PER vs. DEN 0:1

Gesehen: Das ganze lange Spiel.

Das Spiel: Manchmal versteht man Fußballspieler nicht. Als der Peruaner Cueva kurz vor dem Seitenwechsel so komisch zum Strafstoß anlief, hatte man als erfahrener Zuschauer schon ein ungutes Gefühl. Er setzte den Ball gut einen Meter über den Kasten. So ähnlich war das gesamte Spiel bis dahin gelaufen: Ungenauigkeiten auf beiden Seiten. Viel nervöses Bemühen, aber wenig Substanzielles. Nach knapp 60 Minuten nutzten die Dänen eine ihrer wenigen Chancen zur Führung. Dann wurde es ein richtig gutes Spiel, denn die Männer aus den Anden kämpften nun mit Leidenschaft und die Dänen bekamen sie nie in den Griff. Doch keine der hochkarätigen Möglichkeiten von Farfan und Guerrero führte zum Treffer. Schade irgendwie.

Ergebnis gerecht?: Eigentlich nicht, aber wer beste Chancen nicht nutzt, kann kein Fußballspiel gewinnen.

Depp des Spiels: Christian Cueva

Spruch des Spiels:  „So schießt man Freistöße.“(Oliver Kahn zur Ausführung des Elfers)

ARG vs. ISL 1:1

Gesehen: 90 Minuten (allerdings im „second screen“ simultan mit dem Start der 24h von Le Mans)

Das Spiel: In der ersten Hälfte das erwartete Spiel. Argentinien mit fast 80% Ballbesitz , die Isländer geschickt verteidigend. Wenn die Nordmänner aber mal ins letzte Drittel vordringen konnten, waren sie immer gefährlich, weil die Gauchos in der Abwehr vogelwild spielten und miserabel standen. Die zweite Hälfte noch einseitiger, aber auch langweiliger. Die Argentinier versuchten sich in der Zentrale durchzukombinieren oder von der Strafraumgrenze zu schießen, nur war da immer ein Wikingerbein dazwischen. Hohe Anspiele unterließ man, weil Island so ungefähr jedes Kopfballduell der Partie gewann. Tja, und wenn der 5fache Weltfußballer den Strafstoß nicht reinkriegt, dann kommt eben insgesamt eine Blamage des Vizeweltmeisters raus.

Ergebnis gerecht?: Durchaus.

Mann des Spiels: Hannes Thor Halldórsson, der Keeper der tapferen Isländer.

Spruch des Spiels: „Der hat das Dribbeln in der Telefonzelle gelernt, als es die Dinger noch gab.“ (Claudia Neumann über Lionel Messi)

FRA vs. AUS 2:1

Gesehen: 90 Minuten

Das Spiel: Ein merkwürdiges Spiel. Die Franzosen, beseelt von der eigenen Genialität, standen sich selbst ein bisschen im Weg. Und da, wo sie nicht standen, stand immer mindestens ein Australier. Die Männer von Down Under spielten sozusagen im Känguru-Modus: Hinten rustikal mit Boxhandschuhen und nach vorne mit großen Sprüngen, aber eigentlich nur nach Standards gefährlich. Und die Franzosen ließen sie machen, als wäre es ein Freundschaftsspiel. So ging es in der zweiten Halbzeit erst mal weiter, bis dann der Videoschiedsrichter zuschlug. Ja, war ein Foul und ein gut geschossener Elfmeter der Franzosen. Das Handspiel vom Umtiti war aber ebenso eindeutig und der Ausgleich verdient. Danach passierte lange Zeit nicht viel, bis ca. 10 Minuten vor Schluss den Australiern so allmählich die Puste ausging. Der Siegtreffer durch Pogba war ein Verlegenheitsschuss, der aber genau passte.

Ergebnis gerecht?: Eigentlich nicht. Aber wer so gewinnt, kann Weltmeister werden.

