Sich das Land zurückholen

Man liest und hört diese Formulierung immer wieder, vorzugsweise von Vertretern der politischen Rechten, national-konservativen und wirtschaftsliberalen Kreisen, aber beispielsweise auch von den Brexiteers vom Schlage eines Boris Johnson oder Nigel Farage oder der Tea-Party-Bewegung in den Vereinigten Staaten: Die Bürger sollten sich „das Land zurückholen“. Was soll das eigentlich bedeuten?

Es soll wohl zum Ausdruck gebracht werden, dass auch und gerade in den repräsentativen Demokratien des Westens eine Kaste von Politprofis, das so genannte Establishment, das Ruder übernommen hat und im wesentlichen eigene Interessen und nicht die derjenigen vertritt, denen sie ihren Posten verdankt. Was ist davon zu halten?

Ich finde es merkwürdig, dass von Politikern erwartet wird, sie mögen doch bitte perfekte Funktionsträger sein, fehlerlos, moralisch integer, Fachleute auf allen Gebieten, dazu telegen, eloquent und jederzeit gefasst. Menschen sind nicht so. Würden wir von unseren Nachbarn und Landsleuten erwarten, dass sie steuerehrlich sind, nie zu schnell fahren, ihren Müll perfekt trennen, die Hinterlassenschaften ihrer Hunde vorschriftsmäßig entsorgen und das alles selig lächelnd? Nein, denn wir kennen uns selbst. Zwar scheitern wir beispielsweise bei der Einrichtung und Bedienung unseres Multifunktionsdruckers, trauen uns aber ein sicheres Urteil über multilaterale Handelsverträge, NOx-Grenzwerte und die diplomatischen Beziehungen zu Turkmenistan durchaus zu, jedenfalls wenn wir unsere Partikularinteressen durch politische Entscheidungen beeinträchtigt sehen.

Sicher, das Prinzip der repräsentativen Demokratie setzt mündige Bürger voraus, die sich im Rahmen ihrer Möglichkeiten um die eigene Willensbildung kümmern. Man muss aber konstatieren, dass diese oft genug im Bauchraum und nicht zwischen den Ohren stattfindet. Wenn Meinungen an uns herangetragen werden, die uns nicht schmecken, dann möchten wir nur zu oft den Überbringer der Nachricht töten oder zumindest als Teil der Systemmedien diffamieren. Die politischen Vertreter der Gegenseite werden dann zu Buhmännern, die nur ihren Posten und ihre Macht im Blick haben und sich um die Interessen des Volks nicht scheren.

Das politische Handwerk ist eine Kunst, die schwierig zu erlernen ist. Demokratie ist ein Modell, das kleine Schritte macht, manchmal nicht vorwärts, sondern zurück. Entscheidungen, die uns heute plausibel erscheinen, werden morgen verdammt werden, weil sich die politische Großwetterlage, aber auch unsere persönlichen Verhältnisse fortwährend ändern. Und mal ganz ehrlich: Wer würde sich nicht die Rosinen auf Kosten der anderen aus dem Kuchen picken, wenn er es könnte.

Eines eint die Bewegungen des Protests, die Gelbwestenträger, die „America-firsts“, die „Britannia-rule-the wavers“, die „White-supremacists“: Die Vorstellung nämlich, man habe ein natürliches Recht, sei auf Diskurs und Kompromiss nicht angewiesen. Das berechtigt dann auch zu Umsturzphantasien, die fatal an den revolutionären Mechanismus des Marxismus-Leninismus erinnern, den wir doch eigentlich hinter uns gelassen haben. Der politische Gegner kommt in diesem Bild gar nicht mehr vor. Dort, wo die Linke die Vorstellung verfolgt, man müsse möglichst alle mitnehmen, wenn nötig durch Belehrung, Sanktion und Zwang („Bestrafe einen, erziehe hundert.“), haben die Reaktionären ein argumentatives Loch.

Wer sich „das Land zurückholen will“ hängt der Vorstellung des besseren „Frühers“ an, einer Zeit, in der die Menschen anständig und ordentlich waren. Gleichzeitig reden die vorgeblich Ungehorsamen, die den Mainstream verachten, dem Ellenbogenmenschentum das Wort – in der zweifelhaften Gewissheit, sie würden dann schon auf der richtigen Seite stehen, auf der Seite der mächtigen Profiteure nämlich. Das Problem der Selbstermächtigung ist, dass sie kein Selbstzweck sein darf. Das Land, das man sich zurückholen will, hat nie existiert.

Note to self:  Telekomiker, ich hasse euch alle. Musik: Angus & Julia Stone, Shaving the Werewolf, Veldes, Arch Enemy.

Danke!

Nach längerer Blog-Pause (Erst Grippe, dann Jahresendstress, dann Winterschlaf zwischen den Jahren) beschäftigt sich der erste Beitrag des Jahres mit Musik, mit Gitarrenmusik genauer gesagt, aber auch mit einem Artikel von Jan Stremmel aus der Online-Ausgabe der Süddeutschen von heute. Dieser Artikel trägt die Überschrift:

„Als die Frauen die Rockmusik retteten“

Ganz ehrlich, was soll man als Liebhaber von handgemachter Mucke der eher rauen Gangart da anderes sagen als: „Danke Mädels!“

Der Artikel stellt einige, nun ja, steile Thesen auf, spart auch nicht mit klischeehaften Überspitzungen und entblödet sich nicht, den männlichen Rockmusiker auf ein testosterongesteuertes, grenzdebiles Abziehbild zu reduzieren. Wir lesen solche Sätze wie:

„Während weiße, männliche Rockmusik kaum noch junge Menschen interessiert, stammt Musik, die von Experten als relevant, hochwertig und besonders zeitgemäß eingestuft wird, überwiegend von Frauen.“

Ein interessanter rhetorischer Kunstgriff, nicht wahr? Bezeichnet wird ein Gegensatz, der keiner ist, denn die Experten dürften eher ältere, weiße Männer sein und eben nicht der Durchschnittsmensch unter 40, der, das ist die These des Artikels, sich ohnehin nicht mehr für Rockmusik interessiert. Also für von Männern gemachte Rockmusik. Aber was ist mit den Begriffen „relevant“, „hochwertig“ und „zeitgemäß“?

