GER vs. SWE 2:1

Gesehen: 90 Minuten, zunächst bibbernd, dann verärgert, dann hoffend, dann abwinkend, dann erlöst, dann fertig.

Das Spiel: Die ersten paar Minuten waren gar nicht mal schlecht. Werner, Reus, Draxler beweglich, gute schnelle Pässe in die Tiefe und Gefahr im schwedischen Strafraum. Dann sortierten sich die Skandinavier und begannen zu lauern. Das lohnte sich, weil in der deutschen Defensivzentrale schon wieder Probleme vorlagen. Dass dann ausgerechnet Herr Kroos mit seinem peinlichen Fehlpass den erfolgreichen Angriff des Gegners einleitete, passt genau ins Bild. Das Tor war sehenswert, aber hätte Neuer nicht völlig falsch gestanden, hätte er ihn locker runtergepflückt. Dann ging der Krampf los und bis zur Pause gelang kaum noch etwas. In der zweiten Halbzeit spielte die N11 so, wie man das von ihr erwarten darf: Gekonnt, mit Biss, mit guten Ideen und einigen, teils hochkarätigen Chancen. Dass Marco Reus traf, hat mich sehr gefreut, nach all der Scheiße in den letzten Monaten. Aber vor allem wurde gekämpft, geackert, sich reingehauen. Das war nicht alles weltmeisterlich, weiß Gott nicht. Und es gab auch einige Spieler, die nicht überzeugen konnten: Müller, Kimmich, Gündogan. Die Hereinnahme von Gomez dagegen positiv, Hector, Werner und Reus mit Pferdelunge, Rüdiger mit Licht und Schatten, Brandt sofort im Spiel. Nach der gelb-roten Karte für Jerome Boateng habe ich nicht mehr dran geglaubt. Dann kam die letzte Minute der Nachspielzeit.

Ich habe das schonmal hier geschrieben: Bei intensiv verfolgten Spielen gibt es Szenen, die sich unauslöschlich ins Gedächtnis einbrennen. 2006 gegen Polen: Odonkor auf Neuville, Tor. 2010 gegen Argentinien: Schweinsteiger über den grätschenden Verteidiger, Friedrich schiebt ihn rein. 2014 Schürle auf Götze und so weiter. Also:

Kroos legt ihn sich hin. Links, kurz vor der Strafraumgrenze. Er spricht mit Reus, man einigt sich, dass Kroos ihn anschieben und Reus ihn noch mal stoppen wird. Genau so machen sie es. Kroos holt aus, die Flugbahn des Balls ist vielversprechend. Der gute schwedische Keeper fliegt vorbei und der Ball landet neben dem Pfosten oben im kleinen Netz. Ein unhaltbarer Freistoß. Deutschland bleibt im Turnier. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Ergebnis gerecht?: Ganz, ganz sicher.

Mann des Spiels: Na?

Spruch des Spiels: „Ich hoffe er macht ihn.“(Tom Bartels vor dem vorletzten Freistoß, der ging nicht rein.)

KOR vs. MEX 1:2

Gesehen: verdammt lange 90 Minuten

Das Spiel: Die Asiaten tiefstehend, nach vorne ohne Ideen und mit vielen kleinen fiesen Fouls. Die Mexikaner nach dem Sieg über den Weltmeister vor Kraft kaum laufen könnend, langsam und ungenau. Es war zunächst eine Qual, dieses Spiel anzuschauen. Dann ein blödes Handspiel von Hyunsoo Jang und ein lässig geschossener Strafstoß: Mexiko ging nach 26 Minuten in Führung. Die Koreaner konsterniert, die Mexikaner beseelt. Viel besser wurde der Kick nicht. In Südkoreas Verteidigung konnte man slapstickartige Szenen beobachten, Mexiko nutzte diese Chancen nicht. Korea suchte die einzige Spitze Son mit langen Bällen, fand ihn zweimal, viel kam nicht dabei heraus. Dann war endlich Pause. Man hätte sich gewünscht, der kolumbianische Trainer Mexikos hätte in der Kabine etwas von dem Marschierpulver aus seiner Heimat ausgereicht, hatte er wohl nicht. Korea versuchte ein bisschen mehr nach vorne zu spielen, verhedderte sich aber ständig. Dass die Mexikaner zwar kontern können, aber dann das Tor nicht treffen, hatte man schon gegen die N11 gesehen. Deshalb brauchten sie auch diesmal einige Versuche bis Hernandez, die „kleine Erbse“, das zweite Tor erzielte. Südkoreas Anschlusstreffer durch Son fiel erst in der Nachspielzeit und damit zu spät.

Ergebnis gerecht?: Och ja.