Mann des Spiels: Aaron Frank Mooy, Australiens Oberkämpfer

Spruch des Spiels: „Nicht jede Berührung ist ein Foul. Wir spielen hier kein Schach.“ (Béla Réthy)

POR vs. ESP 3:3

Gesehen: Alles

Das Spiel: Ein Klassespiel! Sicher mit Abstand das höchste Niveau bisher bei der WM. Tolle Tore, tolle Kombinationen, großartig. Die ersten wirklich kniffeligen Situationen für den Schiedsrichter und den Videoschiedsrichter. Hätte ich den Strafstoß für Portugal gegeben? Nicht unbedingt. Aber so segelte CR7 erst durch den spanischen 16er, traf dann vom Punkt und sorgte dafür, dass die Spanier einem Rückstand hinterherlaufen mussten. Und das sogar zweimal. Trotzdem wirkten sie gar nicht verunsichert, im Gegenteil: Die Tiki-Taka-Truppe zeigte, dass sie immer noch zu den cleversten Teams der Welt gehört, glich zweimal aus und setzte noch einen drauf. Und nach wie vor gilt: Ist Spanien erst mal in Führung, verstehen sie es meisterlich, das Spiel zu kontrollieren. Nur gab es dann eben noch diesen Freistoß. Und den kann man nicht besser schießen.

Ergebnis gerecht?: Ja. Mannschaftliche Abgeklärtheit schlägt einen absoluten Ausnahmekönner manchmal eben doch nicht.

Mann des Spiels: Christiano Ronaldo. Drei Tore, da gibts nichts zu debattieren.

Spruch des Spiels: „Das spielen die noch nachts um drei.“ (Gerd Gottlob nach dem gefühlt hundertsten Pass der Spanier in Serie).

MAR vs. IRN 0:1

Gesehen: Fast 90 Minuten.

Das Spiel: In der ersten Hälfte recht ansehnlich mit dominierenden Marokkanern und listig konternden Männern vom Golf. In der zweiten Halbzeit ein grottiges Geschiebe, Gefoule und Schauspielerei, die man sich kaum angucken konnte. Dazu technische Fehler auch von Leuten mit internationalem Renommee. Dass dann das Tor in der 95. Minute durch ein (allerdings sehr sehenswertes) Eigentor fiel, passt zwar zum Spiel, ist aber trotzdem ärgerlich.

Ergebnis gerecht?: Niemals: Die Marokkaner müssen sich fragen, wie zum Teufel sie dieses Spiel verlieren konnten.

Depp des Spiels: Aziz Bouhaddouz, auch noch ein Sankt-Paulianer. Hach ja.

Spruch des Spiels: „Das ist ein Turkmene. Jaja, nicht alle Iraner sind Perser.“ (Tom Bartels)

 

EGY vs. URU 0:1

Gesehen: Zweite Halbzeit ohne Ton nebenbei im Büro

Das Spiel: Die Urus wirbelten ganz gut, kriegten ihn aber nicht rein. Die Nordafrikaner gruben sich ein und standen im Weg. Gut, dass das Tor dann in der Nachspielzeit für die stärkere Mannschaft fiel. Schöne Flanke mit Wumms, wuchtiger, platzierter Kopfball. Edison Cavani hatte wie immer die Haare sehr schön. Luis Suárez‘ Überbiss wirkte gefährlich wie eh und je. Ansonsten wurde der zweifache Weltmeister nicht gefordert.

Ergebnis gerecht?: Absolut.

Mann des Spiels: José María Giménez, Schütze des goldenen Tores

Spruch des Spiels: Siehe Rubrik „Gesehen:“

 

RUS vs. KSA 5:0

Der Ball rollt. Nach einem kurzen Kundeneinsatz und einer kleinen Gartenschlacht war ich pünktlich zu Hause und vor dem Bildschirm. Ist jetzt nicht so, als hätte ich die Stunden gezählt, aber natürlich freue ich mich, dass es endlich los geht.

Gesehen: Die vollen 90 Minuten.

Das Spiel: Naja, es gab schon deutlich schlechtere Eröffnungsspiele, die vor allem durch taktisches Hin- und Hergeschiebe eben nicht in Erinnerung blieben. In der ersten Halbzeit suchten und fanden die Russen die riesigen Lücken in der saudischen Defensive, in der zweiten gab es auch viel Sommer-Feierabend-Fußball, bevor die „Sbornaja“ fulminant den Deckel drauf machte. Die Araber konnten technisch und von den Spielanteilen bis kurz vor Schluss einigermaßen mithalten, waren aber körperlich, spielerisch und vor allem taktisch hoffnungslos unterlegen. Russland kam nie wirklich in Bedrängnis und spielte die Partie dann routiniert runter. Der Kommentator wies darauf hin, dass es der vorletzte Tag des Fastenmonats Ramadan war. Möglicherweise ging den Saudis dann auch zum Ende des Spiels der Sprit aus. Das 4. Tor der Russen per Außenrist-Schlenzer war das Sahnehäubchen der Partie.

Ergebnis gerecht?: Aber ja. Ein Tor zu hoch vielleicht.