Nun, Relevanz kann sich ja an der Popularität und damit dem kommerziellen Erfolg bemessen, da ist allerdings, zumindest für das Jahr 2018, eine ziemlich eindeutige Verteilung von Männern und Frauen festzustellen. Ob Musik hochwertig ist, kann man zwar objektiv messen, allerdings hat bei der Schöpfungshöhe Populärmusik, egal ob von Frauen oder Männern gemacht, in der Regel keine Matte gegen Jazz und Klassik. Verlässt man diese objektivierbaren Parameter, so verkommt die Wertigkeitsdiskussion zu einer Huddelei, die mit dem Satz „über Geschmack lässt sich nicht streiten“ hinreichend ausgeleuchtet ist. Und schließlich: Warum soll man von Musik verlangen, dass sie zeitgemäß ist? Ist es nicht eher so, dass „gute Musik“ zeitlos ist bzw. die Zeit überdauert? Ich meine schon.

Aber Herrn Stremmels Mission ist ja auch nicht die Auseinandersetzung mit Musik, nein, er möchte gerne die Frauen in den Himmel schreiben und die Männer marginalisieren, weil sich das heutzutage so gehört, besonders wenn man Mitglied der Redaktion der „Süddeutschen“ ist, traurig, aber nur zu wahr. Entsprechend legt der Autor nach und beschreibt, wie sich Rockmusik in der Vergangenheit konstituiert hat:

„Hier die Band als rebellischer Männerbund – dort die Frau als konsumierbarer Groupie (wenige exotische Ausnahmen wie Janis Joplin oder Patti Smith mal ausgenommen).“

Hm. Jefferson Airplane? Fleetwood Mac? The Velvet Underground? Und mal ganz ehrlich Herr Stremmel: Ich kenne Ihre feuchten Träume nicht, aber wer wen konsumiert, wenn es zum einvernehmlichen Sex im Backstagebereich kommt, das sollten sie den Beteiligten überlassen, ohne genderfaschistische Zuschreibungen. Überlegen Sie mal, wieviele Rockstücke sich mit der Anbetung, Vergöttlichung und grenzenlosen Bewunderung eines geliebten, oftmals weiblichen Menschen beschäftigen.

Klar, wir leben in einer Zeit, in der beispielsweise der „Lemon Song“ von Led Zeppelin als frauenfeindliches Machwerk gebrandmarkt wird (ein Treppenwitz), aber diese Anschauung ist eben Resultat einer prüden, lustfeindlichen Geisteshaltung, die Moment zwar leider en vogue ist, aber völlig außen vor lässt, dass Rock’n Roll schon bei seiner Erfindung ganz eindeutig sexuell konnotiert war, das hört man schon am Namen. Und das wurde in den prüden und lustfeindlichen 50er Jahren des letzten Jahrhunderts auch entsprechend kritisiert. Wollen wir wirklich dahin zurück?

Aber egal, jetzt haben ja weibliche Rockmusiker das Ruder übernommen. Der Artikel nennt Künstlerinnen wie St. Vincent, Courtney Barnett, Mitski oder Snail Mail. Ich bin ehrlich: Ich kannte keine dieser Musikerinnen, bin also ein Banause, habe mich aber mal ein bisschen auf Youtube umgetan:

Also, ganz ehrlich Herr Stremmel: Wenn so die Rettung der Rockmusik aussieht, dann gratuliere ich Jedem und Jeder, die nicht daran beteiligt sind. Und die Begriffe „relevant“, „hochwertig“ und „zeitgemäß“ erscheinen bei Ansicht dieser Grausamkeiten in einem ganz neuen Licht. Aber wie gesagt, um Musik geht es bei Ihrem strunzdummen Geschreibsel ja auch nicht. Es geht darum die Krise des Mannes herbeizuschreiben, der nicht mehr relevant sein kann, weil er nicht mehr relevant sein darf. Wir lesen:

„In dieses Vakuum, so sehen es Beobachter wie Anne Haffmans, sind nun die weiblichen Gitarrenbands gestoßen. Mit neuem Selbstbewusstsein und derselben Lust am Tabubruch, die vorher die langhaarigen Männer mit den penisbetonenden Jeans für sich beanspruchten.“

Einfallsloser und primitiver geht es kaum, aber was solls, die Richtung muss stimmen. Da erübrigt sich dann auch ein Vergleich, welche ihrer körperlichen Vorzüge die so hochgelobten Protagonistinnen beispielsweise in den oben eingefügten Videos betonen. Frauen dürfen so was.

Wissen Sie was Herr Stremmel: Bei Musik, die mir gefällt (und davon gibt es eine ganze Menge) unterscheide ich nicht, ob sie von Frauen oder Männern gemacht wurde. Mir ist egal, ob sie vor zwei Monaten oder vor 350 Jahren gemacht wurde. Es juckt mich nicht, ob die Künstler 500.000 Facebook-„Freunde“, oder überhaupt keine Seite in irgendeinem sozialen Netzwerk haben. Gute Musik kann mich emotional mitnehmen, sie kann zu wichtigen Momenten und Mitmenschen in meinem Leben gehören und sie kann meinen musikalischen Intellekt herausfordern.