Mann des Spiels: Chicharito, nervenstark zum 2:0

Spruch des Spiels: „Wenn unser TV-Experte den Süd-Korea-Versteher macht, mache ich den Mexikoverteidiger! (Steffen Simon)

BEL vs. TUN 5:2

Gesehen: 90 Minuten

Das Spiel: Nach 17 Minuten stellen beide Mannschaften das Toreschießen erst mal ein. Zuvor hatten die Belgier im Stile einer Klassemannschaft die tunesische Abwehr bereits einmal extrem alt aussehen lassen und einen Strafstoß verwandelt. Die Tunesier ihrerseits hatten nach einem Standard getroffen und zeigten überhaupt keine Bereitschaft, die vermeintlichen Favoriten durchmarschieren zu lassen. Das Spiel blieb offen und sehr ansehnlich. Leider mussten zwei tunesische Verteidiger schon in der ersten Hälfte rausgetragen werden, das lag aber nicht daran, dass die „Roten Teufel“ überhart gespielt hätten. Aber die Umstellungen in der Defensivabteilung der Nordafrikaner begünstigten Lukakus zweiten Treffer in der Nachspielzeit der ersten Hälfte. Direkt nach Wiederanpfiff legte Hazard auch noch einen drauf und das Spiel war entschieden. Alle schalteten einen Gang zurück, die Belgier zauberten noch ein bisschen und übernahmen auch in der Hornzottenwertung die Führung: Michy Batshuayi und Marouane Fellaini wurden eingewechselt. Beide hatten die Haare unglaublich schön. Torreichstes Spiel bisher – konnte man sich gut angucken.

Ergebnis gerecht?: Jaja, die Belgier hätten noch ein paar Tore mehr schießen können.

Mann des Spiels: Schon wieder Lukako, eins mit rechts, eins mit links. Einfach toll.

Spruch des Spiels: „Auch wenn die Sonne scheint, es regnet tatsächlich.“ (Gerd Gottlob)

SRB vs. SUI 1:2

Gesehen: 90 Minuten

Das Spiel: Vor der Partie hatte ich die Schweizer stärker als die Serben eingeschätzt, aber die legten los wie die Feuerwehr und führten nach fünf Minuten hochverdient. Die eidgenössische Innenverteidigung wirkte etwas passiv bei den gefährlichen Flanken auf Mitrovic und vorne mangelte es an Geschwindigkeit und Passgenauigkeit. Mit zäher Beharrlichkeit schaffte die Schweiz zum Ende der ersten Hälfte ein Übergewicht, aber man spielte zu kompliziert, verlor viele Zweikämpfe und konnte Serbien, das weiter zu Chancen kam, nicht beeindrucken. Nach der Pause gings eigentlich so weiter, aber gegen den Mordsschuss von Granit Xhaka in der 54. Spielminute aus ca. 30 Metern hätte kein Torhüter der Welt etwas ausrichten können. Eins der schönsten Tore des Turniers bis jetzt und der Ausgleich für die Schweiz aus heiterem Himmel. Direkt danach traf Shaqiri den Pfosten. Beide Mannschaften drehten noch einmal auf. Serbien hätte einen Elfmeter bekommen *müssen*, als Mitrovic von zwei Schweizern zu Boden gerungen wurde. Das Spiel wurde offener und zu einem echten Spektakel. Die Schweiz war in der Schlussphase bestimmend, weil sie konditionell besser war und den Sieg mehr wollte. Und dann setzten sie in der 90. Minute den tödlichen Konter, der das Spiel entschied.

Ergebnis gerecht?: Nein. Den Serben wurde ein Elfmeter vorenthalten, ein Unentschieden wäre leistungsgerecht gewesen.

Mann des Spiels: Xherdan Shaqiri, entschied das Spiel mit eiskalter Präzision

Sprüche des Spiels: „Der wickelt sich sogar ein, so als kleines Präsent!“(Béla Réthy zum Hammer von Xhaka) „Die Stürmer der Schweizer sind einsame, traurige Menschen.“(Béla Réthy zählt die Ballkontakte der schweizerischen Spitzen)

NGA vs. ISL 2:0

Gesehen: 90 Minuten

Das Spiel: Island hatte keine Probleme damit, sich auch gegen den Underdog aus Afrika mehr oder weniger hinten rein zu stellen und dem jüngsten Team der Endrunde den Ball zu überlassen. Die Nigerianer hatten offenbar das erste Spiel Islands nicht gesehen und versuchten es mit ungenauen hohen Anspielen, keine gute Idee. Die Insulaner hatten kaum Probleme, weil die „Super-Eagles“ zu langsam und zu konfus im Spielaufbau waren, schafften es aber in der Offensive zunächst auch nicht, ihrerseits wirklich Akzente zu setzen. Kein Leckerbissen dieses Spiel. Als Nigeria nach der Pause und nach einer isländischen Ecke dann zum ersten mal schnell, direkt und halbhoch spielte, erzielten sie den Führungstreffer. Wunderbar, wie Ahmed Musa den Ball in der Luft am Verteidiger vorbei legte und ihn mit Wucht in die Maschen drosch. Unhaltbar war er nicht, aber drin. Jetzt mussten die Isländer mehr tun, aber das liegt ihnen nun mal gar nicht. Nein, Nigeria drehte jetzt richtig auf. Den zweiten Treffer erzielte Musa nach einem sehenswerten Solo. Der Elfer für Island nach Video-Beweis ging übers Tor – ein gebrauchter Tag für die Wikinger, deren Schlussoffensive verpuffte.

