regel über 10 Stunden liegt. Eines war klar: Higgins würde auf jede Schwäche seines Gegners lauern und sie unbarmherzig ausnutzen. Aber würde sich Trump diese Blöße geben?

Beide spielten erneut hervorragend, hatten sogar jeweils eine gute Chance auf ein Maximum-Break und Fehler waren sehr selten. Zwischendurch sah es danach aus, als könnte Trump das Spiel noch vor der abendlichen Session für sich entscheiden, aber Higgins blieb dran, konnte allerdings insgesamt nicht aufholen. Die Session endete wie die erste 4:4. Gesamtstand 16:9.

Die 4. Session, Montag Abend:

Was könnte Judd Trump noch aufhalten? Higgins konnte nicht besser spielen, aber würde das Adrenalin Trump vielleicht einen Strich durch die Rechnung machen? Man hat dergleichen schon gesehen. In einem Hochpräzisionssport wie Snooker darf die Hand „am Pott“ auch nicht ein bisschen zittern, sonst geht die Sache schief. Trump wirkte absolut stoisch, Higgins glaubte nicht mehr dran, nahms aber sportlich. Und Trump holte sich die beiden noch nötigen Punkte, er gewann 18:9.

Ich kann mich an Finalsessions erinnern, bei denen die Luft im Crucible absolut elektrisch war, bei denen zum Ende hin nach jedem Pot ein unglaublicher Jubelsturm losbrach. Das war heute nicht der Fall. Dazu war das Ergebnis zu eindeutig. Das Verrückte daran war eben nur, dass die Differenz von 9 Punkten nicht dadurch zustande kam, dass der Unterlegene schlecht gespielt hätte. Der Gewinner spielte einfach zu gut. Ich habe noch nie ein solches Spielniveau gesehen.

Als Trump den letzten Ball gelocht hatte, zeigte er kaum eine Regung: Kein Triumphgeheul, nur kurz eine Faust, die er in Richtung seines Teams hochreckte. Man merkte: Er selbst hatte von sich selbst nicht weniger als diesen Titel erwartet. Er war ein Snooker-Wunderkind, das vielleicht viel zu lange einiges schuldig blieb, angesichts seines unglaublichen Talents. Heute hat er es allen gezeigt, viel wichtiger: Er hat es sich selbst gezeigt. Was wird dieser unfassbar gute Spieler noch erreichen können? Er hat das Zeug eine Legende zu werden. Judd Trump: The Ace in the pack.

Note to self: Am Riemen! Musik: Frank Zappa, Allegaeon, The Wind in the Trees, Numenorean.