Wenn ein mehrfach ausgezeichneter Journalist so eine hanebüchene Zumutung absondert, wie Sie, Herr Stremmel, dann wird mir Angst und Bange. Daran, und auch daran, dass die Süddeutsche derlei Schwachfug dann auch noch veröffentlicht, lässt sich nämlich ablesen, was derzeit so völlig falsch läuft: Hätten Sie einen Artikel über, Ihrer Ansicht nach, aufregende neue Gitarrenmusik geschrieben, ohne sich darauf zu kaprizieren, was die Musiker zwischen den Beinen haben, wäre es ja OK gewesen. Aber nein, es musste ja eine femifaschistische Kampfschrift werden. Und genau das empfinde ich als Beleidigung. Nicht als Mann, als Mensch:

Note to self: Ich will Schnee. Musik: Ach lassen wir das.

Kleine Computer

Vor ein paar Wochen hat Apple einen neuen Mac mini vorgestellt und damit das alte Modell, das technisch schon seit Jahren vollkommen überholt war, endlich ersetzt. Das ist insofern erfreulich, als es damit wieder einen stationären Mac gibt, den man seinen Kunden ohne Einschränkung empfehlen kann. Inzwischen ist dieser neue Kleincomputer von den Netzexperten auf Herz und Nieren getestet, auseinandergenommen, aufgerüstet und bewertet worden. Höchste Zeit also, dass ich meinen Senf dazugebe. Was mir bislang noch fehlt, ist ein Vergleich mit gängigen kleinen Office-PCs, die sich großer Beliebtheit erfreuen, weil sie für den durchschnittlichen Nutzer einen guten Kompromiss zwischen Leistung, Preis, Stromverbrauch und Stellfläche darstellen, und eine Betrachtung der Kosten pro Office-Arbeitsplatz. Nun denn:

Der neue Mini hat Vorzüge, aber auch ein paar Apple-spezifische Nachteile. Das hat vor allem damit zu tun, dass Cupertino diesen Rechner nicht nur als günstige Standard-Büromaschine, sondern als kompakte Workstation vermarktet. Kurz zusammengefasst:

„Pros“

  • Moderne Intel-Architektur vom 4Kern-i3 bis zum 6Kern-i7
  • Bis zu 64 GB RAM, nicht verlötet, Grundausstattung mit 8GB völlig in Ordnung
  • Typ-A USB Schnittstellen und Thunderbolt-3-Buchsen
  • optional schneller 10 GBE-Netzwerkanschluss

„Cons“

  • SSD fest verlötet
  • Einstiegsmodell mit nur 128 GB Massenspeicher
  • Einstiegsmodell kostet 899,- €

Würde Apple das kleinste Modell mit einer gesteckten PCIE-SSD mit 256 GB Kapazität anbieten, wären wirklich alle zufrieden, dann ginge auch der Preis halbwegs in Ordnung. Das wäre technisch gar kein Problem, das Design des Kistchens an dieser Stelle ist also eine politische Entscheidung, die die Obstfirma als blutsaugende Halsabschneidertruppe entlarvt. So hart muss man das kommentieren.

Der Vergleich mit gängigen, kompakten Büromaschinen macht diesen Befund recht deutlich:

Lenovo ThinkCentre M720q

Wenn man dieses Kästchen so konfiguriert, dass es dem Einstiegs-Mini möglichst ähnlich ist, dann erhält man für 619,- € immerhin 256 GB Massenspeicher (allerdings nur SATA, kein NVMe), eine 3-Jahres vor Ort Garantie und Tastatur und Maus sind selbstverständlich im Lieferumfang.

Dell OptiPlex 3060

Auch bei diesem Rechner kann man eine Konfiguration zusammenstellen, die dem kleinsten Mini sehr ähnlich ist, diese enthält dann sogar einen 6kernigen-i5, im Gehäuse ist Platz für ein weiteres 2,5-Zoll Laufwerk. Eine 256 GB M2 (SATA)-SSD ist an Bord und das Paket (mit Maus und Tastatur) geht für 629,- € über die Theke.

Intel NUC-Kit NUC8i3BEK

Der Vollständigkeit halber noch ein Barebone, der gerade erst auf den Markt kam und für ca. 270,- € zu haben ist. Baut man in dieses Kästchen 8 GB Speicher (ca. 60,- €) und eine 256 GB NVMe-SSD (ca. 80,- €) ein und rechnet den Preis für das Betriebssystem dazu (137,- €  für Windows 10 pro 64) landet man bei unter 550,- €. Zugegeben, die interne Grafik ist etwas schwächer.

Jaja, natürlich werden hier Äpfel und Birnen verglichen, das ist mir klar. Aber ein kaufmännischer Leiter, der in seiner Firma ein Schreibzimmer neu ausstatten muss, würde bei der günstigsten Variante pro Arbeitsplatz etwa 350,- € sparen und damit ist der Mac mini dreimal raus.

Und wenn man unbedingt beim Mac bleiben will, aber möglichst günstig fahren will? Na, dann rechnen wir doch mal einen Arbeitsplatz für Home-Office zusammen (kein billiges Gelumpe, vernünftige Qualität):

Mac mini, Grundausstattung 899,- €

Macally USB-Tastatur 50,- €

Logitech M500 USB-Maus 25,- €

Benq 24-Zoll-Display 150,- €

Und wir sehen, dass ein Mac-basierter, stationärer Arbeitsplatz unter 1125,-€ nicht zu realisieren ist. Das ist ja dann schon mal eine Ansage, über die sich meine Kunden sicher ganz besonders freuen werden. Um es ganz deutlich zu machen: Das ist einfach zu teuer. Aber der Preis ergibt aus der Apple-Perspektive durchaus Sinn: Der günstigste iMac, der zwar weder von der Rechenleistung, noch von der Grafikleistung mithalten kann und mit einer mechanischen Festplatte kommt, kostet 1.300,-. Drunter machen sie es nicht.