Ergebnis gerecht?: Aber hallo! Island anfangs viel zu passiv, Nigeria wurde anscheinend in der Pause gut eingenordet.

Mann des Spiels: Ahmed Musa, Riesenspiel und tolle Tore.

Spruch des Spiels: „So fühlt er sich an!“ (Martin Schneider: Islands Torwart nach 40 Minuten fast mit der ersten Ballberührung)

 

BRA vs. CRC 2:0

Gesehen: 90 Minuten nebenbei beim Arbeiten

Das Spiel: Es hätte gut und gerne das erste torlose Spiel der Weltmeisterschaft sein können. Zwar erarbeiteten sich beide Mannschaften gute Chancen, aber Costa Rica hat mit Navas wirklich einen Klassetorwart und seine Mannschaftskameraden waren nicht präzise genug. Dass die Mittelamerikaner ansonsten gut und verbissen verteidigen können, konnte man schon im ersten Spiel sehen. Die Brasilianer versuchten etwas mehr Zug zum Tor zu entwickeln als gegen die Schweizer, hatten auch mehr vom Spiel,  aber von einem Klassenunterschied zwischen den beiden Kontrahenten konnte wirklich keine Rede sein. Je länger die Partie dauerte, umso mehr Nervosität war in den brasilianischen Reihen erkennbar. Vor allem der „teuerste Zweibeiner der Welt“ (Oliver Schmidt) hatte seine Nerven nicht im Griff: Jedes Foul führte zu theatralischen Einlagen. In der Pause beschwerte er sich beim Schiedsrichter. Und in der zweiten Hälfte hätte er mit einer peinlichen Schwalbe fast einen Elfer geschunden, wenn das Video-Schiedsgericht nicht eingegriffen hätte. Als alles schon eine Sensation erwartete, schossen Coutinho und Neymar dann innerhalb von 5 Minuten die beiden Tore. Damit war die Welt des 5maligen Weltmeisters wieder in Ordnung und nach dem Schlusspfiff vergoss Neymar Tränen der Ergriffenheit. Der Typ ist einfach ätzend.

Ergebnis gerecht?: Ein Tor zu hoch, zumal die Nachspielzeit beim zweiten Treffer eigentlich schon lange abgelaufen war. Ich hatte 2:0 getippt und freute mich entsprechend…

Depp des Spiels: Ja wer wohl?

Spruch des Spiels: „Vielleicht muss er noch mal zum Frisör.“ (Oliver Schmidt über Neymar Jr.)

ARG vs. CRO 0:3

Gesehen: 90 Minuten

Das Spiel: Zu Beginn ein rassiges Hochgeschwindigkeitsspiel, dass alles hielt, was man sich davon versprochen hatte. Die Kroaten hatten zunächst den besseren Plan. Das merkte vor allem auch der argentinische Trainer, der in seiner Coaching-Zone wie ein Derwisch auf- und niederhüpfte. Leider wurde das Spiel dann immer härter, eigentlich überhart mit wirklich üblen Fouls, aber wenigen Torchancen. So ging es torlos zum Pausentee. In der 53. Minute hatte der argentinische Torwart dann den Aussetzer seines Lebens: Er servierte Ante Rebic das Leder auf dem Silbertablett und der sagte „Danke“ und traf. Würden sich die Gauchos noch einmal aufrappeln? Ihr Trainer zeigte jetzt erste Anzeichen von Hospitalismus und die Albiceleste warf alles nach vorne. Aber die Kroaten sind eine ausgekochte Mannschaft und wenn alle Stricke rissen, kriegten die Südamerikaner weiter munter auf die Knochen. Ihre Fans verzweifelten, auf den Rängen spielten sich Dramen ab. Auf dem Spielfeld wurden Zweikämpfe zu Blutfehden, Rudel bildeten sich. Und dann kam die 80. Spielminute und Luka Modric. Ein verdeckter Schuss aus 22 Metern, halbhoch genau neben den Pfosten ins Tor. In der 90. Rakitic zum Endstand. Kroatien zerstörte Argentinien. Es könnte sein, dass wir das vorletzte Länderspiel von Lionel Messi gesehen haben, einem der besten Spieler aller Zeiten.