Mann des Spiels: Denis Tscheryschew, zweifacher Torschütze

Spruch des Spiels: „Wer sich jetzt schon Sorgen um das spielerische Niveau dieser WM macht: Hier spielen die in der Weltrangliste am schlechtesten platzierten Teams des Turniers gegeneinander.“ (Tom Bartels).

Ol‘ Man Metal

Baton Rouge ist die Hauptstadt Louisianas, am Mississippi gelegen und mir bis jetzt nur dadurch bekannt, dass es die Heimat von Thou ist. Thou ist ein seit 2005 bestehendes Metal-Quintett, eine echte Untergrund-Combo und daran wird sich sehr wahrscheinlich auch nie etwas ändern. Wie wohl eine typische Probe aussehen könnte? Natürlich reine Spekulation, aber ich stelle mir das so vor:

Es ist heiß in Louisiana, heiß und feucht. Aufgrund jahrelanger Erfahrung kann ich mir den Geruch des Proberaums ungefähr ausmalen: Muffig, elektrisch, vor langer Zeit verschüttetes Bier, ein bisschen Fäule vom Fluss und vom Sumpf. Bryan Funck schlurft zum Mikro, schaut in die Runde, nickt. Josh Nee klopft die Vier an und dann rollen die ersten schweren Akkorde durch die Nacht. Thou spielen Drone Doom, eine Spielart des Metals, die mich einfach fasziniert: Turmhohe Ruinen aus dumpf grollenden Gitarren-Sounds, von Schlagzeug und Bass mühsam eingerüstet. Langsam, quälend, unerbittlich. Lange Stücke, die sich subtil entwickeln. Musik, in der man sich verlieren kann, wenn man nur gründlich genug zuhört. Sonst ist es Lärm.

Thou sind nicht ganz so orthodox wie, meinethalben, SunnO))). Man arbeitet etwas strukturierter, also songorientierter, verwendet wiederkehrende Parts und beschränkt die Länge der Stücke auf ein paar Minuten. Der Gesang ist beißend, kreischend, mitreißend ekstatisch. Die Texte handeln vom Kollaps der Gesellschaft und Verzweiflung. Das ganze eingebettet in die Schwüle der Südstaaten. Ein Alligator, der in Zeitlupe unaufhaltsam auf dich zu kriecht. So klingt Thou. Genau so verschroben wie die Musik ist auch die Webseite: Schwarz, weiß, eine einzige eingebettete Grafik. Es ist ein bisschen schade, dass sie aufgeräumt haben. Jahrelang und bis vor ein paar Wochen gab es dort unglaublich merkwürdige Texte zu lesen, die man wahrscheinlich nur dann verstehen konnte, wenn man selber Südstaatler ist, aber mit dem typischen Südstaatler (Smoked Ribs, F150 mit der bekannten Flagge usw.) so gar nichts zu tun hat.

Thou sind unglaublich produktiv und haben eine ganz merkwürdige Art, ihr Material zu veröffentlichen: Erstens gibt es sehr viele Splits und Kollaborationen: Man versteht sich eben als Teil eines Netzwerks, das im weitesten Sinne in der Region New Orleans-Baton Rouge angesiedelt ist, also in einer Gegend, in der Blues, Jazz, Cajun und Blue Grass die dominierenden Genres sind und Metal eine absolute Randerscheinung ist. Zweitens hauen sie in unregelmäßigen Abständen immer einen ganzen Schwung an Tonträgern raus, aber anders als alle anderen: Vor jedem Album gibt es mindestens eine EP, meistens mehrere, um die Fans anzufüttern. Die Cover dieser Scheiben sind so schwarz und weiß, wie die Webseite und ahmen mittelalterliche Holzschnitte oder Kupferstiche nach. Das neue Album erscheint erst im August aber die beiden begleitenden EPs liegen schon vor:

„The House Primordial“ ist eine klassische Thou-EP mit allen Zutaten, die bereits aufgezählt wurden. Wenn man sich mal einen Spaß macht und eine Playlist erstellt, die ganz altes und ganz neues Material der Kapelle enthält, dann kann man keinerlei Entwicklung heraushören, weder kompositorisch, noch produktionstechnisch, noch vom Sound her. Naja, Alligatoren gibt es ja auch schon ein bisschen länger (als Primaten beispielsweise). Solide, aber keine Überraschungen.