Note to self: Abstand halten. Alles andere geht auf die Knochen. Musik: Beartooth, Smile A Velociraptor, Abysmal Torment, Seasick Steve.

Pauls Akathisie

„Geh mir weg!“ Dachte oder sagte er es? Pauls Telefon hatte schon den ganzen Tag verrückt gespielt und gerade lag er in der Badewanne, die er so bald nicht zu verlassen beabsichtigte. Seit einiger Zeit verdingte er sich auf einer Internetplattform, die Dienstleistungen im weitesten Sinne vermittelte, in Pauls Fall ging es um IT-Dienstleistungen, und dafür eine fette Provison kassierte. Diese Form des modernen Unternehmertums hatte er als adäquate Reaktion auf den Verlust seiner Stellung ausgemacht.

Zunächst hatte er sich mit mäßigem Fleiß auf dem gewöhnlichen Arbeitsmarkt versucht. Einige Vorstellungsgespräche waren im Grunde erfolgreich verlaufen, auch wenn dabei schmerzhafte Sticheleien der Form „Ich sehe, Sie werden nächstes Jahr 50.“ oder „Der Sportlichste sind sie eher nicht, oder?“ zu verbuchen gewesen waren. Immerhin, Angebote gab es, aber Paul nahm sie nicht wahr. Wochenlang hatte er sinniert, bis er in einem romantischen Anfall den Deckel draufgemacht hatte: Sein eigener Herr sein, nicht länger fremdbestimmtes Objekt burgeoiser Ausbeutung, darin lag seine sicherlich güldene Zukunft. Ein Gewerbeschein war schnell besorgt, einige schicke Flussdiagramme und die Skizze eines Businessplans gingen ihm leicht von der Hand. Er hatte beim abendlichen Bier im Freundeskreis in flammenden Reden dem Leben als Entrepreneur das Wort gesungen und seine Bestimmung als Businessmann in rosigsten Farben gemalt.

Seitdem hatte er Drucker in Betrieb genommen und vor allem in den 5. Stock geschleppt, mumifizierte Windows-Installationen wieder zum Leben erweckt, an Laptops herumgelötet, defekte Mainboards ausgetauscht, Viren und Würmer entfernt und vor allem beraten, besänftigt, mit Engelsgeduld zugehört und verständnisvoll genickt. Lang waren die Tage und kurz die Nächte gewesen und als er sich nach 4 Wochen zum ersten Mal seinen Stundenlohn ausgerechnet hatte, hätte er am liebsten bittere Tränen geweint. Aber just in diesem Moment, es war an einem Freitag um kurz nach zehn abends, hatte ein Neukunde mit einem abgerauchten Netzteil seine Nummer gewählt. Ehrensache, dass er sich noch in den Skoda warf und die Angelegenheit schnell regelte, auch wenn er dazu mit der Handyfunzel in das dichteste Kabelgewirr unter einem chaotischen Schreibtisch eintauchen musste, dorthin wohin wohl noch nie ein Staubsauger oder Besen vorgedrungen war.

Paul hatte immer schon eine leichte misanthropische Ader gehabt und die neue Betätigung bot großzügige Gelegenheit, dieses zarte Pflänzchen zu einem Mammutbaum heranwachsen zu lassen. Da waren die Saboteure, die ihn stets mit einem munteren „Ich habe doch gar nichts gemacht.“ konfrontierten, weiterhin die Pseudobegabten, die den Hinweis auf das Handbuch mit Schulterzucken quittierten, dazu die Ungeduldigen, die nach fünf Minuten bereits ein „Na hören Sie, das dauert aber“ vernehmen ließen und die Traditionalisten, die immer ein „Unter XP wäre das nicht passiert!“ parat hatten. Aber am schlimmsten waren Spielkinder mit zu viel Zeit, die eine perfekte Installation innerhalb von zwei Tagen in einen Kübel Mist verwandeln konnten. Paul lernte eine neue Seite an sich kennen: Die insgeheim alles verachtende, vorgespielte Gelassenheit, die einen kugelsicheren neutralen Gesichtsausdruck vor sich hertrug. Für alles andere war er meist zu müde.

Das Telefon klingelte erneut. Fluchend arbeitete er sich aus der Wanne, tapste triefend und frierend ins Arbeitszimmer und nahm den Apparat zur Hand. Nanu? Die Nummer kannte er doch. Das war der kaufmännische Leiter seiner alten Firma…

„Computer-Nothife, was kann ich für Sie tun?“

„Mensch Schneider, das ist ja eine Überraschung. Wie gehts denn?“

„Jaja. Selbständig.“

„Ach so. Neue Laserdrucker. Sechs Stück.“

„Das sind die großen mit den Extra-Papierkassetten, oder?“

„Aha, in den Altbau. Einer pro Etage.“

„Nee, geht klar. Schaffe ich bis morgen mittag.“

„OK, bis dann.“

Er ließ die Mobilfunke aufs Sofa fallen. Das enge steile Treppenhaus kannte er noch zu gut. Die Drucker auch. Inzwischen stand er in einer kleinen Pfütze. Er dachte an die Gesichter der ehemaligen Kollegen, die ihn morgen begrüßen und dann sicher die Köpfe zusammenstecken würden. Draußen jaulte ein Hund, als hätte man ihn getreten.