Ergebnis gerecht?: Ja. Die Argentinier hatten es in der Hand, ihnen versagten die Nerven. Die Kroaten waren kalt wie eine Hundeschnautze.

Deppen des Spiels: Enzo Pérez, der freistehend das leere kroatische Tor nicht traf. Willy Caballero, der vom Torhüter zum Kollaborateur wurde. Alle kroatischen Fans, die in der zweiten Hälfte gut hörbar „Ustaša,Ustašaskandierten.

Spruch des Spiels: „Das ist kein Pressing, das sind regelrechte Überfälle!“ (Béla Réthy lobt die kroatische Vorwärtsverteidigung)

FRA vs. PER 1:0

Leider das Spiel der Dänen gegen Australien wegen der Arbeit komplett verpasst, aber richtig getippt. Auch schön.

Gesehen: 2. Hälfte nach der Arbeit.

Das Spiel: Ich gebe es hiermit zu: Frankreich ist mein Titelfavorit. Nicht weil sie den teuersten Kader haben, sondern weil Dembelé, Kanté, Griezmann und Mbappé absolute Ausnahmekönner sind und der Trainer Didier Deschamps genau weiß, was er tut. Aber auch im zweiten Spiel passierte der „Equipe Tricolor“ das gleiche wie gegen Australien. Nach der sehenswerten Führung zog man sich gegen die vom Ausscheiden bedrohten Peruaner zurück und überließ ihnen das Feld. Die Südamerikaner schossen aus allen Rohren, trafen aber nicht. Erster Torschuss Frankreichs in der zweiten Hälfte in der 81. Spielminute! Der Kommentator nannte das, was die Franzosen spielten, Verwaltungsfußball und nach 90 Minuten ließen sie als Sieger den Stift fallen.

Ergebnis gerecht?: Irgendwie nicht. Peru hatte einen Punkt verdient.

Mann der Spiels: Kylian Mbappé. Machte ihn rein.

Spruch des Spiels: „Das gehört sich nicht.“ (Oliver Schmidt kämpft gegen Windmühlen, als Mbappé bei seiner Auswechslung in Zeitlupe jeden abklatscht, dem Schiri ausführlichst die Hand schüttelt und im Schneckentempo Richtung Außenlinie schleicht.)

IRN vs. ESP 0:1

Gesehen: 90 Minuten

Das Spiel: Eine Krux im modernen Fußball ist ganz offensichtlich: Es ist viel einfacher das Spiel des Gegners zu zerstören, als das eigene aufzuziehen. Selbst mittelmäßig begabte Mannschaften können Klasseteams alt aussehen lassen. Die Partie der Spanier, eine der taktisch ausgekochtesten Mannschaften der Welt, gegen die Iraner war ein gutes Beispiel dafür. Die Ausgangslage sprach eben für die Männer vom Golf, die das erste Spiel glücklich gewonnen hatten, während Spanien nur ein Unentschieden zu Buche stehen hatte. So spielte der Iran dann: Hinten massiert, viele Fouls, Zeitschinderei von der ersten Minute an. Das ganze begleitet vom gleichförmigen Tröten persischer Vuvuzelas. Nein, es war kein schönes Spiel. Und während Gerd Gottlob die Defensivbemühungen Irans enthusiastisch feierte, wuchs mein Mitleid mit den Spaniern, die wirklich alles versuchten. Irgendwann klappte es dann doch und das Tor „tat dem Spiel gut“. Iran traute sich was, kam zu Chancen, erzielte sogar ein Tor, das aber nicht gegeben wurde. Die Iberer blieben auch am Ball. So blieb es spannend bis zum Schluss.

Ergebnis gerecht?: Die Spanier hätten einen deutlichen Sieg verdient gehabt.

Mann des Spiels: Diego Costa, der einzige Torschütze

Spruch des Spiels: „So viel zum Thema Experte!“ (TV-Experte Stefan Kunz im Studio, der dem Iran eine vernichtende Niederlage prophezeit hatte)

POR vs. MAR 1:0

Gesehen: 1. Hälfte im Büro

Das Spiel: Schon wieder Ronaldo in der Anfangsphase. Der Mann ist offenbar immer sofort auf Betriebstemperatur. Schade, dass die Marokkaner so oft foulten. Die Portugiesen hielten dann irgendwann ein bisschen mehr Abstand als üblich. Ansonsten kämpften die Nordafrikaner mit stumpfen Waffen. Das Spiel plätscherte dahin…

Ergebnis gerecht: So viel ich gesehen habe, hochverdient.

Mann des Spiels: CR7

Spruch des Spiels: „Jetzt hat Amrabat seinen Helm ausgezogen.“ (Steffen Simon)

Von Uruguay gegen Saudi Arabien habe ich nichts gesehen, deswegen dazu auch kein Kommentar.