Dagegen ist „Inconsolable“ (=trostlos) ein ganz anderer Schnack. Es gibt keine verzerrte Gitarre auf der Scheibe, nur cleane und akustische Klampfen, sehr wenig Schlagzeug und nur Klargesang. Da sind wir schon beim Thema: Sollte Bryan diese EP wirklich ganz alleine eingesungen haben, samt der hohen Backings und Hooks, dann ist es eine Schande, dass er bislang nur geschrien hat. Abgesehen vom Arrangement bewegt man sich in bekannten Gefilden: Ganz einfache Melodielinien, sehr viele Wiederholungen, schwüle Schlichtheit und unendliche Traurigkeit. Man sollte diese Platte nicht hören, wenn man einen schlechten Tag hat, sonst springt man aus dem Fenster. Trotzdem ist es atemberaubend, wie viel Schönheit in dieser Abgrundtiefe steckt. Ich bin sehr, sehr gespannt auf das Album.

Note to self: Ich wusste nichts von deinem Backup. Musik: Thou.

Feucht

Es gibt diese Herbert Knebel Momente. Treffe ich zum Beispiel auf Mitmenschen, die mir entweder mit dem Hintern ins Gesicht springen, oder deren Verhalten ich mir einfach nicht erklären kann, dann denke ich mir im Stillen: „Aber komm, hat sich keiner selbst gemacht, Hauptsache das Herz ist gut.“ Und als ich heute mit meinem Bruder eigentlich zur Gartenarbeit in die völlig verregnete Nordeifel fuhr, mit den Wischern auf höchster Stufe, da fragte ich mich:“Kommt mich jetzt schon Moos aus den Ohren raus?“ Und direkt danach fragte ich laut in Richtung Beifahrer mit Lothar Günther Buchheim: „Herr im Himmel – sollen wir alle ersäuft werden?“

Seit Tagen regnet und gewittert es im Westzipfel, als hätte wirklich jemand beschlossen, dass auch Landratten im Seemannsgrab ihre letzte, nasskalte Ruhe finden sollen. Die Kaiserstadt erwischte es am schlimmsten am letzten Dienstag, als Teile der Innenstadt buchstäblich absoffen und ein guter Teil des Ergusses auch in einen von uns vermieteten Keller eindrang. Man könnte jetzt den Klimawandel konstatieren und die Apokalypse heraufbeschwören, aber das ist mir zu billig. Viel naheliegender ist mir der Satz: „Die Erde schwitzt.“, denn beim Thema „schwitzen“ bin ich betroffener Experte, aber das ist ein Thema für einen anderen Beitrag, der vielleicht niemals geschrieben werden wird, weil man ja als Betroffener auch kaum über juckenden Ausschlag in meist bedeckten Körperregionen oder chronische Durchfälle veröffentlicht. Vielleicht nur so viel: Auch da passt ein Zitat von Buchheim: „Wir hatten vergessen, wie es sich anfühlt, trocken zu sein.“

Die Gartenarbeit musste also heute weitestgehend ausfallen, immerhin wurde die Motorsense geschwungen und die Einfahrt in einen einigermaßen präsentablen Zustand versetzt. Aber Rasenmähen und Einsäen mussten unterbleiben. Das ist umso bitterer, wenn man sich die Tage, an denen diese viel zu lange aufgeschobenen Tätigkeiten erledigt werden sollten, eben nicht aussuchen kann, weil es ja auch noch genügend andere Verpflichtungen gibt. Man wünscht sich manchmal ein wunderbar mildes Herbizid, das das Pflanzenwachstum zumindest auf ein erträgliches Maß reduzieren könnte. Und gelegentlich träume ich von Mährobotern, die heinzelmännchengleich über ein gewisses Grundstück in der Gemeinde Simmerath krabbeln. Ach ja.

Das Schlimmste scheint nun überstanden zu sein. Alles, was auf meinem Balkon im weitesten Sinne sukkulent ist, hat sich gelb verfärbt. Dagegen stehen die beiden Exemplare dieser unbekannten brasilianischen Pflanze, die der Vater einer Freundin dereinst aus Südamerika importierte und die sich in Form von Ablegern inzwischen über die ganze Clique verbreitet hat, in voller Blüte. Wenn das ein botanisches Fußballorakel sein sollte, eine subtilere Fortsetzung der Krake-Paul-Geschichte, dann folgere ich hiermit, dass Saudi-Arabien, Tunesien, Marokko und  Mexico chancenlos in der Gruppenphase ausscheiden werden und die Selecao den sechsten Stern einfahren wird.

Note to self: Wonnemonat, und jetzt ziellos konsumieren. Musik: Melvins, Black Matter Device, Thou, Amorphis.