Wo Herr Dörr irrt

Es tut mir leid, dass ich schon wieder in die gleiche Kerbe hauen muss. Ehrlich gesagt sind  bei mir eigentlich auch andere Themen viel angesagter, über die sich das Bloggen anböte. Nur wird über sexualisierte Gewalt gerade so viel und so viel Unsinn veröffentlicht, da kann ich die Füße nicht stillhalten. Julian Dörr schreibt heute in der Süddeutschen über den Mythos der falschen Beschuldigung. Er hätte es besser nicht getan.

Seine Argumentation (oder besser Dekonstruktion, denn objektivierbar ist dabei gar nichts) geht so: Angesichts der sehr geringen Zahl von falsch Beschuldigten beim Straftatbestand Vergewaltigung und unter Berücksichtigung des Dunkelfeldes (nicht angezeigte Taten) sei es für einen Mann wahrscheinlicher, selbst vergewaltigt zu werden, als Opfer einer Falschbeschuldigung zu werden. Deshalb sei die Debatte überflüssig und die Angst vor der Falschbeschuldigung irrational. Überdies sei auch die häufige Reaktion des Bezweifelns der Richtigkeit der Vorwürfe zu verurteilen. Zur Untermauerung dienen einige populäre Einzelfälle von Kavanaugh bis Christiano Ronaldo.

Ich habe zwei prinzipielle Probleme mit dem Artikel, will aber eines vorausschicken: Wenn Frauen (oder Männer) Vergewaltigungsvorwürfe erheben, dann wäge ich nicht ab, ob ich sie für zutreffend halte, das führt zu nichts. Tatsächlich ist es so, dass manche Männer und Frauen an dieser Stelle ein ausgeprägtes Lagerdenken an den Tag legen, das nur schwarz und weiß kennt. Könnte das nicht daran liegen, dass die Geschlechterdiskussion zu einem konfrontativen Grabenkampf verkommen ist, der keinen vernünftigen Diskurs mehr zulässt? Und ist nicht der Artikel von Dörr ein spanischer Reiter in diesem Grabenkrieg? Für mich ist viel entscheidender, in welchem Rahmen Vorwürfe geäußert werden. Eine Anzeige bei der Staatsanwaltschaft ist da ein ganz anderer Schnack, als das Vorwürgen von 180 Zeichen auf einer Internetplattform, wobei der Täter namentlich genannt wird, das Opfer aber anonym bleibt. Letzteres ist aus prinzipiellen Gründen nicht zu akzeptieren.

Punkt1: Die Sache ist viel zu ernst, um hier Abzählspielchen zu veranstalten. Tatsache ist, dass Falschbeschuldigungen vorkommen. Tatsache ist auch, dass es eine merkwürdige Häufung von Missbrauchs- und Vergewaltigungsvorwürfen bei Scheidungs- und Sorgerechtsprozessen gibt. Im Einzelfall geht das Opfer einer Vergewaltigung und das Opfer einer entsprechenden Falschbeschuldigung durch die Hölle. Es bleibt Herrn Dörrs Geheimnis, warum er versucht, dies mit statistischen Kennziffern zu relativieren.

Punkt2: Die Angst vor einer Falschbeschuldigung war noch nie so wenig irrational wie heute. Dies gilt insbesondere, wenn man nicht nur Vergewaltigung, sondern auch sexuelle Nötigung und übergriffiges Verhalten in die Diskussion hineinnimmt. Das hat zwei Ursachen: Die Form der Verbreitung und die „Ausweitung der Kampfzone“. Zu ersterem hat Jan Fleischhauer (ja, ein reaktionärer Unsympath) gestern etwas Vernünftiges geschrieben. Zum zweiten sei dies hier angemerkt: Wer über einen längeren Zeitraum solche Webpublikationen wie das „Missy Magazin“ oder „Mädchenmannschaft“ liest, wird über kurz oder lang feststellen, dass es für Männer aus der Perspektive des extremen Neofeminisimus überhaupt nur eine Möglichkeit gibt, nicht übergriffig zu sein, nämlich zu gehorchen. Das ist kein leeres Geschwafel, man recherchiere mal zum Thema „Wickelerlaubnis“, oder zum Hashtag #menaretrash.

All dies mag für eine Frau, die Opfer einer Vergewaltigung wurde, keine Rolle spielen und sogar wie eine zynische Relativierung klingen. Das verstehe ich sehr gut. Trotzdem muss es erwähnt werden: Es gibt kein richtiges Leben im Falschen, das ist so wie mit Hitler und den Autobahnen.

Note to self: Es sind sieben und es sollte keiner sein. Gelb ist das Grauen. Musik: Seasick Steve, Dir en grey, A Forest of Stars, Revocation.

Wessen Land?

Also, dass alle Online-Medien, die ich regelmäßig lese, heute den ersten Geburtstag von #metoo behandeln, ist ja klar. Für die Opfer sexualisierter Gewalt ist die „Bewegung“ sicherlich ein wichtiges Sprachrohr, wenn nicht sogar der Beginn einer neuen Epoche. Denn dass die Opfer einer vollzogenen oder versuchten Vergewaltigung oder sexuellen Nötigung schwerste seelische Traumata erleiden, die sie bis zum Lebensende quälen können, kann niemand bestreiten. Ebenso wenig kann bestritten werden, dass in vielen der beschriebenen Fälle die ungleiche Verteilung von Macht mittelbare Ursache für die Übergriffe ist. Höchste Zeit, dass darüber geredet wird. Das sei mal vorangestellt.

Wenn ich den Pfad der politischen Korrektheit im Rahmen dieses Beitrags wieder einmal verlasse, dann hat das damit zu tun, dass mit #metoo einige mittelgroße Unappetitlichkeiten verbunden sind, die die Opfer möglicherweise als nachrangig empfinden mögen, die für mich aber extrem wichtig sind:

  1. mit Rechtsstaatlichkeit spielt man nicht, auch wenn sie unbequem ist: #metoo behandelt strafrechtlich relevante Sachverhalte ohne die Regeln des Rechtsstaats, allen voran die Unschuldsvermutung und das Verbot der Vorverurteilung
  2. ein Internet-Pranger lässt einem zu Unrecht Beschuldigten keine Möglichkeit für ein faires Verfahren. In diesem Zusammenhang sei an den Selbstmord von Benny Fredriksson erinnert
  3. die Anschuldigungen beziehen sich auf ein großes Spektrum von Vorfällen von der mehrfachen Vergewaltigung in Tateinheit mit schwerer Körperverletzung bis zum unangemessen empfundenen Blickkontakt, die Behandlung unter einem Hashtag ist hochproblematisch
  4. auch wenn es uns schwerfällt: Auch Täter haben Rechte. Wird eine Tat nicht angeklagt, so verjährt sie irgendwann. Erinnern wir uns in diesem Zusammenhang an den britischen Verteidigungsminister, der, 14 Jahre nachdem er einer Frau die Hand aufs Knie gelegt hatte, zurücktreten musste. Bei #metoo verjährt nichts

Oh, ich höre schon wieder den feministischen Furor: „Typisch männliches Nebenkriegsschauplatz-Aufgeheule“ aber genau damit sind wir am Kernpunkt meiner Kritik: In der Berichterstattung zu #metoo hieß es zunächst mal, mit dem vorliegenden Befund sei die Angelegenheit ja nun klar und die Männer (nicht etwa die Täter) hätten sich dazu zu verhalten. Selbstermächtigung ist das Eine, eine Beschlagnahme der Deutungshoheit etwas ganz anderes und geschlechtsspezifische Sippenhaft schreiendes Unrecht. Inzwischen hat sich ja zum Glück die Auffassung durchgesetzt, dass #metoo zuvorderst eine Gesprächsgrundlage sein kann, auch wenn das den Vertreterinnen der reinen Lehre nicht schmeckt: Was fordert die Queer-Theorie? „Die Betroffenen sollen sprechen, die anderen schweigen.“ Nein Frau Butler, ganz so einfach ist es dann doch nicht.

Bei SPON werden anlässlich des Jahrestages 11 Forderungen gestellt und tatsächlich hätte ich zu jeder dieser Forderungen etwas zu schreiben, das würde dann aber ein bisschen lang werden. Deshalb nur so viel: Das, was die Autorinnen der Punkte 1,7 und 8 geraucht haben, würde ich im Leben nicht anfassen.

Aber das Schönste am soeben zitierten Artikel ist seine Überschrift, denn damit lassen die Urheberinnen die Katze aus dem Sack und sind schon mal ein ganzes Stück ehrlicher als Johanna Roth, die neulich in der Jugendabteilung der Süddeutschen dieses unerträgliche Geschreibsel (ein Paradebeispiel für den Unterschied zwischen Objektivität und sozialer Dekonstruktion, Gender-Forschungs-Wahrheitsverbiegung par excellence) absonderte. Die Überschrift lautet (festhalten bitte):

„Deutschland, Frauenland“

Noch Fragen?

Note to self: Mir fehlen zwei iMacs, Schweigen im Walde. Musik: Crippled Black Phoenix, Apocalyptica, Interpol, Defeated Sanity, Alkaline Trio.

Deadly Hambi

Heute Nachmittag um kurz vor vier ändert sich alles. Ein Sturz aus 15 Metern Höhe von einer Hängebrücke eines Protestcamps auf den Boden des Hambacher Forstes unter dem die Braunkohle liegt. Der Verunfallte, ein junger Journalist, erliegt wenig später seinen Verletzungen.

Die Auseinandersetzung um die Abholzung der letzten 120 Hektar des ehemals 4100 Hektar großen Waldgebiets spaltet meine Heimatregion und das schon seit Jahren. Wer die Gegend kennt, der kennt auch die Wunden, die der Braunkohleabbau in Hambach, Garzweiler, Inden und den anderen Tagebauen ihr zugefügt hat: Die Zerstörung der Landschaft, die Umsiedlung ganzer Ortschaften, die Folgen der Grundwasserabsenkung. Gleichzeitig ist die RWE (früher Rheinbraun) einer der größten Arbeitgeber der Region und viele andere Arbeitsplätze bei den Zulieferern hängen am Kohleabbau. Der Computer, auf dem dieser Text gerade geschrieben wird, läuft mit Strom aus Braunkohle.

So klar die Sache mit dem Hambacher Forst aus rechtlicher Sicht ist, so widersprüchlich ist sie gleichzeitig. Die Abholzgenehmigung der RWE wurde von zahlreichen Gerichten bestätigt. Der Widerstand der Baumschützer („Hambi bleibt“), oder jedenfalls das Errichten von Baumhäusern, ist illegal, dazu kommen zahlreiche Straftaten, eben nicht nur der berüchtigte Landfriedensbruch, sondern auch Sachbeschädigungen und Körperverletzungen. Aber fast jeder in meiner Heimat weiß, dass der Braunkohleabbau ein Auslaufmodell ist, dass die Kohle unter dem Hambacher Forst nicht benötigt wird, um die Versorgung der Region sicherzustellen, dass die alten Kraftwerke zu den größten Dreckschleudern in Deutschland gehören. Viele sind geistig flexibel genug, um einzusehen, dass mit Braunkohle betriebene Großblöcke in intelligenten, zukunftssicheren Versorgungskonzepten keinen Platz haben. Und deshalb betrachten viele den Widerstand als legitim und sympathisieren mit den „Aktivisten“. Zu einer Kundgebung am letzten Wochenende kamen Tausende.

Der tragische Unfalltot eines jungen Mannes hätte eine Zäsur sein können: Die Polizei, die zurzeit die Baumhäuser der Protestler im Wald mit riesigem Aufwand räumt, hat sich bis auf weiteres zurückgezogen. Momentan gibt es also auch Niemanden, den man mit Fäkalienbeuteln bewerfen oder mit Zwillen beschießen könnte. Aber schon wenige Stunden nach dem Tod eines Menschen wird dieser von beiden Seiten instrumentalisiert. Im Webforum des Lokalblatts werden die schwersten Geschütze aufgefahren. Der verstorbene Journalist wird zum linksgrünen Schmierfinken mit gefälschtem Presseausweis, Belege dafür werden nicht vorgelegt. Mit Häme wird angemerkt, dass der nicht bauordnungsamtlichen Vorschriften genügende Zustand der Baumhaussiedlungen wohl doch kein vorgeschobener Grund für die Räumung gewesen sei. Das Aktionsbündnis wiederum fordert die Einstellung aller staatlichen Maßnahmen „um keine weiteren Menschenleben zu gefährden“ und empfiehlt den „Aktivistis“ keine Aussagen bei der Polizei zu machen, die den Vorfall untersucht.

Heute Nachmittag um halb sechs hat sich nichts geändert. Die Angehörigen und Freunde des Toten werden hoffentlich den Zynismus der Debattenbeiträge auf beiden Seiten nicht mitbekommen. Ihr Leid und ihre Trauer wird bleiben, egal was mit Hambi wird…

Note to self: Langeweile, das ist ein gutes Zeichen. Musik: Sophie Hunger, Crippled Black Phoenix, Thou, Thrice, Clutch, Fixation On Suffering, Manes.

Sophies Welt

Über Sophie Hunger wird ja viel geschrieben. Die Rezension des letzten Albums im Spiegel ist wieder einmal der Versuch, den ganzen Kosmos ihres Kunstschaffens im Spannungsfeld zwischen steriler Eitelkeit, musikalischem Zeitgeist und Manierismen auf der einen Seite und der schlichten unbeirrbaren Natürlichkeit einer Überzeugungstäterin in feuilletonistischem Geschwurbel zu verarbeiten. Dabei kommen dann Sätze heraus wie der, den ich gerade geschrieben habe. Man kann das Zustandekommen solcher Sätze verstehen, wenn man mal ein TV-Interview mit Frau Hunger gesehen hat. Als hätte man Heidi von der Alm in den Dschungel der Großstadt verfrachtet – man möchte sich einerseits sofort als Geissenpeter verdingen, andererseits das zerbrechliche Pflänzlein auf keinen Fall bei der Entfaltung stören.

Man nimmt es der Frau Hunger gerne ab, wenn sie von den Schwierigkeiten berichtet, die den Weg von der Avantgarde zum Mainstream so steinig machen. Wer würde nicht dem Cäsarinnenwahn verfallen wollen, angesichts überbordender Lobhudeleien? Wer würde nicht die unmittelbare Einfachheit des Schaffensprozess herausstellen, an der sich angeblich nichts geändert hat? Zumindest das neue Album „Molecules“ verrät aber, dass die reizvollen Zwischenräume, in denen sich die Schweizerin bislang auszutoben pflegte, inzwischen spürbar verengt sind. Man kann das minimalistische Verknappung nennen, so wie der Kritiker bei SPON es lobend tut, man kann aber auch konstatieren, dass das neue Produkt sehr glatt und auf eine merkwürdige Art kalt daherkommt. Und das liegt eben nicht nur daran, dass es sich um durchprogrammierte Computermucke handelt, denn auch die kann enervierend reibungsvoll sein, die Musik zum gestrigen Tatort aus Berlin war da ein exzellentes Beispiel.

Keiner erwartet bei einem neuen Album von Sophie Hunger selig-schlichtes Geschrammel wie beispielsweise auf „Sketches on Sea“, ihrem im Wohnzimmer produzierten Erstling. Dazu ist sie schon viel zu lange im Geschäft und das meine ich gar nicht aus kommerzieller Perspektive, sondern eher handwerklich. Das vorletzte Album „Supermoon“ gefiel mir gerade wegen seiner unverwüstlichen Krautigkeit, dem neuen Tonträger mangelt es daran. Sophie Hunger schafft es immer noch melancholisch und gleichzeitig spröde zu sein, das „gewisse Etwas“ ist immer noch unverwechselbar und durchaus vorhanden, aber auf „Molecules“ kommt noch etwas anderes hinzu: Bemühte Eleganz. Ich gebe es offen zu: Mit eleganter Musik habe ich so meine Probleme, mag sie auch genial gemacht sein, sie nimmt mich nicht mit (wahrscheinlich, weil ich meinem ganzen Leben noch nie auch nur eine Zehntelsekunde elegant gewesen bin).

Das nächste Album von Frau Hunger wird vielleicht wieder ganz anders werden, das hoffe ich jedenfalls. Wenn das letzte Stück auf dem neuen Album namens „Coucou“ ein Ausblick darauf sein sollte, will ich mich nicht beschweren. Und zu hart abrechnen will ich auch nicht, dazu bin ich dann doch noch zu sehr Geissenpeter.

Note to self: Die einfachen Dinge tun. Unauffällig. Musik: Sophie Hunger.

Doppelte Standards

Eigentlich interessiere ich mich nicht für Tennis, aber natürlich habe ich den Ausflipper von Serena Williams im Finale der US Open im Fernsehen gesehen. Nun kann ich mangels Fachkenntnis nicht beurteilen, ob es gerechtfertigt war, dass Frau Williams den Stuhlschiedsrichter einen Lügner und Dieb nannte. Dass sie aber nicht so reagierte wie ein bedeutender Botschafter ihres Sports, der eine wirklich beeindruckende Karriere vorzuweisen hat und niemandem etwas beweisen muss, das war auch dem Unbedarftesten sonnenklar. Später warf sie eben jenem Schiedsrichter Sexismus vor. Das will ich aber an dieser Stelle gar nicht kommentieren (obwohl es mich erheblich juckt).

Nein, in diesem Artikel geht es um eine Karikatur, die ein australischer Zeichner, Mark Knight, fabriziert hat. Sie wurde in der Herald Sun veröffentlicht und löste einen so genannten Shitstorm aus. Heute wurde sie nochmals veröffentlicht, auf der Titelseite. Dazu möchte ich der Redaktion dieser Zeitung gratulieren. Hannah Pilarczyk nahm die Veröffentlichung heute auf SPON zum Anlass, den Urheber der Karikatur als rassistischen Amateur zu brandmarken.

Ich kann mich noch gut daran erinnern, als ich in einem Webstream das Finale der Australian Open zwischen Angelique Kerber und Serena Williams verfolgte. Der Stream lief auf einer Seite, auf der in Echtzeit Kommentare der User angezeigt wurden. Das Ausmaß der rassistischen Kommentare gegen Frau Williams hat mich damals unglaublich schockiert. Absolut unterste Schublade. Ich möchte im folgenden darstellen, warum die Karikatur von Mark Knight etwas völlig anderes ist und warum ich den Artikel von Frau Pilarczyk für eine ausgemachte Unverschämtheit halte:

Karikaturen sind satirische Überzeichnungen, sie verwenden nicht immer die feine Klinge, sondern bringen die in Rede stehende Begebenheit durch zeichnerische Vergröberung auf den Punkt. Sie trachten nicht danach, den Dargestellten zu schmeicheln. Wenn also ein afroamerikanischer Mensch gezeichnet wird, wird dieser Mensch mit dicken Lippen, krausem Haar und breiter Nase gezeigt. Frau Williams hat nach der Geburt ihres Kindes (die von erheblichen Komplikationen begleitet war, die ihren Gesundheitszustand bis heute beeinflussen) in die Weltspitze der Tennisprofis zurückgefunden. Für jeden ist sichtbar, dass sie ihr ideales Wettkampfgewicht noch nicht wieder erreicht hat. Sie spielt in einem figurbetonenden Ganzkörperanzug (in dem der Autor dieser Zeilen wie zweihundert Pfund Fleischwurst aussehen würde). Das ist die Serena Williams, die Mark Knight gezeichnet hat. Viel entscheidender ist aber die eigentliche Aussage der Karikatur. Sie zeigt nämlich einen Weltstar, der sich würdelos verhält, die Fassung verliert und den Erfolg ihrer japanischen Gegnerin nicht anerkennen kann. Insofern bringt sie ihre Botschaft überzeugend rüber: Da hat sich jemand zum Brot gemacht, jemand der in seinem Sport alles erreicht hat und für tausende Spielerinnen (und sehr viele Fans) auf der Welt bis jetzt ein Vorbild war.

Es ist überflüssig und peinlich, dass Frau Pilarczyk im Spiegel heute einer angeblichen rassistischen Ehrverletzung durch den Karikaturisten das Wort redet. Nicht nur das. Ihre Argumentation ist hanebüchen, oberflächlich und ein ausgezeichnetes Beispiel dafür, warum der Begriff der „politischen Korrektheit“ inzwischen als Schimpfwort verwendet wird, obwohl er doch eigentlich das Gute und Richtige meinen will. Frau Pilarczyk überspannt den Bogen: Eine Darstellung, die die unverwechselbaren Merkmale der Physiognomie afrikanischstämmiger Menschen korrekt zeigt, ist mitnichten kolonialistisch, erst recht ist sie keine Wiedergabe eines „kulturell unbewussten Bildergedächtnisses“. Bleiben wir mal beim Sport: Bei den nächsten Olympischen Spielen wird es ein Finale über 100 Meter geben. Ich biete Frau Pilarczyk eine Wette an: Dieses Rennen wird von einem schwarzen Menschen gewonnen werden. Er wird dickere Lippen haben, als ein Weißer und krauseres Haar und eine breitere Nase. All das ist scheißegal: Er wird der schnellste Mensch der Welt sein und das Stadion wird toben und diesen Menschen feiern.

„Wer den Schaden hat, spottet jeder Beschreibung.“ So wird ein bekanntes Sprichwort verballhornt. Frau Williams hatte den Schaden und erst bei der Siegerehrung, als sie ihrer Kontrahentin sehr emotional und sehr ehrlich gratulierte, hatte sie ihre Größe wiedergefunden, für die sie die Welt eben auch liebt. Aber da war das Kind schon im Brunnen. Sei sollte sich entschuldigen, das wäre wirklich groß. Und vielleicht würde Mark Knight dann wieder eine Zeichnung machen: Eine Zeichnung einer großartigen Frau mit schwarzer Haut, etwas dickeren Lippen, krausen Haaren, breiter Nase, die einen Fehler einräumt. Eine Zeichnung einer der besten Tennisspielerinnen der Welt, die noch ein Stück größer geworden ist.

Note to self: Warm wird es, dann kneift es. Der Verfall bricht sich Bahn. Musik: Pantera, Geisterfahrer, Alice In Chains, Krisiun, Alkaline Trio, Thrice.